ë - Jehona Kicaj
Beschreibung des Verlages:
Der ungewöhnliche Titel »ë« steht für einen Buchstaben, der in der
albanischen Sprache eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist gar
nicht ausgesprochen wird. Als Kind von Geflüchteten aus dem Kosovo ist
die Erzählerin auf der Suche nach Sprache und Stimme. Sie wächst in
Deutschland auf, geht in den Kindergarten, zur Schule und auf die
Universität, sucht nach Verständnis, aber stößt immer wieder auf
Zuschreibungen, Ahnungslosigkeit und Ignoranz.
Als der Kosovokrieg Ende der 90er-Jahre wütet, erlebt sie ihn aus
sicherer Entfernung. Doch auch in der Diaspora sind Krieg und Tod
präsent – sie werden nur anders erlebt als vor Ort.
Der Roman »ë« erzählt von dem in Deutschland kaum bekannten Kosovokrieg
und erinnert an das Leid von Familien, die ihre Heimat verloren haben,
deren ermordete Angehörige anonym verscharrt wurden und bis heute
verschollen oder nicht identifiziert sind. Eine Vergangenheit, die nicht
vergehen kann, weil sie buchstäblich in jeder Faser des Körpers steckt,
wird von Jehona Kicaj im wahrsten Wortsinn zur Sprache gebracht.
Inhalt:
Die namenlos bleibende Erzählerin dieses Romanes leidet an Bruxismus, Zähneknirschen. Sie knirscht so intensiv, dass sie morgens Splitter ihrer Zähne im Mund hat. Schnell wird klar, dass die erlebte Flucht aus dem Kosovo und die dadurch entstandene Sprachlosigkeit sich auf diese Weise körperlich bei ihr zeigen. Zufällig stösst sie auf die Vorlesungsreihe einer Forensikerin, die sich in verschiedenen Kriegsgebieten der Knochen und Zähne getöteter Menschen annimmt, um deren Hinterbliebenen die Möglichkeit zum Trauern und den Ermordeten ein würdevolles Begräbnis zu schenken. Die Protagonistin erkennt dabei, wie das Suchen und Forschen nach Knochen oder nach Sprache, nach Aufklärung und Frieden, nach Versöhnung und Linderung sich ähneln.
Meine Meinung:
Jehona Kicaj gehört definitiv zu meinen Entdeckungen des Jahres. Nachdem ich sie im Mai (gemeinsam mit der lieben Angie) bei den Solothurner Literaturtagen während einer Lesung und eines Podiums erleben durfte, war mir klar, dass ich ihren Debütroman lesen wollte und ich bereue es nur ein wenig, dass ich mir das Buch nicht direkt vor Ort habe signieren lassen. Neben ihrer unglaublich präzise und eindringlich beschreibenden Sprache und der grandiosen Symbolik des Romans hat mich vor allem Kicajs auch in Solothurn wahrnehmbare klare Haltung beeindruckt. Unter anderem hat sie nämlich ihre dortige Lesung dafür genutzt, um Peter Handkes Genozidleugnung zu verurteilen, was leider so wenige Autor*innen machen.
Besonders berührt haben mich die Szenen direkt nach der Ankunft in Deutschland, wo die Protagonistin in der Schule von absolut nicht im Umgang mit traumatisierten Kindern geschulten Lehrkräften vorgeführt und retraumatisiert wird. Es hat mich an meine eigene Schulzeit und die so vielen aus dem Kosovo geflüchteten Kinder in unserem Schulhaus erinnert. Wie sie gedemütigt worden sind, wie sie mitten im Unterricht in Tränen ausgebrochen sind, wie sie tagelang fehlten, wie sie gegen die Rückführung (in der Schweiz so brutal "Ausschaffung" genannt) gekämpft haben und wie die meisten von ihnen plötzlich nicht mehr auftauchten, weil sie das Land verlassen mussten. Wie wir alle nicht verstanden haben, was da eigentlich geschieht und wie dann, als sie weg waren, die Lehrer sich darüber lustig machten und uns sagten, es sei ihnen nur recht geschehen.
Schreibstil und Aufbau:
Kicaj schreibt ihre Szenen so, dass man beim Lesen ganz nahe bei ihrer Protagonistin und mitten im Geschehen ist. Und die Szenen springen zwischen dem Alltag, den Erinnerungen der Erzählerin und ihren Erlebnissen im Kosovo hin und her. Wir befinden uns beim Zahnarzt im Wartezimmer oder auf dem Behandlungsstuhl und dann erinnern wir uns an den Grossvater und dessen Abwesenheit. Wir begleiten Elias, den Freund der Protagonistin, durch eine Ausstellung und hören ihn unbedachte Äusserungen zu Krieg und Flucht und Heimat machen und sind dann plötzlich in einem Hörraum, wo wir einer Vorlesung in Forensik lauschen. Die Szenen greifen nahtlos und stimmig ineinander und Kicaj erzählt eine Geschichte des Krieges, des Vermissens, der Ungerechtigkeit und des Ankommens nach einer Flucht in einem rassistisch geprägten Land. Von der Suche nach der eigenen und der neuen Sprache, einem Weg, zu erzählen, was geschehen ist, Worte zu formen statt sie zwischen den Zählen zu zermalmen und einzustehen für sich selber.
Meine Empfehlung:
Das Buch ist so wertvoll und berührend geschrieben und beim Lesen hatte ich stets die warme, freundliche Stimme der Autorin im Ohr, was natürlich geholfen hat. Und doch wird natürlich die Geschichte eines furchtbaren Krieges erzählt und es ist wichtig, dass wir darüber lesen und uns darauf einlassen. Ich hoffe sehr, bald wieder ein Buch aus Kicajs Feder lesen zu dürfen und lege euch in der Zwischenzeit ihren Erstling ans Herz.
Zusätzliche Infos:
Titel: ë
Autorin: Jehona Kicaj, geb. 1991 in Kosovo und aufgewachsen in Göttingen,
studierte Philosophie, Germanistik und Neuere deutsche
Literaturwissenschaft in Hannover. Nach wissenschaftlichen Publikationen
erscheinen von ihr seit 2020 auch literarische Texte. Sie ist
Mitherausgeberin der Anthologie »›Und so blieb man eben für immer‹.
Gastarbeiter:innen und ihre Kinder« (2023). Mit ihrem mehrfach
ausgezeichneten Debütroman »ë« stand sie auf der Shortlist für den
Deutschen Buchpreis 2025.
Sprache: Deutsch
Hardcover mit Schutzumschlag: 176 Seiten
Verlag: Wallstein Verlag
Erschienen: 23.07.2025
ISBN: 978-3-8353-5949-9
Rezension: ë
Rezension: Das Glück beginnt in Istrien
| Dieses Buch ist ein Rezensionsexemplar aus dem Gmeiner Verlag |
Das Glück beginnt in Istrien - Silvia Trippolt
Beschreibung des Verlages:
Kein Job, keine Wohnung und ein Verlobter, der sich als Millionenbetrüger entpuppt. Rezeptionistin Linda lässt Graz hinter sich und flieht mit ihrem klapprigen Fiat Panda nach Istrien. Als ihr Wagen im Wald liegen bleibt, findet Trüffelsucher Marko mit Dackel Pino sie und bringt Linda in ein kleines B&B in Rovinj, einen Zufluchtsort für gestrandete Seelen. An der zauberhaften Adriaküste will Linda ihr Leben neu ordnen und beschließt, nie wieder einem Mann zu vertrauen. Doch als sie Marko erneut begegnet, funkt ihr Herz dazwischen.
Inhalt:
Nachdem ihr Leben gefühlt von einem Tag auf den anderen in sich zusammen gefallen ist, steigt Linda ins Auto und fährt ohne Rücksicht auf Verluste und ihre Umgebung einfach los, bis das Benzin ausgeht und sie mitten im Wald an einem unbekannten Ort strandet. Der Trüffelsucher Marko findet sie und bringt sie nach Rovinj ins B&B seiner Tante Daria. Darias Kochkünste, ihre Fähigkeit, zuzuhören aber auch im richtigen Moment zu schweigen und die anderen Bewohnenden des B&Bs entpuppen sich als äusserst heilsam. Linda muss zwar noch einige nicht ganz einfach Entscheidungen fällen und ihr Leben neu ordnen, aber mit den in Istrien geschlossenen Freundschaften, der tollen Verpflegung und dem entspannten Lebensstil, der an der Adria vorherrscht, hat sie die beste Unterstützung, die sie bekommen kann.
Meine Meinung:
Voller Vorfreude habe ich mich in dieses bunte Leseabenteuer gestürzt, schliesslich kenne ich ich einige (Küsten-)Regionen Kroatiens schon sehr gut, ausgerechnet nach Rovinj hat es mich aber noch nie verschlagen. Dies möchte ich nun aber ändern, so neugierig hat mich Silvia Trippolt auf das Küstenstädtchen gemacht. Einige von euch wissen ausserdem sicher, dass Hotels und B&Bs in Büchern mich immer abholen, weshalb es mir Daria mit ihrem B&B Vista Mare einfach angetan hat. Die Protagonistin Linda und ich sind zwar leider keine Freundinnen geworden, dafür haben mich die anderen Figuren für sich einnehmen können und die kurzweilige Geschichte hat mich trotz ihrem eher simplen Stil und ihrer Vorhersehbarkeit hervorragend unterhalten.
Schreibstil und Aufbau:
Besonders gut gefallen haben mir die wunderschönen und zum Träumen einladenden Beschreibungen der Küstenlandschaft und der Kulinarik. Trippolt zaubert ein gemütliches Urlaubsfeeling und zeigt, dass sie sowohl die Landschaft Istriens als auch die Gepflogenheiten der Region sehr gut kennt.
Das Buch ist so aufgebaut, dass nach und nach die Geheimnisse der Bewohnenden des B&B Vista Mare gelüftet werden. Vor allem Darias Geschichte hat mich dabei berührt. Dies waren aber leider die einzigen Szenen, in denen das Buch ein wenig tiefgründiger wurde. Ansonsten bleibt die Geschichte eher oberflächlich und vorhersehbar. Auch den Schreibstil habe ich leider als sehr schlicht und holprig empfunden, was ich aber auch ein wenig dem Lektorat anlaste. Sätze wie "Liebevoll nimmt sie eine Kammmuschel heraus, setzt sie auf ihre Handfläche und betrachtet sie liebevoll.", dürfen einer Lektorin einfach nicht durch die Lappen gehen. Ermüdende Wiederholungen finden sich vor allem auch am Anfang der Geschichte, während dem die Protagonistin in stets ähnlichen Worten über ihre miserablen Lebenssituation jammert. Ihr nie endendes Selbstmitleid und ihre unreife Art haben mich generell gestört. Dafür haben es mir Figuren wie Daria oder die Boutiquenbesitzerin Matea so richtig angetan. Sie beweisen, wie facettenreich Trippolt ihre Figuren und deren Lebensumstände eigentlich schildern könnte.
