Rezension: Pi mal Daumen

Pi mal Daumen - Alina Bronsky

Beschreibung des Verlages:

Sie begegnen sich zum ersten Mal in einer Vorlesung: Der hochbegabte Oscar ist 16, hat einen Adelstitel und ist noch nie mit der U-Bahn gefahren. Moni Kosinsky hat drei Enkel, mehrere Nebenjobs und liebt knalligen Lippenstift und hohe Absätze. Sie ist fest entschlossen, sich heimlich den Traum von einem Mathe-Studium zu erfüllen.
Doch im Hörsaal wird Moni für eine Putzfrau gehalten und belächelt. Wie kommt sie dazu, sich für eines der schwierigsten Fächer überhaupt einzuschreiben? Und woher kennt sie den berühmtesten Professor der Uni?
Bald muss nicht nur Oscar feststellen, dass Monis Verstand und Beharrlichkeit größer sind als ihre Wissenslücken. Denn Mathematik schert sich nicht um Fragen der Herkunft, des Alters und des Aussehens. Oscar dagegen kämpft mit dem Alltag und findet ausgerechnet in der warmherzigen Moni eine Vertraute, die seinem Leben eine entscheidende Wendung gibt. Bald verbindet die beiden Außenseiter eine Freundschaft, die niemand für möglich gehalten hätte. 

Inhalt:
Der Jungstudent Oscar bewegt sich in seiner ganz eigenen Welt. Er ist nicht nur hochbegabt, sondern auch extrem privilegiert aufgewachsen. Ausserdem blickt er ziemlich ignorant auf seine Mitmenschen herab. Moni ist das genaue Gegenteil. Sie ist bereits Oma, trägt ausschliesslich schillernde Outfits, kümmert sich ganz oft um ihre Enkelkinder und arbeitet in mehreren Jobs, um sich und ihre Familie über Wasser zu halten. Daneben bleibt kaum Zeit für ihr Studium. Nachdem Moni und Oscar in einer Mathe-Vorlesung zufällig nebeneinander sitzen, nähern sich die beiden Einzelgänger einander an. Wer dabei wem am meisten unter die Arme greift, wird erst auf den zweiten Blick klar.

Meine Meinung:
Schon wieder hat mich Alina Bronsky überzeugt! Und schon wieder hat sie - wie auch schon bei "Barbara stirbt nicht" - eine furchtbar unangenehme Männerfigur geschaffen, welche die Geschichte aus ihrer eigenen eher beschränkten Perspektive erzählt und dabei die eigentliche weibliche Hauptfigur nicht nur ins Zentrum rückt sondern auch um so mehr Sympathie für sie weckt.
Mir hat sehr gut gefallen, wie viele verschiedene Ebenen sich in Bronskys Roman finden. Ein wenig übertrieben kommen die Stereotype aber schon daher. Nur spielt Bronsky natürlich auch damit und macht eindrücklich auf soziale Ungerechtigkeiten und den grossen Einfluss von Vorurteilen aufmerksam.

Schreibstil und Aufbau:
In diesem Roman verbergen sich nicht nur ein hochnäsiger Jungspund und eine fleissige, interessierte und vor allem menschliche Frau, welche sich mit ihrem Mathe-Studium einen langgehegten Traum erfüllen will, sondern auch ganz viele berührende Zwischentöne. Eine tragische Familiengeschichte, eine zum Scheitern verurteilte Beziehung und Menschen, die nie gelernt haben, sich etwas zuzutrauen, die aber eine Chance packen, wenn man sie ihnen gibt sind genau so Teil dieser Geschichte, wie desinteressierte Wissenschaftler und geborene Pädagogen. Mathematische Rätsel und Spielereien sowie Einblicke in ein turbulentes Familienleben kommen dabei ebenfalls nicht zu kurz.
In bekannter Manier sorgt Bronsky mit ihrem zarten Humor sowie einigen kreativen Überraschungen dafür, dass die Geschichte nie langweilig wird, dass Gesellschaftskritik ankommt und trotzdem für Unterhaltung gesorgt ist.

