Rezension: Die schönste Version

Die schönste Version - Ruth-Maria Thomas

TW:
häusliche und sexualisierte Gewalt, Mobbing, Essstörung

Beschreibung des Verlages:
Ruth-Maria Thomas erzählt in ihrem gefeierten Debütroman, nominiert für den Deutschen Buchpreis 2024,  die Geschichte von Jella und Yannick. Es ist eine Geschichte vom Aufwachsen in der ostdeutschen Provinz und der ersten großen Liebe, deren anfängliche Leichtigkeit sich in ihr Gegenteil verkehrt und eine toxische, gewaltvolle Dynamik entwickelt.
«Ein Muss für uns und wirklich jeden Mann, der ansatzweise verstehen möchte, wie das Aufwachsen als Frau im Patriarchat uns kaputtmachen kann.» – Louisa Dellert
Mit stilistischer Brillanz und seltener Drastik legt "Die schönste Version" die Abgründe einer Beziehung und die gesellschaftlichen Strukturen dahinter frei. Es ist die funkelnde und zugleich erschütternde Geschichte eines Erwachens, eine große Introspektion und eine Anklage – fesselnd, tiefgründig und von unerhörter Aktualität.

Inhalt:
Jella und Yannick, eine scheinbar perfekte Liebesgeschichte. Doch eines Tages geht er zu weit und wird handgreiflich. Es gibt eine Zeugin, es gibt eine Aussage und in zahlreichen Rückblenden werden Hintergründe und Abgründe ertastet. Freundschaften, Machtgefälle, Missbrauch und herausfordernde Familienstrukturen prägen Jellas Alltag genau so, wie die gefährlichen Beziehungen, aus denen sie kaum ausbrechen kann.

Meine Meinung:
Ich bin froh, das Buch gemeinsam mit Sina gelesen und diskutiert zu haben. Im Austausch konnten wir einiges besser einordnen und verarbeiten. Und auch wenn zum Glück nicht alle Details aus Jellas Leben auch Teil meines Lebens sind (oder waren), so habe ich mich und mein Umfeld doch immer wieder in einigen der Szenen, Erinnerungen oder Gedanken erkannt. Ruth-Maria Thomas ist es mit ihrem Debüt gelungen, aufzurütteln, zu schockieren und zu berühren. Und leider zeigt sie einen Alltag auf, den so viele von uns so, die in den 90er-Jahren geboren worden sind, zumindest in Teilen erlebt haben. Vom Kontrollieren und Aushungern des eigenen Körpers über den Gruppenzwang, sich riskanten Spielen, Substanzen oder Menschen hinzugeben bis hin zum von abwesenden Eltern und Erziehungsberechtigten fast komplett unbeaufsichtigten Verbringen der Freizeit in Hinterhöfen, Kneipen und Betten viel älterer Männer lässt Thomas kein damals wie heute für einige Mädchen und junge Frauen noch immer hochaktuelles Thema aus.
Jella lebt und überlebt nach Yannicks Tat bei ihrem Vater. Sie beginnt, gesellschaftliche Strukturen zu durchschauen und zeigt anhand ihrer Kindheit und Jugend auf, was unter anderem dazu geführt hat, dass sie an den Punkt gelangt ist, an dem sie gerade steht. Sie erinnert sich an das Dulden, das in-Schutz-Nehmen, das Ausprobieren und das Bewundern von denen, die alles durften und konnten und älter und stärker waren.

Meine Empfehlung:
Ein paar Fragen bleiben offen, nicht alles ist ganz rund, aber der Stil und die gekonnt erzählten Figuren machen dies wett. Ruth-Maria Thomas erzählt knapp und intensiv, vulgär, messerscharf und aufrüttelnd. Sie sorgt dafür, dass wir hinsehen, dass wir unser jüngeres Ich an die Hand nehmen und gemeinsam mit unserer Protagonistin Jella heilen wollen. Und dafür, dass wir beginnen, die Vorläufer und Anfänge von häuslicher und sexualisierter Gewalt ernst zu nehmen, dass wir aufhorchen und einschreiten und mitdenken, dass wir Täter klar benennen und uns mit anderen Frauen verschwestern. Lest dieses Buch und sprecht darüber.