Meine Empfehlung:
Aller Kritik zum Trotz hat mich das Urlaubsfeeling begeistert und der sehr leichte Schreibstil sorgt dafür, dass man nur so durch die Geschichte rast und dabei auch immer mal wieder etwas über die Geschichte und Kultur von Rovinj erfährt. Das Buch ist also definitiv perfekt als kurzweilige Urlaubslektüre für heisse Sommertage geeignet.
Zusätzliche Infos:
Titel: Das Glück beginnt in Istrien
Autorin: Wenn die Adria ruft, antwortet die Kärntner Autorin und Gastronomin
Silvia Trippolt. Nach ihrem Studium in Graz und Moskau arbeitete sie als
Kulinarik- und Reisejournalistin und eroberte mit ihren Genussbüchern
die österreichischen Bestsellerlisten. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem
bekannten Spitzenkoch, führt sie das Restaurant „Trippolt Zum Bären“ in
Bad St. Leonhard im Lavanttal, wo sie als Familie mit ihren gemeinsamen
Söhnen und ihrem Dackel Pino leben. Zudem ist sie Chefredakteurin des
„Alpe-Adria-Guides.“ Für den Gmeiner-Verlag schreibt sie unendlich
sympathische Liebesromane mit mediterranem Vibe.
Sprache: Deutsch
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Gmeiner
Erschienen am: 10. Juni 2026
ISBN: 978-3-8392-8103-1
Rezension: Der Gesang der Amsel
Der Gesang der Amsel - Linda Olsson
Beschreibung des Verlages:
An einem Winterabend in Stockholm beobachtet der junge Künstler Elias,
wie eine Frau in seinen Wohnkomplex einzieht. Doch nachdem sie ihre Tür
geschlossen hat, wird sie nicht mehr gesehen. Ein fehlgeleiteter Brief
bietet Elias schließlich die Gelegenheit, mit der Nachbarin Kontakt
aufzunehmen. Doch in dem dunklen Apartment rührt sich nichts. Elisabeth
will allein sein, und ihre einzige Gesellschaft sind die ungebetenen
Geister der Vergangenheit. Elias gibt allerdings nicht so schnell auf
und spannt seinen Freund, den älteren Witwer Otto, dazu ein, Elisabeth
ins Leben zurückzuholen. Und während der Frühling zum Sommer reift,
entspinnt sich zwischen den dreien eine zarte Freundschaft.
Inhalt:
Elisabeth hat sich direkt nach ihrem Einzug kaum mehr aus ihrer Wohnung gewagt. Doch ihr Nachbar Elias beginnt, vorsichtig mit ihr in Kontakt zu treten. Als Dank für eine kleine Geste, erhält er von Elisabeth überraschend ein Buch geschenkt. Eines, das er sich mühsam erarbeiten muss und das ihn dazu inspiriert, sich weiterhin mit Elisabeth auszutauschen. Bücher, Bilder, Texte und Tischgespräche bauen Brücken in diesem leisen Roman. Brücken zwischen Menschen, Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft, Brücken zwischen Tag und Nacht, Einsamkeit und Verbundenheit.
Meine Meinung:
Ich hatte keine Ahnung, was dieses Buch für mich bereithalten würde und habe es lediglich aufgrund des Titels und Covers aus dem Bücherschrank befreit. Bekommen habe ich eine in sanften Tönen erzählte Geschichte über das Leben und das Lieben sowie über die Faszination des Lesens und der Literatur. Zarte Gesten bringen Menschen einander näher, Fremde sind fürsorglich und verbinden sich irgendwann in einer sich langsam entwickelnden Freundschaft, die vom stetigen Ruf der Amsel vor dem Fenster begleitet wird.
Elisabeth, die sich anfangs in ihrem Apartment verkriecht, trägt einen grossen Schmerz mit sich herum, über den wir beim Lesen langsam mehr und mehr erfahren. Aber auch Elias und Otto haben schon einige Schicksalsschläge überlebt und wissen genau, wie wichtig es ist, achtsam miteinander umzugehen.
Es sind kleine, unaufgeregte Taten, welche die Figuren dieses Romans einander näher bringen. Zwischen den Zeilen lässt sich dabei noch so viel mehr Geschichte und Tiefe erahnen, als im Text ausformuliert ist und der flüssige, poetische Schreibstil lässt mit einer traumwandlerischen Sicherheit am Geschehen teilhaben und erweckt die drei so liebenswert erzählten Figuren zum Leben.
Meine Empfehlung:
Ich bin so froh, dass ich diesen leisen, poetischen Roman aus dem Bücherschrank mitgenommen und für mich entdeckt habe. Von Linda Olsson möchte ich unbedingt noch weitere Bücher lesen und empfehle euch "Der Gesang der Amsel" von ganzem Herzen.
Zusätzliche Infos:
Titel: Der Gesang der Amsel
Originaltitel: The Blackbird Sings at Dusk
Autorin: Linda Olsson, geboren in Schweden, studierte Jura und arbeitete im
Finanzgeschäft. Sie lebte in Kenia, Singapur, Japan und England und hat
sich schließlich mit ihrem Mann in Neuseeland niedergelassen. Mit ihrem
Debütroman »Die Dorfhexe« gelang ihr sofort der Sprung auf die
internationalen Bestsellerlisten. Heute pendelt die Autorin zwischen
Neuseeland und Schweden.
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen von: Meredith Barth
Taschenbuch, Broschur: 256 Seiten
Verlag: btb Verlag
Erschienen am: 08.02.2022
ISBN: 978-3-442-77151-6
Rezension: Rückkehr nach Crow Lake
Rückkehr nach Crow Lake
Beschreibung des Verlages:
Kates Kindheit im Norden Ontarios endet jäh, als ihre Eltern tödlich
verunglücken. Ihre beiden Brüder Luke und Matt beschließen, sie und die
kleine Schwester Bo alleine großzuziehen. Halt findet die verschlossene
und bildungshungrige Kate vor allem bei Matt, dessen Liebe zur Tier- und
Pflanzenwelt auf sie überspringt. Jahre später arbeitet Kate
erfolgreich als Biologin an der Universität von Toronto, weit weg von
ihrer Heimat. Doch die Geschehnisse von damals schweben immer noch wie
ein Schatten über ihr. Als sie für ein Familienfest nach Crow Lake
zurückkehrt, gerät ihre Welt erneut aus den Fugen.
Inhalt:
Im Norden Kanadas haben Siedler vor einigen Jahrzehnten aus einer kargen Landschaft das kleine Dorf "Crow Lake" aus dem Boden gestampft. An den von Insekten bewohnten Teichen des Ortes verbringt Kate jede freie Minute und lässt sich von ihrem älteren Bruder Matt die Wunder der Natur erklären. Als sie sieben Jahre alt ist, sterben ihre Eltern bei einem Autounfall und ihre beiden Brüder Luke und Matt beschliessen, sich um die jüngeren Schwestern Kate und die kleine Bo zu kümmern. Obwohl das Leben hart ist, versuchen die beiden, ihren Schwestern alle Träume und eine gute Schulbildung zu ermöglichen.
Doch der Alltag stellt sie immer wieder auf harte Proben und die unglücklichen Ereignisse innerhalb der Nachbarsfamilie Pye beeinflussen auch ihre Schicksale massgeblich.
Meine Meinung:
Diesen Debütroman habe ich (wie übrigens auch den zweiten Roman der Autorin) gemeinsam mit Martina gelesen. Der Austausch war wieder sehr angenehm und spannend und durch Martinas Sicht auf die Dinge komme ich einem Buch oft noch einmal sehr anders nahe, als ich dies durch mein eigenes Lesen machen würde. Ausserdem hat mich das Buch mit der Erwähnung des Ortes Huntsville an unsere Kanadareise im Jahr 2024 erinnert, was eine erfreuliche Überraschung war.
Die Geschichte hat mich gepackt und berührt und besonders gut gefallen hat mir der Schreibstil, der für Spannung gesorgt und mich immer wieder bis ins Mark erschüttert hat. Lawsons Beschreibungen sind einfach hohe Kunst und die Geschichte, welche sie um den fiktiven Ort Crow Lake herumspinnt, erzählt vom Leben auf dem Land, von Schuld und Verantwortung, von Zielen im Leben und der Wert von Bildung.
Schreibstil und Aufbau:
Mit nur wenigen Worten schafft Lawson eine Atmosphäre. Diese ist eher düster, aber gleichzeitig werden immer mal wieder nostalgische Gefühle geweckt. Der Sommer auf dem Land, die Stunden am Teich, die wilde Natur und die Dorfgemeinschaft, die füreinander einsteht und gleichzeitig auch genau dann wegsieht, wenn sie am genauesten hinsehen müsste...
Lawson verknüpft die aktuelle Gegenwart ihrer Protagonistin Kate mit Rückblicken und Erinnerungen aus Kates Kindheit und Jugend. Nach und nach fügt sich so die Geschichte von Kates Familie und der Nachbarsfamilie Pye zusammen und wir verstehen nach und nach, welche grossen Zweifel und Themen Kate als Erwachsene beschäftigen.
Meine Empfehlung:
Das Buch hat mich tief beeindruckt und wird noch lange nachhallen. Ich hoffe sehr, dass bald weitere Bücher von Mary Lawson übersetzt werden, damit noch viele weitere Menschen sie entdecken können.
Weitere Bücher der Autorin:
Im letzten Licht des Herbstes
Zusätzliche Infos:
Titel: Rückkehr nach Crow Lake
Originaltitel: Crow Lake
Autorin: Mary Lawson, aufgewachsen in Ontario, lebt seit 1968 in Surrey, England.
Mindestens einmal im Jahr reist sie in ihre Heimat Kanada. Sie ist
verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Ihr Debüt »Rückkehr nach Crow
Lake« war ein internationaler Erfolg und wurde in 20 Länder verkauft.
2006 wurde sie für den Booker Prize nominiert. Ihr neuester Roman, »Im
letzten Licht des Herbstes«, ist in Kanada ein Bestseller.
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen
von:
Sabine Lohmann
Taschenbuch, Broschur: 336 Seiten
Verlag: Heyne
Erschienen am: 13.09.2021
ISBN: 978-3-453-42601-6
Rezension: Die Unbändigen
Die Unbändigen - Emilia Hart
TW: sexualisierte und partnerschaftliche Gewalt, Vergewaltigung
Beschreibung des Verlages:
KATE, 2019
Kate flieht aus London und lässt alles zurück – endlich
hat sie die Kraft gefunden, den Mann zu verlassen, der ihr Leben
kontrolliert. Sie findet Zuflucht im Weyward Cottage im Norden Englands,
das sie von ihrer Großtante Violet geerbt hat. Dort stößt Kate aber auf
verstörende Gerüchte und auf ein sorgsam gehütetes Geheimnis, das sie
tief in die Geschichte ihrer Vorfahren führt, bis zurück in die Zeiten
der Hexenjagd.