Meine Empfehlung:
"Pi mal Daumen" ist ein sehr kurzweiliges, kreativ erzähltes Buch, das einfach Spass macht und mit seiner ungewöhnlichen Protagonistin berührt. Ich wünsche dem Roman noch viele weitere Fans und empfehle ihn euch sehr gerne weiter.

Weitere Bücher der Autorin:
Baba Dunjas letzte Liebe
Der Zopf meiner Großmutter
Barbara stirbt nicht

Zusätzliche Infos:
Titel:
 Pi mal Daumen
Autorin:
Alina Bronsky, geboren 1978, lebt in Berlin. Ihr Debütroman »Scherbenpark« wurde zum Bestseller und fürs Kino verfilmt. »Baba Dunjas letzte Liebe« wurde für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert und ein großer Publikumserfolg. 2019 und 2021 erschienen ihre Bestseller »Der Zopf meiner Großmutter« und »Barbara stirbt nicht«, 2024 folgte ihr Roman »Pi mal Daumen«, der als Lieblingsbuch der Unabhängigen ausgezeichnet wurde.
Sprache: Deutsch
Fester Einband mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 272 Seiten
Verlag: KiWi
Erscheinungstermin: 15.08.2024 
ISBN: 978-3-462-00425-0

Rezension: Mit beiden Händen den Himmel stützen

Mit beiden Händen den Himmel stützen - Lilli Tolkien

Beschreibung des Verlages:
Eine Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand und ein Mädchen, das zur Heldin der eigenen Geschichte wird. 
Lale wächst in den 80ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Sie darf wach bleiben, solange sie will, Süßigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg, taumelt an den Rändern und findet Jahre später Halt im Erzählen selbst.
Authentisch, verletzlich, von poetischer Spannkraft.

TW: sexualisierte Gewalt (auch an Kindern), Alkoholmissbrauch, Drogen, Gewalt, SVV, Essstörung, Erbrechen

Inhalt:
Lale wächst bei ihrem Pflegevater in einer Männer-WG auf, in der auch ihr Vater lebt, was die Behörden aber nicht erfahren dürfen. Schon früh macht sie Erfahrungen mit Erwachsenen, die sich berauschen, lügen und stehlen. Ihre Kindheit ist geprägt von Vernachlässigung und Missbrauch, aber auch von Abenteuern und unendlichen Freiheiten. Als Jugendliche gerät sie dann selber ein wenig aus dem Lot und als junge Frau muss sie damit beginnen, sich ihren Körper zurückzuholen und zu lernen, gesunde Grenzen zu setzen und auch zu akzeptieren. 

Meine Meinung:
Viele begeisterte Rezensionen haben mich das Buch auf meine Wunschliste setzen lassen und als es dann auch noch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis landete, habe ich es mir sofort gekauft. Schnell wird klar, dass sich auf wenigen Seiten eine sehr intensive, fordernde und stellenweise auch explizite Geschichte verbirgt. Wer zwischen diesen Buchdeckeln aber Trauma-Porn vermutet, liegt komplett falsch. Vielmehr ist dieser Roman die Aufarbeitung einer komplizierten Kindheit und Jugend, die sicher nicht ganz unähnlich ist zu Tollkiens eigenen Erfahrungen. Darum soll es aber gar nicht gehen. Im Zentrum stehen eine enorme Sprachkunst und eine Kritik an einer linken Szene, die mit kritischen und modernen Werten punktet, im Bereich Kinder- und Jugendschutz aber kläglich versagt und sich der Verantwortung für Kinder und Jugendliche nicht stellen kann und/oder will. Nicht nur sind Lales Eltern ihrer Aufgabe nicht gewachsen, auch sind sämtliche Behörden, Lehrpersonen und andere "Bezugspersonen" entweder selber Täter oder zumindest bereit, ihre Augen vor der Wahrheit zu verschliessen.