Zusätzliche Infos:
Titel: Die schönste Version
Autorin: Ruth-Maria Thomas, 1993 geboren und in Cottbus aufgewachsen, war als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe tätig. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und ist Mitgründerin des erotischen Literaturmagazins Hot Topic!. 2022 war sie Finalistin des Open Mike. In ihren Texten, die u. a. im Rundfunk und in Literaturmagazinen erscheinen, beschäftigt sie sich immer wieder mit den Fallstricken weiblicher Sozialisation. Zuletzt erschien ihre Kurzgeschichte Glitzer in DAS GRAMM und wie ich frau bin bei SuKuLTuR. 
Sprache: Deutsch
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erscheinungstermin: 14.10.2025
ISBN: 978-3-499-01438-3

Rezension: 21 Tag zum Verlieben

Rezensionsexemplar aus dem Penguin Verlag (via Bloggerportal)

21 Tage zum Verlieben - Lia Louis

Beschreibung des Verlages:

Allie glaubt nicht an die große Liebe, sie analysiert sie lieber mit wissenschaftlicher Präzision. Als sie nach einem langen Forschungsprojekt erschöpft in ihre Heimat London zurückkehrt, stellt sie entsetzt fest, dass sie auf dem Flug ihr Handy mit ihrem Sitznachbarn vertauscht hat. Und dass dieser Unbekannte niemand Geringeres als Milo Ford war: der charmante Filmstar und wandelnde Inbegriff von Romantik. Kurzerhand beschließen die beiden, das digitale Leben des anderen zu übernehmen, bis sie zurücktauschen können – denn Milo ist in den rumänischen Bergen, ohne Kurierdienst, ohne eine Möglichkeit sich zu treffen für die nächsten 21 Tage. Doch während sie sich durch fremde Nachrichten, intime Einblicke und unerwartete Offenbarungen navigieren, wächst eine Verbindung, die keiner von beiden kommen sieht ...

Inhalt:
Die Forscherin Allie und der Schauspieler Milo vertauschen versehentlich ihre Handys auf einem Langstreckenflug. Allie gelingt es anschliessend, über einen anderen Kanal mit Milo Kontakt aufzunehmen und eine Übergabe der so wichtigen Geräte und Daten zu veranlassen. Doch durch den anfänglich nur oberflächlichen organisatorischen und später immer tiefgründigeren Austausch lernen sich die beiden immer näher kennen und beginnen sogar, starke Gefühle füreinander zu entwickeln. Dann aber geschieht etwas, das ihre Leben bis in die Grundfesten erschüttert.

Meine Meinung:
Auf der Suche nach einem kurzweiligen, ein wenig romantischen und vor allem unterhaltsamen Buch bin ich über diesen Roman gestolpert. Die Idee hat es mir angetan und zahlreiche Überraschungen und Wendungen sorgen dafür, dass doch nicht alles so kommt, wie es anfänglich scheint. Allerdings war mir das Ganze dann nach mehr als der Hälfte der Seiten voller Hin- und Her doch ein wenig zu künstlich in die Länge gezogen. Jedes einzelne Missverständnis und jedes Hindernis, das man sich für eine solche Liebesgeschichte vorstellen kann, kommt in diesem Buch vor. Trotzdem bin ich nur so durch die Seiten geflogen und besonders gut gefallen hat mir, dass Allies Arbeit als Biologin und Forscherin so viel Gewicht bekommt und dass dabei auf bedrohte Arten hingewiesen wird und dass die Wunder der Natur und die sagenhaften Landschaften der Arktis eine wundervolle Kulisse für diese Liebesgeschichte bilden.

Schreibstil und Aufbau:
Auf den ersten hundert Seiten erfahren wir aus Tagebuchauszügen und Chatverläufen, wie es zur verhängnisvollen Verwechslung der Telefone gekommen ist. Durch diese hundert Seiten bin ich innerhalb von kürzester Zeit geflogen und sie haben mich bestens unterhalten. Dann passiert etwas, das die Geschichte noch einmal ganz neu ins Rollen bringt und das ich so nicht erwartet hätte. Diese Idee hat mir sehr gut gefallen und lediglich die mit der Zeit immer anstrengenderen Szenen, in denen sich Allie und Milo gegenseitig die Schuld für die Geschehnisse in die Schuhe schieben, haben mich gestört.
Etwa im zweiten Drittel des Buches reisen wir mit unseren Figuren in die Arktis und dort sorgen die Nebenfiguren und die Kulisse für ein angenehmes Lesevergnügen.