VIOLET, 1942
Violet liebt die Natur über alles.
Sie sammelt weitaus lieber Insekten und klettert auf Bäume, als sich an
die strengen Benimmregeln für junge Damen zu halten. Dann verändert die
folgenschwere Begegnung mit einem Mann das Leben der jungen Frau für
immer.
ALTHA, 1619
Altha ist der Hexerei angeklagt – sie
soll einen Mann getötet haben. Bekannt für ihr abgeschiedenes Leben als
unabhängige Frau und für ihre besondere Verbindung zu den Tieren ist sie
eine Bedrohung, die beseitigt werden muss.
Drei Frauen kämpfen in
drei verschiedenen Zeitaltern um ihre Unabhängigkeit – aber ihre
Geschichten sind weitaus enger verwoben, als es anfangs scheint.
Inhalt:
Drei Frauen, drei Zeitstränge, drei Schicksale. Ein wenig Magie, ganz viele Vorurteile und der Kampf für Gerechtigkeit, Anerkennung und Freiheit verbindet Kate, Violet und Altha und die Fäden der Zeit verflechten ihre Leben untrennbar miteinander.
Meine Meinung:
Gelesen habe ich das Buch in einer Blogleserunde gemeinsam mit Melli und Julia und der Austausch war extrem spannend und lehrreich. Vor allem Kates Geschichte hat mich sehr berührt. Den Kampf gegen die Gewalt, welche sie durch ihren Partner erlebt, fand ich sehr realistisch erzählt. Auch Violets Geschichte hat mich für sich eingenommen und die Ungerechtigkeiten, welche ihr angetan worden sind, haben mich richtig wütend gemacht. Nur Altha blieb leider ein wenig blass und ich hätte gerne mehr über ihr Leben und ihre Zukunft erfahren.
Schreibstil und Aufbau:
Abwechslungsweise begleiten wir die Protagonistinnen durch ihren Alltag. Jedes Kapitel erzählt aus einer anderen Perspektive und so wird nach und nach zusammengeführt, was zusammengehört. Die drei Protagonistinnen haben alle mit teilweise lebensbedrohlichen Herausforderungen zu kämpfen und werden gleichzeitig auch immer von ein wenig Magie umgeben. Mir persönlich gefällt es zwar oft nicht, wenn es in Romanen übernatürlich wird, hier aber empfand ich dies als sehr stimmig.
Meine Empfehlung:
"Die Unbändigen" macht wütend und betroffen, weckt aber auch Kampfgeist und sorgt hoffentlich dafür, dass sich noch viel mehr Frauen auf ihren Freiheitskampf konzentrieren und sich dabei verschwestern. Ich freue mich schon auf weitere Bücher der Autorin.
Zusätzliche Infos:
Titel: Die Unbändigen
Originaltitel: Weyward
Autorin: Emilia Hart ist eine britisch-australische Schriftstellerin. Sie wurde
in Sydney geboren und studierte englische Literatur und Jura, bevor sie
als Anwältin in Sydney und London arbeitete. Ihr erster Roman, Die Unbändigen,
war ein New York Times-Bestseller, gewann zwei Goodreads Choice Awards
und wurde weltweit über 700.000 Mal verkauft. Ihr neuester Roman, Unbeugsam wie die See,
steig als Sunday Times-Bestseller ein, wurde New York Times-Bestseller
und ein Good Morning America Book Club Pick. Emilia lebt in London mit
ihrem Partner, einer schwarzen Katze namens Luna und viel zu vielen
Büchern.
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen von: Julia Walther
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Harper Collins
Veröffentlichung:
27.12.2024
ISBN:
9783365005446
Rezension: Wut und Liebe
Beschreibung des Verlages:
Noah ist ein Künstler Anfang dreißig. Das Gehalt seiner Freundin Camilla
reicht knapp für sie beide. Camilla jedoch hat sich mehr vom Leben
erhofft, weshalb sie sich von Noah trennt. Es ist eine Kopfentscheidung,
doch wann, wenn nicht jetzt, soll sie ihre Zukunft in die Hand nehmen?
Um seine verlorene Liebe zurückzugewinnen, ist Noah zu allem bereit. Als
eine ältere Dame ihm die Chance bietet, zu einem Vermögen zu kommen,
lässt er sich auf den zweifelhaften Deal mit ihr ein.
Inhalt:
Mit seiner Kunst hatte Noah bisher keinen Erfolg und er sucht noch nach seinem eigenen Stil. Seine Freundin Camilla, die ihn bisher mitfinanziert hat, hat sich ihren Alltag eigentlich anders vorgestellt. Aller Liebe zum Trotz verlässt sie Noah für ihren Traum von einem anderen Leben. In seiner Verzweiflung betrinkt er sich in einer Bar, bis ihm irgendwann eine reiche Witwe Gesellschaft leistet und ihm nach einigen weiteren Drinks ein unmoralisches Angebot macht, das er kaum ausschlagen kann. Aber ist er bereit, alles zu riskieren, um Camilla zurückzuerobern?
Meine Meinung:
Wie bereits beim Lesen von "Melody" haben mich der leichte, sehr unterhaltsame Schreibstil, die kurzen Kapitel und die sehr eng miteinander verflochtenen Wendungen für sich eingenommen. Allerdings habe ich einige der - durchaus ein wenig konstruierten - Verstrickungen schon von Anfang an durchschaut, was ein wenig schade war. Dafür haben mir die Haupt- und Nebenfiguren extrem gut gefallen. Sie alle haben Ecken und Kanten und kennen sowohl Wut als auch Liebe aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Camilla und Noahs komplizierte Gefühle werden immer wieder ins Zentrum gerückt und neu beleuchtet. Die beiden ziehen sich an und stossen sich ab und dabei ändern sich ihre Lebensumstände immer wieder, was die Geschichte spannend und sehr amüsant macht.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Suter sich wirklich viele Gedanken zum Aufbau seines Romans gemacht und vor allem im juristischen Bereich sehr gründlich recherchiert hat. Dies spricht einfach für seine überlegte Herangehensweise, was ich sehr schätze.
Meine Empfehlung:
Das Buch hat mir einige Zugfahrten verkürzt. Die teilweise ein wenig skurrilen Figuren haben deutlich zur Unterhaltung beigetragen und ich kann mir gut vorstellen, weitere Bücher des Autors zu lesen. Wer gerne ein wenig um die Ecke denkt und sich von den teilweise ein wenig absurden Wendungen unterhalten lassen möchte, ist mit diesem Roman definitiv wunderbar beraten.
Weitere Bücher des Autors:
Melody
Zusätzliche Infos:
Titel: Wut und Liebe
Autor: Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Seine Romane
(darunter ›Wut und Liebe‹ und ›Melody‹) und die ›Business
Class‹-Geschichten sind auch international große Erfolge. Seit 2011 löst
außerdem der Gentleman-Gauner Allmen in einer eigenen Krimiserie seine
Fälle, derzeit liegen sieben Bände vor. Er lebt mit seiner Tochter in
Zürich.
Sprache: Deutsch
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 304 Seiten
Verlag: Diogenes
Erschienen am: 23. April 2025
ISBN: 978-3-257-07333-1
Rezension: Reiches Erbe
Reiches Erbe - Donna Leon
Reiheninfos:
- Venezianisches Finale (1992)
- Endstation Venedig (1993)
- Venezianische Scharade (1994)
- Vendetta (1995)
- Acqua alta (1996)
- Sanft entschlafen (1997)
- Nobiltà (1998)
- In Sachen Signora Brunetti (1999)
- Feine Freunde (2000)
- Das Gesetz der Lagune (2001)
- Die dunkle Stunde der Serenissima (2002)
- Verschwiegene Kanäle (2003)
- Beweise, daß es böse ist (2004)
- Blutige Steine (2005)
- Wie durch ein dunkles Glas (2006)
- Lasset die Kinder zu mir kommen (2007)
- Das Mädchen seiner Träume (2008)
- Schöner Schein (2009)
- Auf Treu und Glauben (2010)
- Reiches Erbe (2011)
- Tierische Profite (2012)
- Das goldene Ei (2013)
- Tod zwischen den Zeilen (2014)
- Endlich mein (2015)
- Ewige Jugend (2016)
- Stille Wasser (2017)
- Heimliche Versuchung (2018)
- Ein Sohn ist uns gegeben (2019)
- Geheime Quellen (2020)
- Flüchtiges Begehren (2021)
- Milde Gaben (2022)
- Wie die Saat, so die Ernte (2023)
- Feuerprobe (2024)
Beschreibung des Verlages:
Costanza Altavilla war für Anna Maria Giusti
immer die gute Seele, die in ihrer Abwesenheit die Post aus dem
Briefkasten nahm. Doch dieses Mal findet sie ihre Nachbarin tot in der
Wohnung vor – mit Schürfwunden an Hals und Schultern. Ist die alte Dame
nur gestürzt, oder hat jemand nachgeholfen? Während Vice-Questore
Giuseppe Patta die Geschichte verharmlost und zu den Akten legen will,
vertraut Brunetti auf seinen Instinkt – und gelangt zu tieferen
Wahrheiten als jenen, die beweisbar sind. Mit ungewöhnlichen Mitteln
macht Brunetti sich stark für die Alten und Schwachen. Donna Leons
feinfühligster Fall.
Reiches Erbe" ist - wie so oft, aber mehr denn je - ein Roman der leisen Töne. Brunetti vermutet beim Tod der älteren Dame Costanza Altavilla mehr als einen Herzinfarkt. Zuerst führt ihn eine Spur zu einer Organisation, welche von Gewalt betroffenen Frauen sichere Unterkünfte bei Privatpersonen verspricht und findet sich dann plötzlich in einem System wieder, das Menschen zwingt, das Gesetz zu brechen, um in Würde altern, leben und sterben zu können.
Meine Meinung:
In jedem Brunetti-Roman begegnen mir neue Aspekte, politische Verstrickungen und Sehenswürdigkeiten dieser imposanten Stadt. Sie alle verbindet, dass Brunetti oft auf verlorenem Posten ermittelt und sich dabei auf die Seite der Menschen schlägt, die sonst nicht gehört werden. Ausserdem versteht er es meisterhaft, die Gesetze der Stadt so zurechtzubiegen, dass er auf Umwegen, die man kaum mehr legal nennen kann, zu Informationen kommt, die ihm helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Auch in diesem Fall bewegt er sich in Zwischenwelten, führt ausgeklügelte Gespräche und lässt sich dabei tatkräftig von Polizeichef Pattas Assistentin Signorina Elettra unterstützen. Ohne sie würden in Venedig wohl nur halb so viele Verbrechen aufgeklärt, was ihr und der ganzen Abteilung sehr wohl bewusst ist. Ein wenig kurz kommen Brunettis Familienleben sowie die stets sehr geschätzten Ausflüge in die Welt der Kulinarik. Dafür beweist Brunetti in diesem Roman ein grosses Herz für ältere Menschen und bietet berührende Einblicke in eine tragische Liebesgeschichte.