Schreibstil und Aufbau:
Die Beschreibungen der oft aufwühlenden Szenen gestaltet Tollkien mit klaren Worten aber auch mit Leerstellen. Die in der ich-Person erzählende Protagonistin Lale beschreibt dabei als erwachsene Frau Szenen aus ihrer Kindheit und Jugend und lässt gleichzeitig auch immer wieder in ihr erwachsenes Leben blicken. Dies geschieht mit kunstvoll gebildeten Sätzen, deren Struktur sich oft wiederholt und die dem Roman eine ganz eigene Form gibt.

Meine Empfehlung:
"Mit beiden Händen den Himmel stützen" ist ein intensives, mitreissendes, bewegendes Debüt, das nachhallt und Lust auf mehr macht. Ich empfehle euch das Buch gerne weiter, macht euch aber auf explizite Inhalte gefasst... Und ich werde Tollkien auf jeden Fall im Auge behalten.

Zusätzliche Infos:
Titel: Mit beiden Händen den Himmel stützen
Autorin: Lilli Tollkien, 1980 in Berlin geboren, begann verschiedene Ausbildungen und studierte unter anderem Regie und Musiktherapie in Berlin und Heidelberg. Sie arbeitete in sehr unterschiedlichen Berufen, etwa als Suchtberaterin in der JVA, als Jobcoach und Ausstatterin. Neben ihrem heutigen Beruf fotografiert sie und hat in Anthologien veröffentlicht. Sie lebt mit ihren Kindern in Leipzig. "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ist ihr erster Roman.
Sprache: Deutsch
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 255 Seiten
Verlag: aufbau
Veröffentlichung: 14.03.2026
ISBN: 978-3-351-04284-4

Lese-Statistik August 2026

Hallo zusammen

Nun ist endlich auch der - vor allem am Anfang - immer noch viel zu heisse und trockene August überstanden und meine liebste Jahreszeit beginnt. Nach dem extrem emotionalen und auch nicht ganz einfachen Juli hatte ich im August zuerst noch eine einigermassen ruhige Woche, in der ich mich wieder an meinen Alltag herantasten konnte. Dann hat auch bereits das neue Schuljahr - wie immer mit viel Chaos, Mehraufwand und vor allem ganz vielen unvorhergesehenen Herausforderungen - begonnen. Als mittlerweile alte Häsin und mit den nach der Pause wieder aufgeladenen Batterien stürze ich mich aber jeweils sehr euphorisch in den Schulstart und mag diese kleinen und grösseren Challenges eigentlich sehr gerne.
Und weil ich gleichzeitig auch mit verschiedenen Ensembles wieder die Probenarbeit aufgenommen, mein Patenkind (und ganz viele andere tolle Menschen) oft besucht, ein grosses Fest gefeiert, einige Konzerte am Lucerne Festival erlebt habe und eine wirklich tolle Konzertanfrage für März 2027 annehmen konnte, war das ein sehr schöner, erfolgreicher, spannender Monat. Wie ihr nämlich vielleicht bereits mitbekommen habt, sind dicht und abwechslungsreich gefüllte Monate mir immer am liebsten :-D
Gelesen habe ich auch; vor allem im Zug, extrem unregelmässig und absolut querbeet, aber da waren wieder einige spannende Bücher dabei.

Gelesen im August:

Ein fesselndes Buch zum Nachdenken mit eher offenem Ende, für mich extrem stimmig gemacht


Eine erneute Reise nach Venedig mit einem brutalen Ausflug in einen Schlachthof, toll erzählt


Skurrile, absurde Kurzgeschichten, dunkelschwarzer Humor, zum Nachdenken und Gruseln


Eine starke Freundschaft, Schnee und Winter, ein Kriegsverbrechen um 1948, berührend und poetisch


Der unterhaltsame Abschluss der lose zusammenhängenden Hamburg-Reihe, gemütlich und humorvoll


Klassiker und Gesellschaftsstudie aus dem Jahr 1932 mit viel Kritik am Bildungsbürgertum, lesenswert


Zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises: schmerzhaft, bewegend, klug und hoffnungsvoll zugleich