Meine Empfehlung:
Zu viel Hin- und Her und zu viele Missverständnisse haben dafür gesorgt, dass sich die Geschichte ein wenig gezogen hat. Ansonsten hat mir der Roman aber schöne und unterhaltsame Lesestunden beschert und kann vor allem mit seinen Beschreibungen der Flora und Fauna der Arktis und seiner einzigartigen Grundidee überzeugen.

Zusätzliche Infos:
Titel:
21 Tage zum Verlieben
Originaltitel: The Phone Swap
Autorin: Lia Louis lebt mit ihrer großen Liebe und ihren drei kleinen Kindern in England. Bevor sie sich voll und ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie freiberuflich als Werbetexterin und Bloggerin. Nach ihrem sensationellen Debüt »Jedes Jahr im Juni«, das sich in vierzehn Länder verkauft hat und wochenlang in den Top Ten der SPIEGEL-Bestsellerliste stand, begeisterte sie ihre Leser*innen mit »Acht perfekte Stunden« und »Unser Lied für immer«. Zuletzt erschien »Tausend ungesagte Worte«. Ihre Fans warten bereits sehnsüchtig auf ihren neuesten Roman.
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen von: Jara Dressler-Rohilla
Paperback, Klappenbroschur: 432 Seiten
Verlag: Penguin
Erschienen: 11.02.2026
ISBN: 978-3-328-11327-0

Rezension: Zusammenkunft

Zusammenkunft - Natasha Brown

TW:
Rassismus, Krebs, Sexismus, sexuelle Belästigung

Beschreibung des Verlages:
Nach oben kommen. Das war immer der Plan. Seit Jahrhunderten. Dafür hat sie, dafür haben alle vor ihr gekämpft. Und als Schwarze Frau stand ihr letztlich nur ein Weg offen: Völlige Verausgabung, Oxbridge, Londoner Hochfinanz, ein Freund mit Geld so alt und dreckig wie das Empire. Doch als sie endlich eingeladen wird, Mitglied einer Familie, Angehörige einer Klasse, Teil eines Landes zu werden, muss sie am eigenen Körper erfahren, dass die erlittenen Ungerechtigkeiten tiefere Wurzeln geschlagen haben. Wie kann sie sich retten? Wie mit dem Erbe der Geschichte leben?

Inhalt:
Fragmentarisch setzen sich in diesem dünnen Buch Szenen aus dem Leben der namenlosen Schwarzen Ich-Erzählerin zu einem nachhallende Einblick in ihren Alltag zusammen. In Grossbritannien erlebt sie alltäglichen Rassismus und Sexismus, muss einen enormen Mehraufwand leisten, um ernst genommen zu werden und voranzukommen, muss einstecken, sich zusammenreissen und wird dabei immer wieder mit eigenen (körperlichen) Grenzen konfrontiert.

Meine Meinung:

Das Buch ist mir schon oft begegnet und empfohlen worden, entsprechend wollte ich mir selber ein Bild machen. Und obwohl es nur wenige Seiten hat, liest es sich nicht so schnell, wie erwartet. Die Themen sind intensiv, lassen Raum zum Nachdenken und Leerstellen, die man selber füllen kann, aber nicht muss. Die einzelnen Textfragmente, Listen und Gedanken springen zwischen verschiedenen Szenen hin und her. Mal befinden wir uns in einem Büro im beruflichen Kontext, mal im hart erarbeiteten Townhouse der Protagonistin, mal auf einer Gartenparty und mal im Krankenhaus.
Natasha Brown benennt Missstände, das immer noch kolonialistische Gedankengut und das kaum überwindbare Klassensystem, in dem ihre unbenannt bleibende Protagonistin agiert und ohne Namen steht sie um so mehr für so viele Frauen, welche ähnliche Abwertungen, Hürden und Übergriffe erfahren.