Meine Empfehlung:
Die Reihe hat es mir einfach angetan und auch dieser Band ist da keine Ausnahme. Ich freue mich schon sehr auf die weiteren Fälle des einfühlsamen, gesellschaftskritischen und Venedig liebenden Kommissars.
Zusätzliche Infos:
Titel: Reiches Erbe
Originaltitel: Drawing Conclusions
Autorin: Donna Leon, geboren 1942 in New Jersey, arbeitete als Reiseleiterin in
Rom und als Werbetexterin in London sowie als Lehrerin und Dozentin im
Iran, in China und Saudi-Arabien. Die ›Brunetti‹-Romane machten sie
weltberühmt. Donna Leon lebte viele Jahre in Italien und wohnt heute in
der Schweiz. In Venedig ist sie nach wie vor häufig zu Gast.
Sprache: Deutsch
Aus dem amerikanischen Englisch von: Werner Schmitz
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Diogenes
Erscheinungsjahr meiner Ausgabe: 23. Oktober 2013
ISBN: 978-3-257-24267-6
Blogleserunde mit Mellis Buchleben, Update-Post: "Die Unbändigen"
Heute startet die Leserunde zum Buch "Die Unbändigen" von Emilia Hart, das ich gemeinsam mit Melli vom Blog Mellis Buchleben lesen möchte. Bereits angeschlossen hat sich uns Julia. Wer Zeit und Lust hat, darf gerne ebenfalls mitlesen. Ein verspätetes Einsteigen ist natürlich immer möglich und falls ihr das Buch bereits gelesen habt, dürft ihr euch natürlich auch beteiligen und/oder den Link zu eurer Rezension in die Kommentare packen.
Gestartet
wird heute, am Montag, 1.6.26, und alle lesen in ihrem Tempo. Unter diesem Post könnt ihr eure liebsten Buchzitate, allgemeine Gedanken zum Buch (ohne Spoiler)
und dann natürlich auch noch eure Überlegungen zu den einzelnen
Abschnitten (mit Spoiler) sowie den Link zu eurer Rezension kommentieren.
Die Abschnitte haben wir folgendermassen geplant:
1. Teil: Anfang bis und mit Kapitel 10 (S. 80)
2. Teil: Kapitel 11 bis und mit Kapitel 19 (S. 159)
3. Teil: Kapitel 20 bis und mit Kapitel 25 (S. 217)
4. Teil: Kapitel 26 bis und mit Kapitel 32 (S. 271)
5. Teil: Kapitel 33 bis und mit Kapitel 41 (S. 343)
6. Teil: Kapitel 42 bis Schluss
Falls ihr selber einen Beitrag tippt, könnt ihr ihn ebenfalls unter diesem Post verlinken und wenn noch Fragen auftauchen, dann meldet euch einfach bei Melli oder mir.
Und jetzt geht es los, ich freue mich riesig darauf!!!
Liebe Grüsse
Livia
Lese-Statistik Mai 2026
Hallo ihr Lieben
Wie ist jetzt das passiert? So schnell ist ein Monat irgendwie noch nie verflogen und so gut gefüllt, intensiv und auch wunderschön war ebenfalls schon lange kein Monat mehr. Wenn ich zurückblicke, kann ich gar nicht fassen, was ich im Mai alles erlebt habe.
Der Mai startete mit fünf Konzerten innerhalb von drei Tagen vor insgesamt um die 8'000 Leuten. Das war viel und heftig und es blieb keine Zeit zur Erholung, weil in der Woche darauf am Wochenende acht meiner Schülerinnen einen Stufentest (erfolgreich) absolvierten, wofür natürlich in den Tagen davor auch noch viel geprobt und gelernt werden wollte. Dann besuchte ich eine Freundin am Bodensee und eine kleine Zugreise führte uns nach Lindau (geplant) und Bregenz (ungeplant), bevor ich wieder in mein Musikzimmer abtauchte.
Während viele andere Menschen dann ein langes Wochenende feierten, besuchte ich die Solothurner Literaturtage (Bilder gibt es HIER). Klar, das war Hobby und keine Arbeit, aber drei Tage voller Lesungen, Podien, Blogger:innentreffen und Bücherstöbern sind zwar absolut grandios, aber auch anstrengend. Am Pfingstwochenende dann durften wir Gäste bei einer Hochzeit sein und gestern durfte ich noch ein Solokonzert einer lieben Freundin und Mitmusikerin besuchen.
Obwohl es nun konzerttechnisch ein wenig ruhiger wird, stehen dafür aktuell um so mehr Planungsarbeit für zukünftige Projekte und auch sehr viele administrative Aufgaben an den Musikschulen an.
In der Zwischenzeit hatten wir auch noch einmal Winter und jetzt plötzlich Sommer, was mir persönlich wieder viel zu schnell ging (und 30 Grad sind halt auch einfach zu viel, vor allem Mitte Mai, sorry). Aber was kann ich tun, ich versuche einfach so viel Eiskaffee und Schatten wie möglich in meinen Alltag zu integrieren und dann kommt das gut :-D
Im Juni freue ich mich auf zwei Leserunden/Buddyreads, ein langes Wochenende mit lieben Menschen, eine weitere Hochzeit (für die ich ein Konzertprojekt mit fünf Konzerten absagen musste, also hoffe ich auf wirklich gutes Essen ;-) ) und darauf, Patentante zu werden :-D
Ach und: gelesen habe ich auch noch. Und Bücher gekauft. Und ich habe ein riesiges Lebensleseprojekt gemeistert und "Legende" von Ronald M. Schernikau nach über fünf Jahren beendet. Ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn ihr euch die Rezension dazu ansehen würdet. Ausserdem habe ich ein paar Zugfahrten lesend verbracht und es sogar immer mal wieder geschafft, eine Rezension zu tippen, seht selbst:
Gelesen im Mai:
Ein unterhaltsamer, ideenreicher, mitten ins Herz gehende und kulinarisch verlockender München-Roman
Skurril, schlicht, extrem berührend und mit Sogwirkung geschrieben, definitiv ein Jahreshighlight
Nostalgisches Sommerfeeling, ein wenig aus der Zeit gefallen und verzettelt, aber berührendes Ende
Grandioser, vielschichtiger, klug konstruierter und wehmütig stimmender Reihenabschluss aus Norwegen
Nächtliche Gedanken, Ideen, Sorgen und lose Skizzen des Nobelpreisträgers Ivo Andrić
Beeindruckendes, nachdenkliches Opus Magnum, ein Lebensbuch, das mich fünf Jahre lang begleitet hat
Kleiner Durchhänger in der Frieda Klein-Reihe, die Protagonistin hat mich aber wieder begeistert
Alle Zahlen und Rezensionen:
Maikäferjahre - Sarah Höflich (abgebrochen nach 126 von 464 Seiten, ABBRUCHREZENSION)
Orangenblütenjahr - Ulrike Sosnitza (384 Seiten)
Barbara stirbt nicht - Alina Bronsky (256 Seiten)
Mirabellentage - Martina Bogdahn (352 Seiten)
Rückkehr - Anne B. Ragde (368 Seiten)
Insomnia. Nachtgedanken - Ivo Andrić (192 Seiten)
Legende - Ronald M. Schernikau (1'072 Seiten, die zähle ich der Einfachheit halber alle im Mai)
Dunkler Donnerstag - Nicci French (464 Seiten)
Neuzugänge:
Alle Zahlen in der Übersicht:
Gelesene Bücher: 7
Abgebrochene Bücher: 1
Ungelesen aussortierte Bücher: -
Gelesene Seiten: 3'214 Seiten
Durchschnittliche Seitenzahl pro Tag: 103.7 Seiten
Bücher von Autorinnen: 4
Bücher von Autoren: 2
Autor*innenduos (oder Gruppen): 1
Geschenkt bekommene Bücher: -
Ausgeliehen: -
Buchgewinn: -
Buchprämien: -
Rezensionsexemplare: 1
Neu gekaufte Bücher: 4
Gebraucht gekaufte Bücher: -
Eingesammelte Bücher: 1
Bibliotheksbücher: -
Gesamte Neuzugänge: 6
SuB am Monatsbeginn: 34
Aktueller SuB: 32
Differenz: -2
Rezension: Orangenblütenjahr
Beschreibung des Verlages:
Der Tod ihres Mannes enthüllt ein Geheimnis, mit dem Nelly nicht gerechnet hätte. Sie hält es in der Enge im Odenwald einfach nicht mehr aus, und so nimmt sie das Angebot ihrer Freundin Mona an, in deren Apotheke in München zu arbeiten. Großstadt statt Dorf und obwohl sie genug von der Liebe hat, umschwärmen die Männer sie wie die Bienen den Honig. Ihre Kinder allerdings haben Schwierigkeiten mit den vielen Änderungen im Leben ihrer Mutter, dabei hat es Gabriel, Kuchenbäcker und Heißluftballonfahrer, Nelly ganz besonders angetan.
Inhalt:
Nach einem Schicksalsschlag wagt Nelly einen Neuanfang, verlässt ihr Heimatdorf Kleinfelden und zieht nach München, wo ihre Freundin Mona ihr eine Stelle als Apothekerin verschafft hat. Auch Nellys soziales Umfeld wird schnell grösser und vor allem in der Männerwelt scheint sie wunderbar anzukommen. Bei Gesprächen mit ihren Kindern bemerkt sie aber, dass für ihre Tochter Elena noch einige Dinge nicht abgeschlossen sind und so schwankt sie fortan zwischen dem Glück über ihre neue Freiheit und der Verantwortung für ihre Familie.
Meine Meinung:
Einmal mehr hat mich Ulrike Sosnitza wunderbar unterhalten und berührt. Ihre Protagonistin Nelly ist eine Figur mit Ecken und Kanten und geht ihnen Neuanfang mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg an. Dass sich gleich drei Männer in ihr Leben schleichen, ist zuerst eine Überforderung für sie, stellt aber auch eine willkommene Ablenkung von ihren Sorgen dar.
Schreibstil und Aufbau:
Besonders gut gefallen hat mir, wie vielschichtig Sosnitza Nellys ambivalente Gefühle sowie die Konflikte innerhalb der Familie in die Geschichte eingearbeitet hat.
Meine Empfehlung:
Der Roman hat mich begeistert und hat bei mir gleich Lust auf die weiteren Bücher der Autorin geweckt. Einige davon habe ich zum Glück ja noch vor mir.
Novemberschokolade
Hortensiensommer
Sternenblütenträume
Die Glücksschneiderin
Zusätzliche Infos:
Titel: Orangenblütenjahr
Sprache: Deutsch
Taschenbuch, Klappenbroschur: 384 Seiten
Abbruchrezension: Maikäferjahre
Maikäferjahre - Sarah Höflich
Beschreibung des Verlages:
Ein mitreißender Liebesroman über vier junge Menschen, die
schmerzvoll begreifen müssen, dass Liebe nicht alle Wunden heilt. Aber
manche.