Alle Zahlen und Rezensionen:

Krokodilwächter - Katrine Engberg   (abgebrochen nach 166 Seiten)
Mörderischer Freitag - Nicci French   (abgebrochen nach 150 Seiten)
Kleine Monster - Jessica Lind   (256 Seiten)
Tierische Profite - Donna Leon   (336 Seiten)
Mini Horror - Barbi Marković   (192 Seiten)
Unmöglicher Abschied - Han Kang   (315 Seiten)
Meistens kommt es anders, wenn man denkt - Petra Hülsmann   (512 Seiten)
Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun   (208 Seiten)
Anti Müller - Yade Yasemin Önder   (240 Seiten)

Neuzugänge:

  • Shining - Stephen King (von einem guten Freund geliehen)
  • Unmöglicher Abschied - Han Kang (neu gekauft, sogar vorbestellt)
  • Mit beiden Händen den Himmel stützen - Lilli Tolkien (Longlist Deutscher Buchpreis, neu gekauft)
  • Anti Müller - Yade Yasemin Önder (Longlist Deutscher Buchpreis, neu gekauft)
  • Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun (neu gekauft)
  • Was wäre, wenn wir mutig sind - Luisa Neubauer (neu gekauft)
     

Abgebrochen:

Krokodilwächter - Katrine Engberg (abgebrochen nach 166 Seiten)
Was sooo interessant begonnen hat, hat sich leider nach kurzer Zeit nur noch gezogen. Ausserdem war der sehr bemüht wirkende male gaze extrem anstrengend zu lesen. Ich habe viele begeisterte Rezensionen zum Buch und zur Reihe entdeckt, aber auch einige, welche Längen und unnötige Ausschmückungen kritisiert haben (zu denen gehöre nun wohl auch ich), also habe ich entschieden, die anderen Teile der Reihe auch auszusortieren.

Mörderischer Freitag - Nicci French (abgebrochen nach 150 Seiten)
Ich kann es kaum fassen, dass ich diese Zeilen tippe, aber ich habe den 5. Band der Frieda Klein-Reihe abgebrochen und die weiteren Bände aussortiert, obwohl die Bände 5-7 im Juli erst - immerhin nur gebraucht - hier eingezogen sind... Schon der vierte Band der Reihe hat mich immer wieder gelangweilt und obwohl ich Frieda als Figur sehr mochte und obwohl der erste Band für mich damals ein absolutes Highlight war, passt die Reihe wohl einfach nicht mehr zu mir. Ich komme nicht mehr klar mit den unglaubwürdigen Ermittlungen, Menschen, die Frieda keinen Glauben schenken und damit, dass die Thriller einfach nur noch langweilig sind. Ausserdem habe ich keine Lust darauf, noch soooo viele weitere Bände auf eine Auflösung zu warten. Danke für die schöne Zeit, liebe Frieda, aber du kommst jetzt leider weg.

Ungelesen aussortiert:

  • Blutmond - Katrine Engberg (Kørner und Werner 2)
  • Das Nest - Katrine Engberg (Kørner und Werner 4)
  • Wintersonne - Katrine Engberg (Kørner und Werner 5)
  • Böser Samstag - Nicci French (Frieda Klein 6) 
  • Blutroter Sonntag - Nicci French (Freida Klein 7)  

  • Alle Zahlen in der Übersicht:

    Gelesene Bücher: 7
    Abgebrochene Bücher: 2
    Ungelesen aussortierte Bücher: 5
    Gelesene Seiten: 2'375 Seiten
    Durchschnittliche Seitenzahl pro Tag: 76.6 Seiten
    Bücher von Autorinnen: 7
    Bücher von Autoren: -
    Autor*innenduos (oder Gruppen): -
    Geschenkt bekommene Bücher: -
    Ausgeliehen: 1 
    Buchgewinn: -
    Buchprämien: -
    Rezensionsexemplare: -
    Neu gekaufte Bücher: 5
    Gebraucht gekaufte Bücher: -
    Eingesammelte Bücher: -
    Bibliotheksbücher: -
    Gesamte Neuzugänge: 6
    SuB am Monatsbeginn: 33
    Aktueller SuB: 25
    Differenz: - 8