Meine Empfehlung:
Das Buch ist eine sprichwörtliche Zusammenkunft von schlechten Erfahrungen aber auch von Mut und Kraft, welche sich diesen entgegenstellen. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Geschichte zu lesen, sich den teilweise äusserst unangenehmen Szenen zu stellen und sich und das eigene (rassistische) Handeln zu hinterfragen.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Zusammenkunft
Autorin: Natasha Brown arbeitete nach ihrem Mathematikstudium an der Universität Cambridge zehn Jahrelang im Londoner Finanzsektor. Mit ihrem Roman Zusammenkunft gelang ihr eines der erfolgreichsten literarischen Debüts Englands der letzten Jahre. Er stand auf der Shortlist des Folio Prize, des Goldsmiths Prize und des Orwell Prize und wurde in 17 Sprachen übersetzt. Natasha Brown gehört zu den alle zehn Jahre ernannten Grantaʼs Best of Young British Novelists.
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen von: Jackie Thomae
Hardcover mit Schutzumschlag: 113 Seiten
Verlag: Suhrkamp
Erscheinungstermin: 17.05.2023
ISBN: 
978-3-518-47322-1

Lese-Statistik Februar 2026

Hallo ihr Lieben

Der Februar hat ein wenig Frühling und ein wenig Winter, viele Sonnenstunden, Lesestunden auf Balkonien und die ersten Gartenarbeiten mit sich gebracht und so angesichts der täglich immer schlimmen Nachrichten für ein wenig Zerstreuung gesorgt.
Leider war ich wieder nicht ganz fit (ich denke, die Magen-Darm-Erkrankung im Januar hat mein Immunsystem nachhaltig ein wenig lahmgelegt) und ich hatte am Monatsanfang zwar nur eine leichte Erkältung und schon genug Kraft für meine Arbeit und meinen Alltag, hatte aber nicht wirklich die Energie und den Kopf, um zu lesen oder mich auf meinem Blog zu betätigen. Das konnte ich in der fast ganz schulfreien zweiten Februarwoche dann endlich nachholen und wieder ausgiebig schmökern und auf euren Blogs stöbern. Und auch wenn wieder sehr viel Schreibtischarbeit anstand (Stichworte Steuern und Konzertplanung), so liebe ich es immer sehr, in der unterrichtsfreien Zeit ganz in meinem Tempo zu arbeiten und meinen Tagesablauf zu gestalten. Zwei Konzerte, viele hoffnungsvoll grüne Bücher und noch mehr Schneeglöckchensichtungen haben den Monat komplett gemacht und nun hoffe ich, dass ich genug Energie und Motivation für den sehr arbeitsintensiven März gesammelt habe, freue mich aber auch auf diesen mit tollen Projekten gefüllten Monat, der heute bereits mit einem Konzert gestartet hat.

Gelesen im Februar

Erster Band einer Familienchronik (Trilogie), anfänglich packend, dann eher zäh, trotzdem lesenswert


Berührende, zart melancholische und gleichzeitig hoffnungsvolle lose Fortsetzung zu "Prima Aussicht"


Zwei Freunde, die einander durch dick und dünn begleiten, Freundschaft, Familie und ein Gewinnspiel


Ein kleiner Schatz in Buchform, das perfekte Geschenk und ganz viel Liebe für ein kleines Lebewesen


Mein bisher liebster Teil der Reihe, sehr viel Humor, Kulinarik, grandiose Protagonistin und Hamburgliebe

Kinderbuchklassiker und einfach immer absolut lesenswert!


Packend und eindringlich erzählte Geschichte, keine leichte Kost, heftig, tragisch, verstörend, grandios




Alle Seitenzahlen und Rezensionslinks:

Die Glücksformel - Stefan Klein   (quergelesen/einzelne Kapitel gelesen, 120 Seiten ganz gelesen)
Der Geschmack von Apfelkernen - Katharina Hagen   (abgebrochen nach 22 Seiten)
Für immer, oder was? - Ellen Berg   (abgebrochen nach 29 Seiten)
Das Land der Anderen - Leïla Slimani   (384 Seiten)
Leonard und Paul - Rónán Hession   (320 Seiten)
aufrappeln - Judith Poznan   (160 Seiten)
Das Geräusch einer Schnecke beim Essen - Elisabeth Tova Bailey   (176 Seiten)
Glück ist, wenn man trotzdem liebt - Petra Hülsmann   (416 Seiten)
Ronja Räubertochter - Astrid Lindgren   (ReRead, 240 Seiten)
Deine kalten Hände - Han Kang   (312 Seiten)
Revolution der Verbundenheit - Franziska Schutzbach   (320 Seiten)