»Wir haben überlebt«, sagte Anni. »Das hat mit
Schuld nichts zu tun.« Adam wiegte den Kopf. »Ich fürchte, in manchen
Fällen schon.«
Frühjahr 1945, Europa ist zerstört. Anni flieht mit
ihrer kleinen Tochter und dem halbjüdischen Geiger Adam aus dem
brennenden Dresden, quer durch das besetzte Deutschland – auf der Suche
nach einer sicheren Zuflucht. Im Tiroler Bergdorf bei Annis
Schwiegereltern werden sie dann vor eine folgenreiche Entscheidung
gestellt: Will Anni bleiben, muss Adam gehen.
Was kann
Liebe leisten, was kann sie verzeihen? Eine Frage, die sich Anni &
Adam, Tristan & Rosalie angesichts von Leid und Zerstörung stellen
müssen.
Ihr geliebter Zwillingsbruder Tristan ist als
junger Luftwaffenpilot nur knapp dem Tod entronnen und in englische
Kriegsgefangenschaft geraten. Trotz schwerer Anfeindungen pflegt ihn die
britische Krankenschwester Rosalie – es entsteht eine Liebe, die vom
Gesetz verboten ist.
»Jeder Blick, jede Geste, jede verstohlene
Berührung war ein Versprechen. Was sie taten, war streng verboten, das
wussten sie beide.«
Zwei tragische Liebesgeschichten, ein
historischer Roman voller großer Gefühle über das Verzeihen und die
Unausweichlichkeit der Liebe, hoffnungsvoll und mitfühlend.
In
den Wirren des Zweiten Weltkriegs getrennt, in Gedanken immer
verbunden: Nie hören die Geschwister Anni und Tristan auf, sich Briefe
zu schreiben – in der verzweifelten Hoffnung, der jeweils andere möge
noch leben.
Kaufgrund:
Schon länger habe ich keine Romane mehr gelesen, die während und nach des
zweiten Weltkrieges spielen, ich wollte dies aber unbedingt wieder
einmal tun. Einige begeisterte Rezensionen (HIER und HIER zum Beispiel) haben mich zum Kauf des Buches bewegt. Gleich zwei Liebesgeschichten, ein Geschwisterpaar, viel Musik und historische Hintergründe, das klang für mich absolut vielversprechend
Aber...
Warum habe ich das Buch dennoch nach 126 Seiten abgebrochen? Und dies, obwohl ich in letzter Zeit Bücher immer entweder direkt nach den ersten paar Seiten abgebrochen oder dann einfach doch beendet habe?
In Worte zu fassen, was mich an diesem Buch gestört hat, ist nicht ganz einfach. Vor allem habe ich direkt vorher das Highlight "Barbara stirbt nicht" von Alina Bronsky gelesen und wollte wohl einfach so richtig mitgerissen, gefesselt oder auch überrascht werden.
Zuerst einmal möchte ich erwähnen, dass es sich - vielleicht auch aufgrund der aktuellen Weltlage - für mich irgendwie surreal angefühlt hat, ein Buch über die Zeit während und nach des zweiten Weltkrieges zu lesen, das den Krieg fast komplett in den Hintergrund rückt und sich stattdessen auf zwei Liebesgeschichten konzentriert. Hätten diese mich gefesselt, emotional berührt oder sonst irgendwie überzeugt, hätte ich das Buch sicher sehr gerne gelesen. Aber irgendwie blieb alles oberflächlich; sowohl die Romanzen als auch das Kriegsgeschehen und die tragische Familiengeschichte nahm ich wie durch Milchglas wahr. Die Figuren, Strassen und Orte blieben dabei gesichtslos.
Ausserdem hatte ich nach etwa fünfzig Seiten ein klares Bild vor mir, wie diese Geschichte enden würde und als ich dann nach 126 Seiten beschloss, das Buch zur Seite zu legen, überflog ich die letzten paar Seiten, um zu sehen ob ich recht gehabt hatte. Bis und mit dem ein wenig offenen Ende hatte ich alles detailliert vorhergesagt und war froh, das Buch nicht mehr auf dem Lesestapel zu haben.
Lies dieses Buch, wenn:
- du dich gerne in einer oder zwei Romanzen verlierst
- es dich nicht stört, eine komplett vorhersehbare Geschichte zu lesen
- du damit umgehen kannst, wenn historische Hintergründe lediglich als Kulisse herhalten, aber nicht wirklich vertieft werden
- wenn du gerne einfach eintauchen und dich berieseln lassen möchtest
- dich meine Abbruchrezension nicht abgeschreckt hat, schliesslich scheine ich nämlich die einzige Leserin zu sein, die dieses Buch nicht komplett geliebt hat
Zusätzliche Infos:
Titel: Maikäferjahre
Autorin: Sarah Höflich, 1979 in Schleswig geboren, war schon als
Kind fasziniert von Geschichten und Geschichte. Sie studierte Anglistik
und ging als Fulbright-Stipendiatin in die USA, wo sie ihr
Creative-Writing-Studium mit dem Master of Fine Arts abschloss. Viele
Jahre arbeitete sie als Drehbuchautorin und Produzentin für die UFA, für
die sie mehrere Fernsehserien realisiert hat. Letztes Jahr machte sie
sich selbstständig. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in München.
Sprache: Deutsch
Taschenbuch: 464 Seiten (davon 126 gelesen)
Verlag: dtv
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
ISBN : 978-3-423-22170-2
Rezension: Barbara stirbt nicht
Barbara stirbt nicht - Alina Bronsky
Beschreibung des Verlages:
Walter Schmidt ist ein Mann alter Schule: Er hat die Rente
erreicht, ohne zu wissen, wie man sich eine Tütensuppe macht und ohne
jemals einen Staubsauger bedient zu haben. Schließlich war da immer
seine Ehefrau Barbara. Doch die steht eines Morgens nicht mehr auf. Und
von da an wird alles anders.
Mit bitterbösem Witz und
großer Warmherzigkeit zugleich erzählt Alina Bronsky, wie sich der
unnahbare Walter Schmidt am Ende seines Lebens plötzlich neu erfinden
muss: als Pflegekraft, als Hausmann und fürsorglicher Partner. Und
natürlich geht nicht nur in der Küche alles schief. Doch nach und nach
beginnt Walters raue Fassade zu bröckeln – und mit ihr die alten
Gewissheiten über sein Leben und seine Familie.
»Barbara stirbt
nicht« ist das urkomische Porträt einer Ehe, deren jahrzehntelange
Routinen mit einem Schlag außer Kraft gesetzt werden, und ein
berührender Roman über die Chancen eines unfreiwilligen Neuanfangs.
Inhalt:
Das Ehepaar Schmidt lebt ein sehr traditionelles Familienmodell. Barbara Schmidt kümmert sich auch im Ruhestand noch alleine um den Haushalt und ihren Mann und dieser hat noch nie im Leben einen Kaffee gekocht oder alleine eingekauft. Doch eines Tages steht sie einfach nicht mehr auf und er ist von einer Sekunde auf die andere ganz alleine für sie beide zuständig. Kochen, waschen, putzen...
Und was sich als humorvolle Anekdote tarnt, deckt nach und nach eine tragische Lebensgeschichte auf die nachhaltig berührt.
Meine Meinung:
"Barbara stirbt nicht" hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und berührt und ich habe es innerhalb von zwei Tagen einfach komplett inhaliert. Und dies, obwohl die namensgebende Figur fast nichts anderes tut, als zu liegen, müde zu lächeln und sich leise mit Gästen oder ihren Kindern zu unterhalten. Und dies auch, obwohl Walter Schmidt, im Buch oft einfach nur "Herr Schmidt" genannt, alles verkörpert, was man sich in seinem Partner nicht wünschen würde. Nicht nur krümmt er im Haushalt keinen Finger, er ist auch ein miserabler Vater, Freund und Partner, er hasst Frauen, Ausländer und Jugendliche aus tiefstem Herzen und er ist sich nicht mal mehr sicher, ob er Barbara je geschlagen hat, es könnte aber sein...
Was ein wenig tollpatschig wirken könnte, ist seine als Unbeholfenheit getarnte Beziehungsgewalt. Und seine Aussagen, die man als "ein wenig verallgemeinernd" abtun könnte, sind zutiefst rassistisch, sexistisch und einfach menschenfeindlich.
Und gleichzeitig ist er auch eine extrem tragische Figur, die man fast ein wenig bemitleiden könnte...Bronsky gelingt es, mit einer extrem genauen Beobachtungsgabe in diese - leider wahrscheinlich vor allem für diese Generation nicht allzu überspitzte - Beziehungsdynamik hineinzublicken und um diese wirklich nicht sehr prickelnde Ausgangslage eine unendlich feinfühlig erzählte Geschichte zu spinnen, die mit sanftem Humor überzeugt und tief berührt. Sie tut dies mit vielen Auslassungen, absichtlich nicht immer zielführenden und bruchstückhaften Dialogen, schnörkellos und schlicht und hat gleichzeitig extrem warmherzig skizzierte Figuren geschaffen.
Die einzigen nicht komplett tragikomischen Elemente der Geschichte sind übrigens Walters Austausch mit Barbaras Facebookcommunity und einem Fernsehkoch, Lucy, die als Telefonjoker fungiert sowie der Hund Helmut, der zwar oft einfach nur existiert, aber dies um so ehrlicher.
Meine Empfehlung:
"Barbara stirbt nicht" ist ein Buch der leisen Töne und der Leerstellen,
die sich beim Lesen manchmal nach und nach erschliessen und manchmal
bewusste Auslassungen bleiben, ein Buch, das aufzeigt, dass das
Leben einem manchmal einen Neuanfang schenkt, wo man ihn am wenigsten
erwartet. Es thematisiert schwierige Beziehungs- und Familiensysteme, unterschiedlich belastbare Freundschaften, das Altern in Würde und das Verzeihen von eigenen und fremden Versäumnissen. Die Geschichte wird lange nachhallen und definitiv im Regal
bleiben. Und genau da gehört das Buch auch bei euch hin, finde ich.
Weitere Bücher der Autorin:
Baba Dunjas letzte Liebe
Der Zopf meiner Großmutter
Zusätzliche Infos:
Titel: Barbara stirbt nicht
Autorin: Alina Bronsky, geboren 1978, lebt in Berlin. Ihr Debütroman »Scherbenpark« wurde zum
Bestseller und fürs Kino verfilmt. »Baba Dunjas letzte Liebe« wurde für
den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert und ein großer Publikumserfolg.
2019 und 2021 erschienen ihre Bestseller »Der Zopf meiner Großmutter«
und »Barbara stirbt nicht«, 2024 folgte ihr Roman »Pi mal Daumen«, der
als Lieblingsbuch der Unabhängigen ausgezeichnet wurde.