    Rezension: Anti Müller

    Anti Müller - Yade Yasemin Önder

    Beschreibung des Verlages (stark gekürzt):

    „Liebe ist die Illusion, dass die aktuelle Beziehung hält, und die nach ihrem Ende nur durch eine neue Illusion in Form einer neuen Liebe zur Desillusion werden kann.“
    In ihrem neuen Roman erzählt Yade Yasemin Önders seziert mit großer poetischer Präzision die Mechanismen moderner Beziehungen. Im Zentrum steht eine Mittdreißigerin, die um eine Beziehung, ihren Wunsch nach Familie und ihren Drang nach Geborgenheit kämpft.
    Doch Anti Müller erzählt nicht nur von der Suche nach Liebe und Nähe. Dieser Roman nimmt auch einen vermeintlich feministischen Kulturbetrieb ins Blickfeld, der nach wie vor den Männern die Regie überlässt.
    Unter den lackierten Nägeln der sanften Vollstrecker verkrusteter Strukturen lauert noch immer der Schmutz des Patriarchats. Mit sprachlicher Genauigkeit legt Yade Yasemin Önder offen, wie sich diese Machtverhältnisse in Beziehungen, im Kulturbetrieb und im Umgang mit weiblichen Körpern fortschreiben.
    Anti Müller verbindet die persönliche Geschichte einer Mittdreißigerin mit einer scharfen Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Der Roman fragt, wie frei Beziehungen wirklich sind und wer bestimmt, was auf den Bühnen und über die Körper geschieht.

    Inhalt:
    Die namenlose Protagonistin schreibt ihren ersten Roman und sucht nach einer zerbrochenen Beziehung einen neuen Partner, mit dem sie ihren Kinderwunsch verwirklichen kann. Unter anderem kommt sie Andi Müller näher, der bereits Zwillingsvater ist und gerade als Schauspieler durchstartet. Er vertröstet sie lange und sie bemerkt, dass sie nicht nur droht, sich selber zu verlieren, sondern dass ihr in dieser schwierigen Mischung aus Abhängigkeit und Selbstbestimmtheit auch die Zeit davonrennt.