Neuzugänge: 

Die Stadt der verschwundenen Kinder - Caragh O'Brien   (Bücherschrankfund)
21 Tage zum Verlieben - Lia Louis   (Rezensionsexemplar)
Sternflüstern, die Geschichte eines Neuanfangs - Paula Carlin   (Geschenk von Andrea)

Abgebrochen:

Die Glücksformel - Stefan Klein: Das Buch habe ich grosszügig quergelesen, weil mich nicht alle Kapitel interessiert haben. Mindestens 120 Seiten habe ich aber ganz gelesen, weshalb ich einfach nur 120 Seiten zu meinen gelesenen Seiten zählen werde.
Der Geschmack von Apfelkernen - Katharina Hagen   (abgebrochen nach 22 Seiten, Stil passte nicht)
Für immer, oder was? - Ellen Berg   (abgebrochen nach 29 Seiten, Klischees und anstrengende Protagonistin)

Alle Zahlen in der Übersicht:

Gelesene Bücher: 8
Abgebrochene Bücher: 3
Ungelesen aussortierte Bücher: -
Gelesene Seiten: 2'499 Seiten
Durchschnittliche Seitenzahl pro Tag: 89.25 Seiten
Bücher von Autorinnen: 7
Bücher von Autoren: 1
Autor*innenduos (oder Gruppen): 
Geschenkt bekommene Bücher: 1
Ausgeliehen: -
Buchgewinn: -
Buchprämien: -
Rezensionsexemplare: 1
Neu gekaufte Bücher: 
Gebraucht gekaufte Bücher: 
Eingesammelte Bücher: 1
Bibliotheksbücher: -
Gesamte Neuzugänge: 3
SuB am Monatsbeginn: 44
Aktueller SuB: 38
Differenz: - 6

Rezension: Revolution der Verbundenheit

Revolution der Verbundenheit, wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert - Franziska Schutzbach

(Extrem ausführliche) Beschreibung des Verlages:
Inmitten einer scheinbar tief zerrütteten und krisengeschüttelten Gesellschaft fragt Franziska Schutzbach nach Perspektiven der Verbundenheit.
«Wir müssen noch miteinander eine große Freiheit erringen.»
Das schrieb Bettina von Arnim an ihre Freundin Karoline von Günderode. Seither sind viele Jahre vergangen, die Emanzipation der Frauen ist vorangeschritten – vor allem dann, wenn sich Frauen aufeinander bezogen. Dieses Buch macht sich auf die  Suche nach starken und nährenden Frauenbeziehungen , nach Liebe und Freundschaft unter Frauen, nach politischer Schwesternschaft und Solidarität, nach emanzipatorischen Mutter-Tochter-Beziehungen und weiblichen Familiengenealogien.
Die Soziologin und Sachbuchautorin Franziska Schutzbach zeigt anhand zahlreicher fesselnder Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart, wie Frauen trotz Spaltung und Differenz durch ihre Beziehungen Revolutionen ermöglicht haben. Wie sie patriarchale Strukturen in Alltag und Politik lockerten, weil sie sich verbündeten und befreundeten. Sie beschreibt, was möglich ist, wenn Frauen sich an anderen Frauen orientieren.
Wider die Spaltung der Frauen
Sie zeigt aber auch, wie schwer das ist. Denn  die Spaltung der Frauen ist eine der Grundlagen patriarchaler Macht . Frauen sollen sich an Männern orientieren, nicht aneinander. Sie sollen sich an sexistischen Maßstäben und an der männlichen Gunst ausrichten. Sie sollen mit unterdrückerischen Systemen kooperieren, anstatt sich gemeinsam dagegen aufzulehnen.
Einigkeit und Harmonie sind keine Selbstverständlichkeit unter Frauen, es gibt Risse und Differenzen, wir finden Zerwürfnisse, Entsolidarisierung und Machtausübung. Und einen großen Mangel an Zeit. Auch diesen Herausforderungen geht das Buch auf den Grund.
»Frauen können hier und heute damit beginnen, ihre Orientierung an der Männerwelt zu lösen und überkommenen Mustern wie Hierarchie und Konkurrenz ihre Sehnsucht nach Kooperation und Freundschaft entgegensetzen.« Franziska Schutzbach
Anhand von Essays und Briefen lässt Franziska Schutzbach in diesem Buch eine Revolution der Verbundenheit als eine konkrete und persönliche Praxis spürbar werden.
Ein leidenschaftliches Plädoyer für stärkende, ermutigende weibliche Beziehungen.