Sprache: Deutsch
Fester Einband mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 256 Seiten
Verlag: KiWi
Erscheinungstermin: 07.06.2023
ISBN: 978-3-462-00440-3
Rezension: Mirabellentage
Dieses Buch ist ein Rezensionsexemplar aus dem KiWi-Verlag
Mirabellentage - Martina Bogdahn
Beschreibung des Verlages (ACHTUNG der Klappentext spoilert und ist irreführend):
Als der Ortspfarrer Josef überraschend stirbt, gerät die geordnete
Welt seiner Haushälterin Anna ins Wanken. Was soll nun werden? Erst mal
muss sie die Beerdigung organisieren, den jungen Ersatzpriester Fridtjof
in Empfang nehmen – und dann soll auch noch Josefs Asche ans Meer.
Dafür
nimmt Anna, Anfang fünfzig, Fahrstunden bei ihrem ehemaligen Fahrlehrer
und heimlichen Schwarm Herrn Tanner. Gemeinsam erkunden sie die
fränkische Gegend um Blumfeld und erinnern sich an ein fast vergessenes
Leben. An den Geruch des Sommers, die Farbe reifer Mirabellen, an harte
Arbeit und kleine Alltagsfluchten.
Je näher der Aufbruch rückt,
desto drängender werden Annas Fragen, denn die Fahrt bedeutet eine Reise
ins Ungewisse. Es braucht eine Entscheidung. Wie gut, dass sie die
nicht alleine treffen muss.
Inhalt:
Die Blumenfelderin Anna ist seit Jahrzehnten die im ganzen Ort geschätzte Haushälterin des Pfarrers Josef. Als dieser plötzlich verstirbt, hinterlässt er ihr einen sehr klaren Auftrag, der einiges an Geheimniskrämerei von ihr verlangt. Während sie noch um ihren ehemaligen Chef und guten Freund trauert, taucht bereits sein junger Nachfolger Fridtjof im Pfarrhaus auf und bringt frischen Wind in ihr Leben. Sie beginnt, ihn in die Geheimnisse des Ortes und der Menschen einzuweihen und lässt ihn an ihrem Alltag teilhaben. Dabei bemerkt sie, dass sie sich jahrelang um ihre Mitmenschen gekümmert und dabei sich selber aus den Augen verloren hat.
Meine Meinung:
Martina Bogdahn hat mich mit ihrem zweiten Roman in das ein wenig aus der Zeit gefallene Leben im Dörfchen Blumenfeld entführt. Die Hauptfigur Anna ist mir - auch wenn sie eher altbacken wirkt - sofort ans Herz gewachsen und es hat mir gefallen, dass ganz viele unterschiedliche Begegnungen innerhalb der Dorfgemeinschaft einfach nur absolut herzerwärmend sind und dass viele Rückblicke in die Vergangenheit erklären, wie die Dynamik innerhalb von Blumenfeld entstanden ist. Nach und nach wirkte das Buch aber immer chaotischer, als hätte sich Bogdahn beim Schreiben permanent verzettelt. Gefühlt alle paar Seiten schwelgt Anna in Erinnerungen, die Rückblicke nehmen überhand und die Handlung kommt ins Stocken. Gegen Ende des Buches löst sich dies aber zum Glück wieder ein wenig auf, eine tiefe Sehnsucht prägt die letzten Seiten und Anna schöpft neue Hoffnung, was mir persönlich sehr gut gefallen und mich direkt träumen lassen hat.
Übrigens habe ich mich bei der Anfrage dieses Rezensionsexemplares lediglich von begeisterten Rezensionen leiten lassen und habe den Klappentext des Buches nicht gelesen (das mache ich fast immer so). Dieser suggeriert aber ein wenig, dass im Buch ein Roadtrip vorkommt und wäre ich mit dieser Erwartung in die Lektüre eingetaucht, wäre ich sicher sehr enttäuscht gewesen. Ein Roadtrip im eigentlichen Sinne kommt nämlich nicht wirklich vor.
"Mühlensommer", der Erstling von Bogdahn, hat ausserdem noch sehr viel mehr positives Feedback bekommen, als "Mirabellentage", weshalb ich mir das Buch bereits auf die Wunschliste gepackt habe.
Schreibstil und Aufbau:
Wie bereits angetönt, entführt uns der Roman in einen idyllischen, eher altmodischen Ort auf dem Land. Dorthin, wo Mirabellen im Pfarrhausgarten reifen, die Bäuerinnen ihr Brot noch selber backen und die Menschen einander nicht nur sehr gut kennen, sondern sich auch durch frohe und schwere Stunden begleiten. Ist das alles ziemlich überzogen? Ja, klar. Aber ganz ehrlich, dieses Wohlfühlsetting habe ich gerade gut gebrauchen können und das Buch daher insgesamt sehr gerne gelesen.
Die vielen immer chaotischer wirkenden Rückblicke haben mich beim Lesen aber wirklich gestört. Mitten im Gedanken reist Anna in der Zeit zurück, erinnert sich an eine Szene, Begegnung oder ein Gefühl aus der Vergangenheit und führt diese Erinnerungen detailliert aus. Das kommt am Anfang nicht so oft vor und wirkt sehr charmant und geschickt gemacht, weil so gleichzeitig zur Handlung in der Gegenwart auch die Vergangenheit von Blumenfeld erzählt wird. Etwa in der Mitte des Buches waren die immer häufigeren Rückblicke für mich aber eher anstrengend und sie wirkten gewollt und chaotisch, was sehr schade ist.
Die Autorin überzeugt aber mit sehr schönen Beschreibungen, Düfte, Gedanken, Menschen und Landschaften werden absolut brillant erzählt und ich habe mich wirklich sofort im kleinen Örtchen heimisch gefühlt und orientieren können.
Meine Empfehlung:
Ihr seht schon, das Buch hat mich ein wenig zwiegespalten zurückgelassen. Allerdings
bin ich mir sicher, dass "Mühlensommer" mir noch viel besser gefallen
wird, weil ich den Stil von Bogdahn grundsätzlich gerne mag. Und
wer weiss, vielleicht dürfen wir uns ja bald über einen dritten Roman der Autorin freuen :-D
Zusätzliche Infos:
Titel: Mirabellentage
Autorin: Martina Bogdahn, geboren 1976 in Weißenburg, ist auf
einem Einödhof in Mittelfranken aufgewachsen und hat in Nürnberg
Kommunikationsdesign studiert. Sie lebt und arbeitet als Fotografin in
München. Ihr Debütroman »Mühlensommer« stand monatelang auf der
SPIEGEL-Bestsellerliste.
Sprache: Deutsch
Fester Einband mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 352 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Erscheinungstermin: 16.04.2026
ISBN: 978-3-462-01354-2
Rezension: Rückkehr
Rückkehr - Anne B. Ragde
Reiheninfos:
1. Das Lügenhaus
2. Einsiedlerkrebse
3. Hitzewelle
4. Sonntags in Trondheim
5. Die Liebhaber
6. Rückkehr
Beschreibung des Verlages:
Am Meer, in der Nähe der Stadt Trondheim in Norwegen steht ein alter
Bauernhof, der ein großes Geheimnis birgt. Die bewegende Geschichte
dreier Generationen von Schweinezüchtern begann in der Mitte des 20.
Jahrhunderts mit einer Liebe, die nicht sein durfte und einer
folgenreichen Lüge, die die Familie Neshov fast zugrunde richtete. Erst
Torunn, der Enkelin, gelang es, die Familie zu versöhnen.
Jetzt,
im letzten Teil der Bestseller-Serie, beginnt Torunn, den verfallenen
Hof wieder wohnlich zu machen. Und sie findet ihre Berufung in dem
Bestattungsunternehmen ihres Onkels Margido. Doch ganz ihr persönliches
Glück hat auch sie noch nicht gefunden. Zu sehr, so scheint es, hängt
auch sie noch an den Geistern der Vergangenheit. Das ändert sich, als
ein vermeintlich Fremder auf dem Hof auftaucht.
Inhalt:
Die Tage sind lang, dunkel und manchmal auch einsam auf dem Neshov-Hof. Die Anerbin Torunn ist weiterhin mit den Renovierungsarbeiten beschäftigt und fällt zudem eine folgenreiche Entscheidung. Seit kurzer Zeit leitet sie nun auch das Bestattungsunternehmen ihres Onkels Margido und muss sich in dieser neuen Rolle zuerst einmal ein wenig orientieren. Als wäre dies alles nicht genug herausfordernd, tauchen auch noch Kai Roger mit einer Überraschung und Erlend mit der ganzen Familie auf dem Neshov-Hof auf.
Meine Meinung:
Ein letztes Mal habe ich den Hof der Familie Neshov, mittlerweile Torruns Hof, besucht und mich wieder wunderbar unterhalten und berührt gefühlt beim Lesen dieser Familiengeschichte. Es sind die leisen Töne, die überwiegen, Trauer und Sorgen bekommen genau so Platz, wie Torunns Renovierungsarbeiten, mit denen sie sich den Hof immer mehr zu ihrem Zuhause herrichtet.
Besonders gut gefallen hat mir der grosse Respekt, mit dem Ragde Tormods Leben im Altersheim und die täglichen Herausforderungen, Mühen aber auch Freuden, mit denen er konfrontiert wird, beschreibt. Er ist im Verlauf der Reihe zu einer immer wichtigeren und vielschichtigeren Figur geworden, was ich für eine absolut kluge Entscheidung der Autorin halte. Ausserdem habe ich es geliebt, in Torruns Arbeitsalltag hineinzublicken und freute mich, der Familie Neshov noch einmal so richtig nahe kommen zu dürfen.
Meine Empfehlung:
Die Reihe hat mich unterhalten, immer wieder überrascht und vor allem tief berührt. Die tragische Familiengeschichte, der karge Hof, dem erst Torunn nach und nach neues Leben einhaucht, die Lügen, Verletzungen und die Lieblosigkeit, in der die Neshov-Brüder aufwachsen mussten aber auch die eher melancholische Grundstimmung und der nüchtern wirkende und sehr eigenwillige Schreibstil, der auf den zweiten Blick um so warmherziger daherkommt, machen diese Familiensaga mit ihren schrägen aber absolut liebenswerten Figuren zu einem enormen Lesevergnügen. Anne B. Ragde ist eine grossartige Erzählerin und ich hoffe, noch viele weitere Bücher von ihr entdecken zu dürfen.
Zusätzliche Infos:
Titel: Rückkehr
Originaltitel: Datteren
Autorin: Anne B. Ragde wurde 1957 im westnorwegischen Hardanger geboren. Sie ist
eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Norwegens und wurde
mehrfach ausgezeichnet. Mit ihren Romanen »Das Lügenhaus«,
»Einsiedlerkrebse« und »Hitzewelle« gelang ihr einer der größten
norwegischen Bucherfolge aller Zeiten. Nachdem Anne B. Ragde zunächst
angekündigt hatte, die Lügenhaus-Serie nicht weiterzuschreiben,
erscheint nach »Sonntags in Trondheim« und »Die Liebhaber« mit
»Rückkehr« das große Finale der auch in Deutschland gefeierten
Buchserie.