    Meine Meinung:
    Dieses Buch habe ich innerhalb von kürzester Zeit inhatiert und auch wenn wohl einige Lesenden den Schreibstil als nicht so zugänglich empfunden haben, habe ich mich beim Lesen perfekt abgeholt, unterhalten und nachdenklich gestimmt sowie wütend gemacht gefühlt. Schicht für Schicht gelingt es, Yade Yasemin Önders, Machtstrukturen innerhalb von (vor allem hetero-)Beziehungen auf den Punkt zu bringen und sie macht ihren "Müller" zu genau der Figur Mann, die eigentlich verstanden hat, wie Feminismus funktioniert, die mit dem Kinderwunsch der Partnerin aber zufällig ein Druckmittel in die Hände gespielt bekommen hat und dieses auch bewusst und unbewusst ausnutzt. Unsere Protagonistin hingegen ist selbstbestimmt und wird beruflich immer erfolgreicher, sie geniesst ihre Freiheiten, Tinderdates und die Selbstbestimmung über ihre Beziehungen, ihr Leben und ihren Körper und sucht gleichzeitig nach einem sicheren Hafen, den sie in einer eigenen Familie vermutet. Dies ist schmerzhaft und einige Szenen haben mich an einen schwierigen Besuch in einer Kinderwunschklinik an der Seite einer lieben Freundin erinnert. An den von der Ärztin erstellen Ausdruck mit den Berechnungen der Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft in ihrer zitternden Hand und an die anderen Frauen im Wartebereich, einige davon tränenüberströmt, andere hochschwanger...
    Das Buch lässt aber auch in einen Kulturbetrieb blicken, den ich selber nur zu gut kenne und der immer wieder vorgibt, sich selber zu überdenken und überarbeiten, zu modernisieren und für mehr Diversität und Inklusion einzustehen. Was er ehrlich gesagt stellenweise auch tut und dies sogar auf überzeugende Art. Wenn es dann um Ruhm, Preisgelder oder aber auch Shitstorms geht, ist allerdings immer ganz klar gegendert, wer davon am meisten abbekommt.
    Und als wäre alle dies noch nicht Inhalt genug, schafft es Önders auch noch, eine weitere Ebene ins Spiel zu bringen. Ihre Protagonistin ist nämlich mit immer wieder streitenden und immer wieder getrennten Eltern aufgewachsen und ihre Mutter hat eine Migrationsgeschichte. So wächst die Protagonistin mit und auch wieder nicht mit Migrationshintergrund auf und weigert sich, sich ausschliesslich darüber zu definieren, wie dies so viele andere Autoren (gendern nicht nötig) tun, er ist aber natürlich trotzdem Teil von ihr.
    Das Buch hat so vieles lustige Szenen, wie die "toten" Exfreunde der Protagonistin. Aber dieses Buch ist auch extrem traurig und aufrüttelnd und zeigt eine gleichzeitig zur erfolgreichen Karriere stattfindende Leere und Zerrissenheit, mit der sich wohl viele Frauen Mitte Dreissig herumschlagen, die aber noch kaum so gut in Worte gefasst worden ist, trotzdem verliert es nie einen auch irgendwie hoffnungsvollen Ton. Und dann überzeugt das Buch auch noch sprachlich. Mal kommt es derb und brutal, bissig und böse daher, mal dominieren die leisen Töne und lassen Raum für eigene Gedanken. 

    Meine Empfehlung:
    Das Buch habe ich nicht nur zu einem für mich perfekt passenden Zeitpunkt gelesen - nämlich nach "Das kunstseidene Mädchen" und vor "Heult leise, Habibis" - , es ist auch generell absolut zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Unbedingte Empfehlung!

    Zusätzliche Infos:
    Titel:
    Anti Müller
    Autorin: Yade Yasemin Önders Theaterstück Kartonage wurde 2017 zu den Autor*innentheatertagen Berlin eingeladen und am Wiener Burgtheater uraufgeführt. 2018 erhielt sie den Hauptpreis für Prosa beim open mike. Ihr Debütroman Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron (2022, KiWi) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den ZDFaspekte-Literaturpreis. 2023 erhielt sie das Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds. 2024 erschien der Kollektivroman Wir kommen, dessen Mitautorin sie ist. 
    Sprache: Deutsch
    Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 240 Seiten
    Verlag: park x ullstein
    Erscheinungstag: 26.02.2026
    ISBN: 9783988160652

    Rezension: Das kunstseidene Mädchen

    Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun

    Beschreibung des Verlages:

    Der herausragende literarische Klassiker, der Irmgard Keun 1932 zum Literaturstar und eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts machte: fesselnd, eindringlich, zeitkritisch und humorvoll!
    »Irmgard Keun war die erfolgreichste deutsche Autorin der dreißiger Jahre, und die Lektüre lohnt noch heute.« Thomas Karlauf, FAZ
    »Ich will ein Glanz werden«
    Doris, das kunstseidene Mädchen, ist Sekretärin bei einem zudringlichen Rechtsanwalt. Sie will nicht mehr tagein, tagaus Briefe tippen, sondern ein Star werden, will die große Welt erobern. Die große Welt, das ist für die Achtzehnjährige Berlin. Dort stürzt sie sich in das Leben der Tanzhallen, Bars und Literatencafés, lässt sich in vornehme Lokale einladen, goutiert die »gute Gesellschaft«– und bleibt doch allein. Ihre Affären mit Männern aus »besseren Kreisen« sind kurzlebig, die erträumte Karriere bleibt eine Illusion.
    Doch Doris weiß sich zu trösten ...  
    Irmgard Keun hat Doris' kunstseidene Abenteuer »naiv und brilliant, witzig und verzweifelt, volkstümlich und feurig« beschrieben (Hermann Kesten). Bunte Unterhaltung in Verbindung mit satirischer Zeitkritik – eine seltene Einheit und ein wahrer Klassiker der Literatur.