Inhalt:
Auf eine ausführliche Einleitung folgen die fünf Kapitel "Freundschaft", "Frauenbeziehungen in Familien", "Revolution der Liebe", "Sisterhood" und "Weibliche Verweigerung: Separatismus, Autonomie und Ausstieg", welche Schutzbach mit einem Brief an eine Frau in ihrem Leben eröffnet und dann mit vielen Gedanken, Zitaten, Theorien aus verschiedenen Jahrhunderten und eigenen Zusammenfassungen ergänzt.

Meine Meinung:
Auf dieses Buch habe ich mich schon riesig gefreut und die Briefe, welche die einzelnen Abschnitte einleiten, haben mich sehr berührt und gut unterhalten. Gestört hat mich allerdings, dass Schutzbach zu vielen Wiederholungen neigt. Nicht nur werden in mehreren Kapiteln immer wieder die gleichen Gedanken repetiert, auch formuliert sie manchmal seitenweise einen einzigen Gedanken immer wieder neu oder manchmal leider sogar mit nahezu identischen Worten. Die fünf doch eher ausführlichen Abschnitte hätten in meinen Augen fünf sehr viel kürzere und dadurch auch kurzweiligere Essays sein können.
Ausserdem verstehe ich zwar, dass Schutzbach immer wieder in die Vergangenheit reist. Sie begründet dies folgendermassen: "Für mich ist der Blick in die Vergangenheit wichtig, weil sich damit ausgelöschte Erzählungen rekonstruieren lassen (...). Es ermutigt mich, wenn ich weiss, (...) dass die patriarchale Macht eben nie total war, dass es immer auch Eigensinn und Widerstand gab." Dazu muss ich aber sagen, dass ich sehr viel lieber zeitgenössischere Beispiele oder auch noch mehr Anregungen und praktische Alltagsübungen für weiblichen Zusammenhalt, als beispielsweise wiederholte Schilderungen über die unterwürfige, dienende, mütterliche Rolle Marias in der Bibel gelesen hätte...
Trotzdem haben mich sehr viele Gedanken im Buch berührt, wütend gemacht, inspiriert und zum Weiterdenken angeregt. Wahrscheinlich habe ich einfach schon so viel zum Thema gelesen, dass für mich vieles nicht mehr komplett neu war. Das sehr ausführliche Quellenverzeichnis im Anhang beinhaltet allerdings sehr viele weiterführende Literaturtipps und macht neugierig auf mehr. 

Meine Empfehlung:
Ein wenig Kritik zum Trotz empfehle ich das Buch sehr gerne weiter und denke, dass es vor allem für Menschen, welche sich zum ersten Mal mit weiblicher Solidarität auseinandersetzen und entsprechend auch noch viele Ausführungen zum Thema benötigen, ein idealer Einstieg ins Thema ist.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Revolution der Verbundenheit, wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert
Autorin: Franziska Schutzbach, geboren 1978, ist promovierte Geschlechterforscherin und Soziologin, Publizistin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Im Jahr 2017 initiierte sie den #SchweizerAufschrei, seither ist sie eine bekannte und gefragte feministische Stimme auch über die Schweiz hinaus. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterthemen wie Misogynie und Sexismus, darüber hinaus befasst sie sich mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten. Franziska Schutzbach lebt in Basel.
Sprache: Deutsch
Hardcover: 320 Seiten
Verlag: Droemer HC
Erscheinungstermin: 01.10.2024
ISBN: 978-3-426-27904-5