Taschenbuch, Klappenbroschur: 368 Seiten
Sprache: Deutsch
Aus dem Norwegischen von:
Gabriele Haefs
Verlag: btb Verlag
Erscheinungsjahr der Erstausgabe: 09.11.2022
ISBN: 978-3-442-77262-9
Ankündigung: Blogleserunde mit Mellis Buchleben
Es ist mal wieder Zeit, ein Buch gemeinsam mit Melli vom Blog Mellis Buchleben zu lesen. Wir haben uns für "Die Unbändigen" von Emilia Hart entschieden und wer Zeit und Lust hat, darf gerne mitlesen.
Gestartet wird am Montag, 1.6.26, und alle lesen in ihrem Tempo. Am 1.6.26 wird auch bei mir auf dem Blog ein Leserundenpost online gehen, unter dem ihr eure liebsten Buchzitate, allgemeine Gedanken zum Buch (ohne Spoiler) und dann natürlich auch noch eure Überlegungen zu den einzelnen Abschnitten (mit Spoiler) kommentieren könnt.
Die Abschnitte haben wir folgendermassen geplant:
1. Teil: Anfang bis und mit Kapitel 10 (S. 80)
2. Teil: Kapitel 11 bis und mit Kapitel 19 (S. 159)
3. Teil: Kapitel 20 bis und mit Kapitel 25 (S. 217)
4. Teil: Kapitel 26 bis und mit Kapitel 32 (S. 271)
5. Teil: Kapitel 33 bis und mit Kapitel 41 (S. 343)
6. Teil: Kapitel 42 bis Schluss
Meldet euch gerne, wenn noch Fragen auftauchen oder wenn ihr jetzt schon wisst, dass ihr mitlesen wollt.
Bis ganz bald und liebe Grüsse
Livia
Rezension: Insomnia
| Rezensionsexemplar aus dem btb Verlag via Bloggerportal von Randomhouse |
Insomnia. Nachtgedanken - Ivo Andrić
Beschreibung des Verlages:
»Luzide Prosa, die die Abgründe des Lebens mit der Nachttischlampe ausleuchtet.« Wolfgang Schneider, Deutschlandfunk
»Hat noch wer die Welt so geliebt wie ich?« Sein ganzes
Erwachsenenleben lang hat sich der Jahrhundertschriftsteller Ivo Andrić,
weltweit gelesen und ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur für
seine historischen Romane, Notizen gemacht – Alltagsbeobachtungen,
Reiseeindrücke, Charakterbilder, lakonische Kürzestgeschichten. Zu den
schonungslosesten, erschütterndsten, intimsten Texten zählen jene, die
sich mit der Schlaflosigkeit, dem Altern, der Vergänglichkeit
beschäftigen. Pralle Lebenslust gemischt mit Franz Kafka und Edgar Allan
Poe, so lässt sich dieses großartige Buch charakterisieren, das der
Andrić-Biograf Michael Martens zusammengestellt hat.
Inhalt:
Gedanken und Ideen, in durchwachten Nächten notierte Miniaturen und tiefgründige, intime Einblicke in die Gefühlswelten des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andrić finden sich in diesem schmalen Büchlein. Sie sind sorgfältig übersetzt, kuratiert und mit einem ausführlichen und vor allem aufschlussreichen Nachwort versehen von Michael Mertens.
Meine Meinung:
Von Ivo Andrić habe ich schon einige Bücher gelesen. Der aus dem heutigen Bosnien stammende Literaturnobelpreisträger begleitet mein Leseleben seit über zehn Jahren und ist vor allem für seine monumentalen Chroniken, aber auch für Gedichte und Kurzgeschichten bekannt. In "Insomnia" finden sich ganz andere, sehr viel persönlichere Texte, die tief in Andrićs Persönlichkeit, seine Ängste, Sorgen und seine jahrelangen Probleme mit dem Schlaf und der Schlaflosigkeit blicken lassen. Vor allem diese Aspekte habe ich selber auch sehr gut nachvollziehen können, tue ich mich mit dem Thema doch seit meiner Jugend ebenfalls schwer.
Anders als beispielsweise in seinen umfangreichen Chroniken beschreibt Andrić ausserdem kaum andere Menschen und ihre Geschichten, vielmehr macht er sich hier Gedanken zum Menschsein selbst und diversen zutiefst menschlichen Regungen.
Schreibstil und Aufbau:
Meine einzigen Kritikpunkte an dieser Sammlung sind, dass mir nicht wirklich klar geworden ist, nach welchen Kriterien die unterschiedlich langen Fragmente und Miniaturen aus etwa 1'500 Einträgen in seinen Notizbüchern ausgewählt und auf zwölf Kapitel verteilt worden sind. Auch hätte ich mir noch mehr Details wie Daten/Orte gewünscht, um die Texte besser in Andrićs literarisches Leben einzuordnen.
Meine Empfehlung:
Die kleinen literarischen Snacks sind sicher ein guter Einstieg, um den Autoren Ivo Andrić einmal von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Ausserdem lesen sie sich bequem nebenher, in Wachphasen mitten in der Nacht, als Einstieg in einen vollen Tag und in einer kurzen Pause. Sie unterhalten mit Andrićs bekannt feinsinnigem Humor, regen zum Nach- und Weiterdenken an und machen Lust auf mehr.
Weitere Bücher des Autors:
Wesire und Konsuln - Ivo Andrić
Die Brücke über die Drina - Ivo Andrić
Das Fräulein - Ivo Andrić
Der verdammte Hof - Ivo Andrić
Die verschlossene Tür - Ivo Andrić
Lyrik und lyrische Prosa/Ex Ponto - Ivo Andrić
Zusätzliche Infos:
Titel: Insomnia. Nachtgedanken
Originaltitel: Insomnia
Autor: Ivo Andrić wurde 1892 in Travnik/Bosnien geboren und starb 1975 in
Belgrad. Er studierte Slawistik und Geschichte in Zagreb, Wien, Krakau
und Graz. 1920 trat er in den diplomatischen Dienst ein, 1939 bis 1941
war er jugoslawischer Botschafter in Berlin. 1961 erhielt Andrić den
Nobelpreis für Literatur.
Aus dem Serbischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von: Michael Mertens
Taschenbuch, Broschur: 192 Seiten
Verlag: btb Verlag
Erschienen am: 11.03.2026
ISBN: 978-3-442-77398-5
Mein SuB kommt zu Wort, 20.05.26
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| Alle Informationen zur Aktion findet ihr bei Melli |
Hallo ihr Lieben
Vergangenes Wochenende durfte ich die Solothurner Literaturtage besuchen und dort ist - aller Versuchung zum Trotz - nur ein Buch bei mir eingezogen. Allerdings habe ich im Mai ein Rezensionsexemplar und ein paar Wunschlistenbücher hier einziehen lassen. Da ich nicht so viele Bücher beendet habe, wie erwartet, ist SuBrina nicht geschrumpft, aber da ich in den nächsten Tagen viele Bücher beenden werde, hoffe ich zumindest noch auf einen kleinen Abbau bis Ende Mai. Bis zum 20.6. sollte sich dann SuBrina deutlich verringert haben. Oder so :-D
Und nun lasse ich sie an die Tastatur und bin gespannt, was sie noch alles erzählen wird.
Wie Frauchen das schon vorweggenommen hat (frech, wie ich finde), wiege ich noch genau gleich viel,
Die SuB-Entwicklung in der Übersicht:
20.05.2016: 222 Bücher (allererste Teilnahme bei dieser Aktion)
20.02.2017: 243 Bücher (absoluter SuB-Höchststand war im Januar 2017 mit 247 Büchern)
20.05.2017: 184 Bücher (nach der grossen Entrümpelung)
20.08.2022: 96 Bücher (definitiv im uHu-Bereich angekommen)
20.12.2022: 77 Bücher
20.12.2023: 61 Bücher
20.02.2024: 58 Bücher und 2 Bibliotheksbücher
20.10.2024: 70 Bücher
20.11.2024: 89 Bücher
01.01.2025: 90 Bücher
20.01.2025: 86 Bücher
20.02.2025: 82 Bücher
20.05.2025: 77 Bücher
30.06.2025: 69 Bücher
31.07.2025: 68 Bücher
20.08.2025: 67 Bücher
30.09.2025: 64 Bücher
20.10.2025: 66 Bücher
20.11.2025: 58 Bücher
20.12.2025: 61 Bücher...ups!!!
01.01.2026: 57 Bücher
20.01.2026: 46 Bücher
20.02.2026: 41 Bücher
20.04.2026: 36 Bücher
20.05.2026: 36 Bücher
2. Wie ist die SuB-Pflege bisher gelaufen – zeig mir deine drei neuesten Schätze auf deinem Stapel!Im Mai hier eingezogen sind (bisher) gleich sechs Bücher:
- Mirabellentage - Martina Bogdahn (Rezensionsexemplar)
- Wenn's einfach wär, würd's jeder machen - Petra Hülsmann (Hamburg 5) (neu gekauft)
- Meistens kommt es anders, wenn man denkt - Petra Hülsmann (Hamburg 6) (neu gekauft)
- Die Unbändigen - Emilie Hart (neu gekauft)
- ë - Jehona Kicaj (neu gekauft)
- Der Gesang der Amsel - Linda Olsson (Bücherschrankfund)
Zuletzt beendet hat Frauchen das Rezi-Exemplar "Insomnia. Nachtgedanken" von Ivo Andrić. Das Buch lag seit März hier und wollte deshalb unbedingt beendet werden. Eine Rezension dazu erscheint wahrscheinlich morgen. Die zuletzt erschienene Rezension hat Frauchen übrigens zu "Legende" von Ronald M. Schernikau getippt. Das Buch hat sie von Dezember 2020 bis gerade eben begleitet und es ist zu einem richtigen Lebensbuch für sie geworden. Sie würde sich riesig freuen, wenn ihr euch ihre REZENSION ansehen würdet :-D
4. Liebe:r SuB, der Wonnemonat ist da. Mit welchem Buch Deiner Stapel wird Dein:e Besitzer:in voraussichtlich eine schöne, entspannte Lesezeit haben?
Eine schöne Frage, vor allem, weil wir im April ganz viele Bücher vorgestellt haben, die Frauchen noch nicht gelesen hat (tztztz...). Bis zur nächsten Aktion möchte sie folgende Bücher lesen:
- "Rückkehr" - Anne B. Ragde (6. und letzter Teil der Lügenhaus-Reihe, liest Frauchen gerade)
- "Barbara stirbt nicht" - Alina Bronsky
- "Mirabellentage" - Martina Bogdahn (liest Frauchen gerade)
Dann noch offen vom letzten Mal ist "Glück am Morgen" von Betty Smith, das Frauchen aber voraussichtlich erst im August lesen wird.