    Inhalt:
    Von Sommer 1931 bis Frühling 1932 begleiten wir die achtzehnjährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Doris durch ihren turbulenten Alltag. Nach den Annäherungen ihres Arbeitgebers verlässt sie ihre Stelle als Sekretärin und ihre Heimatstadt und zieht nach Berlin, wo sie sich eine Karriere erhofft und davon träumt, ein "Glanz" zu werden und den sozialen Aufstieg zu schaffen. Zahlreiche skurrile bis gefährliche Männerbekanntschaften, Alkohol, Naivität, aber auch eine gehörige Portion Mut und Pragmatismus prägen diese Reise.

    Meine Meinung:
    Auf das Buch aufmerksam geworden bin ich während Julia Webers Lesung zu ihrem Buch "Weil ich Ruth bin". Sie verwies dabei auf "Das kunstseidene Mädchen" und hat mich sehr neugierig gemacht. Vor der Lektüre wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Ich flog aber nur so durch die Seiten dieses spannenden Zeitromans und hätte Doris manchmal am liebsten in den Arm genommen oder sie, respektive ihre zwielichtigen männlichen Kumpanen - je nach Situation - auch ausgeschimpft. Auf jeden Fall aber habe ich mich gefragt, weshalb wir diesen Klassiker nie in der Schule gelesen und besprochen haben. Dort würde er in meinen Augen unter anderem hingehören.

    Schreibstil:
    Der Schreibstil ist bewusst schlicht und ein wenig kindlich gehalten. Der Inhalt des Romans besteht ausschliesslich aus Tagebucheinträgen, Gedanken und Aufzeichnungen der scheinbar ein wenig naiven Protagonistin Doris. Keun versetzt sich mit einer spielerischen Leichtigkeit in diese Figur, die man allen Ecken und Kanten zum Trotz einfach mögen muss, was nicht zuletzt an ihrem Lebensmut und ihrer Bauernschläue in scheinbar ausweglosen Situationen liegt. Was auf den ersten Blick simpel und schlicht wirkt, ist aber ein sprachliches Meisterwerk, das dem - vor allem männlichen - Bildungsbürgertum einen Spiegel vorhält und gekonnt gesellschaftliche Missstände anprangert.
    Als besonders wertvoll habe ich die zwei Texte im Anhang empfunden. Der Text von Annette Keck beleuchtet "Das kunstseidene Mädchen" noch einmal differenziert, während der Text von Anna Barbara Hagin sich vor allem mit Keuns Leben auseinandersetzt.

    Meine Empfehlung:
    Das Buch empfehle ich euch sehr gerne weiter und ich bin schon gespannt auf weitere Werke der Autorin. Es lohnt sich in meinen Augen nämlich unbedingt, Irmgard Keun kennenzulernen.

    Zusätzliche Infos:
    Titel:
    Das kunstseidene Mädchen
    Autorin: Irmgard Keun, 1905 in Berlin geboren, feierte mit ihren beiden ersten Romanen, Gilgi – eine von uns und Das kunstseidene Mädchen, sensationelle Erfolge. 1936 ging sie ins Exil und kehrte vier Jahre später mit falschen Papieren nach Deutschland zurück, wo sie unerkannt lebte. Im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit konnte sie zunächst nicht an die Erfolge ihrer ersten Bücher anknüpfen, bis ihre Romane Ende der Siebzigerjahre von einem breiten Publikum wiederentdeckt wurden. Irmgard Keun starb 1982 und zählt heute zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts.
    Sprache: Deutsch
    Taschenbuch, Broschur: 208 Seiten
    Verlag: Ullstein Taschenbuch

    Erscheinungstag dieser Ausgabe: 01.02.2001
    ISBN: 9783548600857