Und nun wünschen wir euch ganz eine gute Zeit und ein frohes Stöbern. Hinterlasst doch gerne den Link zu eurem Beitrag in den Kommentaren, dann kommen wir auf einen Gegenbesuch vorbei.
Alles Liebe
SuBrina (und Livia)
Rezension: Legende
Legende - Ronald M. Schernikau
Beschreibung des Verlages:
Schernikaus
Opus Magnum ist Bibel und Travestie, Epos und Musical, ist äußerste
Form und Vielfalt der literarischen Formen, ist als dokumentarische
Bestandsaufnahme beider Deutschlands in den achtziger Jahren des 20.
Jahrhunderts von nachgerade bestürzender Aktualität – und immer heiter
vertieftes Spiel mit der Änderbarkeit der Welt.
Im Gespräch mit
Stefan Ripplinger erklärt Schernikau: „die legende wird als
zwischenspiele diese vier großen sachen haben, die bisher nicht gedruckt
sind. d.h. es wird fünf große kapitel geben und dazwischen in der
chronologischen reihenfolge: die variante, so schön, irene binz und die
schönheit. und in der mittleren szene der legende, von der konstruktion
her als zentrum, die gedichtesammlung, das hohelied des pförtners, und
die artikel, die wichtig bleiben und sind, auch noch integriert in den
text. d.h. es wird, in dem moment, wo die legende rauskommt – gott gebe,
daß sie jemals erscheint und daß ich sie schreiben kann –, es wird also
das opus magnum und es wird alles drinnen sein. […] ich habe ein
gewisses vertrauen in die macht dieser texte und denke, daß 1000 seiten
schernikau besser sind als 100 seiten schernikau. es wird das kürzeste
buch, das ich kenne, dafür kann ich garantieren!“
Inhalt:
sie müssen sich bei eitelkeiten immer klar machen, dass ich zehn jahre lang fast vollkommen erfolglos war, als ich das hier schrieb. sie müssen bedenken, dass ich gezwungen war, mein spätwerk schon in meinen dreissigern zu liefern. wenn sie dieses buch lesen, bin ich berühmt, kunststück aber jetzt! wenn sie dieses buch lesen, bin ich schon lange tot. hoffentlich! die vergangenen zeiten! der heitere abschied! komisch ist, was über die mühe erhebt.
Legende - Ronald M. Schernikau, S. 879
Von 1983 bis 1991 schrieb Schernikau an seinem Opus Magnum. Dem Text also, der ihn überdauern und erst Jahre nach seinem Tod erscheinen würde und der 2019 in einer - in zehnjähriger Überarbeitungsphase entstandenen - Neuausgabe im Verbrecher Verlag erschienen ist.
Die Rahmenhandlung begleitet die vier Götter fifi, kafau, stino und tete bei einem Besuch auf der Erde. Sie landen auf einer Insel, auf der sich eine Schokoladenfabrik befindet und deren Bewohner sinnbildlich für das Leben und den Umbruch stehen, in dem Schernikau als überzeugter DDR-Bürger sich während der Arbeit an seinem Montageroman "Legende" befindet. Eingeschoben in diese Handlung, die sich mit dem Entwurf einer neuen Welt einer solidarischen, vorkapitalistischen Gesellschaft im weitesten Sinne eines historischen Materialismus nach Engels, aber natürlich auch den Themen Liebe, Homosexualität, Identität, Unterdrückung Vergebung, Tod und Verantwortung befasst und immer wieder extrem persönlich wird, befinden sich - bis dahin teilweise unveröffentlichte - Essays, ein Theaterstück und ganz viele andere kurze und längere Texte. Dennoch verfolgt Schernikau keine politische Agenda im eigentlichen Sinne, sondern vertritt vielmehr die idealistische Ansicht der bestehenden Möglichkeit auf eine gerechte Welt.
Titel und Aufbau:
Eine Legende ist eine Erzählung, ein Märchen, eine Sage. Eine Legende ist aber auch eine Worterklärung, ein Nachschlagewerk oder eine glorifizierte Person. "Legende" von Ronald M. Schernikau ist all dies und noch viel mehr zugleich. Der deutsche Schriftsteller schafft in seinem letzten und umfangreichsten Werk eine Göttererzählung, ein Fantasiegebilde und stilisiert sich und sein Buch zur Unsterblichkeit hinauf. Ausserdem verwendet er Zitate aus der Popkultur, aus Film und Fernsehen, Literatur, politischen Reden, persönlichen Gesprächen und der Bibel um sein gesellschaftskritisches Gesamtkonzept entstehen zu lassen. Die 900 eng bedruckten Seiten Text und mehr als 100 Seiten Anmerkungen (mit Bauplan der Legende, Worterklärungen, Quellenverzeichnis und Nachwort) lassen nur erahnen, welch grosse Arbeit der Neuausgabe dieses Buches wohl vorausging.
Als dem Autor 1990 bewusst wurde, dass er bald an den Folgen von HIV sterben würde, entschloss er sich in nahezu religiösem Eifer dazu, das Buch zu beenden, noch einmal ganz abzutippen und alles an bis dahin unveröffentlichten Texten darin unterzubringen. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Rahmenerzählung der Legende optisch der Gestaltung der Bibel nachempfunden wirkt. Zahlreiche editorische Notizen im Anhang lassen die Entstehungsgeschichte des Buches in Teilen nachvollziehen und generell ist das Nachwort extrem spannend und aufschlussreich gestaltet. Würde man das Buch aber mit einer üblichen Schriftgrösse herausgeben, würde es wohl insgesamt mindestens 3000-4000 Seiten umfassen. Entsprechend langsam liest sich "Legende".
Herangehensweise und meine Meinung:
Wie bin ich überhaupt auf Schernikau gekommen? Vor mehr als zehn Jahren habe ich gemeinsam mit meinem Vater einen extrem spannenden Dokumentarfilm über Ronald M. Schernikau gesehen. Mein Vater erinnerte sich dabei an das Buch "Kleinstadtnovelle", das er als junger Erwachsener im Lehrerseminar gelesen hatte. Ich machte mich auf die Suche nach Büchern von Schernikau und las innerhalb von zwei Jahren "Königin im Dreck" und "Kleinstadtnovelle". Schon damals wusste ich, dass es irgendwo eine (damals wohl vergriffene oder extrem teure) alte Auflage von "Legende" gab und hielt fortan die Augen nach diesem Opus Magnum offen. 2019 erschien die Neuauflage, was mich riesig freute und 2020 wünschte ich mir das Buch von meinem Mann zu Weihnachten. Ich begann noch im Dezember 2020 mit der Lektüre und ihr habt es sicher auch alle auf die eine oder andere Weise erlebt; Bücher, die einen durch eine so surreale Zeit begleiten und ebenfalls Umbrüche und Umstürze beschreiben, brennen sich noch einmal ganz anders ein.
Das umfangreiche Werk, das Schernikau bis 1991, kurz vor seinem Tod im
einundreissigsten Lebensjahr, beschäftigt hat, hat mich somit also mehr als fünf
Jahre lang begleitet. Ich habe es nicht gelesen, sondern ich habe es stellenweise inhaliert, mir aber auch oft hart erarbeitet und erkämpft. Die insgesamt über 1000 Seiten haben mich immer wieder unterschiedlich lange Pausen einlegen lassen. Ausserdem habe ich viel durchs Buch geblättert und mich zu eigenen Recherchen anregen lassen. "Legende" ist kein Buch, das man chronologisch und nebenbei liest, der Montageroman lässt einen springen und entdecken, immer wieder vor- und zurückblättern und ich habe wirklich jede einzelne Anmerkung, jeden einzelnen Nachweis mindestens einmal gelesen und dabei oft innegehalten und mich zum Nachdenken anregen lassen.
Das Buch, das auch eine Liebeserklärung an Berlin ist, beinhaltet ganz viel Humor, Spielereien und Skurrilität und auch extrem politische und gesellschaftskritische Gedanken, die kaum an Aktualität eingebüsst haben. Im letzten Teil verliert der Autor, der die Figur "der Neffe von Ulla" als eine Art Alter Ego geschaffen hat, die Distanz zu seinen Figuren und schreibt immer öfter in der ersten Person als "Ronald" und wird nahbarer und emotionaler. Als nämlich die von Schernikau geliebte DDR zerfällt, die seine Mutter 1966 der Liebe wegen mit ihrem kleinen Sohn im Kofferraum eines Autos verlassen und deren Staatsbürgerschaft er sich erst im September 1989 wieder erkämpft hatte, steht er als überzeugter Kommunist den Trümmern seiner Träume gegenüber.
Als sich gegen Ende des Buches auch der nahende Tod des 1990 mit AIDS
diagnostizierten Schernikaus erahnen lässt, philosophiert er über das Sterben und den Schmerz, das Verlieren und Vermissen und das, was bleibt. Er hat mich damit tief berührt. Denn "Legende" ist vor allem auch eine Hommage an die Liebe. Die Liebe zur Hoffnung auf eine bessere Welt, die Liebe zu Wegbegleitern wie seinem Partner Thomas Keck und die Liebe zu seiner Mutter Ellen Schernikau, der die Figur Irene Binz nachempfunden ist und der Schernikau mit seinem Buch ein Denkmal geschaffen hat.
Meine Empfehlung:
Dem Buch und
dem Autor, Denker und Idealisten Schernikau, der mich schon mit
"Kleinstadtnovelle" und "Die Königin im Dreck" für sich eingenommen hat,
werde ich spätestens nach dieser Lektüre auf ewig verbunden bleiben und seine "Legende" wird für
immer einen grossen Platz in meinem Leseleben einnehmen. Wenn ihr einige Stunden - oder wie in meinem Fall Jahre - zum Lesen dieses monumentalen Werkes erübrigen könnt, dann macht das. Und meldet euch bei mir, damit wir uns darüber austauschen können.
Zusätzliche Infos:
Titel: Legende
Autor: Ronald M. Schernikau, geboren 1960 in Magdeburg, DDR, aufgewachsen in
Hannover, BRD. 1980 Umzug nach Westberlin, Studium der Germanistik,
Philosophie und Psychologie. Ab 1986 Studium am "Institut für Literatur
Johannes R. Becher" in Leipzig, DDR. 1989 Staatsbürgerschaft der DDR und
Übersiedlung nach Berlin. Dramaturg Hörfunk und Fernsehen bis zu seinem
Tod 1991. Veröffentlichungen: "kleinstadtnovelle" (1980), "die tage in
l." (1989), "dann hätten wir noch eine chance" (1992), "legende" (1999).
Siehe auch www.schernikau.net
Herausgegeben von: Lucas Mielke, Helen Thein und Thomas Keck
Sprache: Deutsch
Leinen mit zwei Lesebändchen: 1072 Seiten
Verlag: Verbrecher Verlag
Ersterscheinung:
30.09.2019
ISBN:9783957323422


