Rezension: Skandalös. Das Leben freier Frauen

Dieses Rezensionsexemplar aus dem btb-Verlag hat mich via Bloggerportal erreicht. Vielen herzlichen Dank.

Beschreibung des Verlages:
Diese Frauen waren ihrer Zeit voraus: Sie eckten an und haben im 20. Jahrhundert für den ein oder anderen Skandal gesorgt. Die Welt hatte ihnen nichts zu bieten, doch sie haben sich alles genommen. Sie kämpften mit ihren Mitteln für ihren Freiraum. Mit Übermaß. Mit Fantasie. Mit Fröhlichkeit. Mit Verzweiflung. Und der Nachhall ihrer Eskapaden ist bis heute nicht verklungen.
Porträts von: Tallulah Bankhead, Louise Bourgeois, Pearl S. Buck, Lydia Cabrera, Claude Cahun, Marguerite Duras, Elsa von Freytag-Loringhoven, Tove Jansson, Toto Koopman, Else Lasker-Schüler, Clarice Lispector, Mina Loy, Grace Metalious, Nahui Olin, Jean Rhys, Niki de Saint Phalle, Albertine Sarrazin, Annemarie Schwarzenbach, Nina Simone, Violet Trefusis.

Meine Meinung:
Beim Lesen dieses Buches musste ich immer mal wieder innehalten, ein wenig recherchieren, nachdenken, mich erinnern... Denn leider waren mir längst nicht alle dieser zwanzig Frauen ein Begriff und von einigen kannte ich lediglich ein paar Bilder, Texte oder Fotografien. Cristina De Stefano ist es gelungen, zwanzig Portraits von zwanzig so unterschiedlichen Persönlichkeiten zu schaffen, dass ich nach jedem Kapitel sofort mehr sehen, lesen und hören wollte von diesen unglaublichen Frauen, die im 20. Jahrhundert für Furore gesorgt und zwischen zwei Weltkriegen, während Bürgerkriegen, in Kolonien und/oder an der Spitze der Frauenrechtsbewegung gelebt, geliebt, Kunst, Literatur und Musik geschaffen, für ihre Rechte gekämpft, sich aus unglücklichen Beziehungen geflüchtet und ihre Kinder aufgezogen und somit ganze Generationen geprägt haben. Einfühlsam und mit einem Händchen für spannende und wissenswerte Details, sowie einer grossen Bewunderung für die Werke, Gedanken und Fortschritte, welche diese Frauen uns allen hinterlassen haben, hat De Stefano mit einem feinen Sinn für die wirklich bewegenden kleinen und grossen Begebenheiten aus zwanzig verschiedenen Leben, diese Sammlung gestaltet.

Was dieses Buch uns zeigen will:
Viele dieser zwanzig Frauen haben ein Leben zwischen Extremen gelebt, mit ihrer äusserst ruhigen oder auch explosiven Art angeeckt und mit ihrem fortschrittlichen Denken und ihrer Sexualität damalige Grenzen gesprengt. Obwohl sie frei waren oder immer wieder frei sein wollten, sind sie nicht immer glücklich gestorben, aber sie haben ihre ganze Wut und ihren Schmerz, aber auch ihre Leidenschaft und Kraft dazu eingesetzt, für ihre Überzeugungen einzustehen.
Über die meisten von ihnen hätte ich gerne noch viel mehr gelesen (oder habe dies mit weiterführenden Recherchen unmittelbar nach dem jeweiligen Kapitel getan), aber die Abschnitte bleiben bewusst kurz. Die wichtigsten Lebensdaten, Werke, ein paar Anekdoten und auch viele sehr tragische Ereignisse werden behutsam zu einem kleinen Portrait verarbeitet, das berührt und aufmerksam machen will auf Menschen, auf Frauen, die für sich und ihr Geschlecht, ihre persönliche, künstlerische und sexuelle Freiheit gekämpft und uns allen nicht nur grossartige Kunst, Literatur und Musik hinterlassen haben, sondern auch eine Geschichte, die von Mut erzählt. Von Kraft, von Liebe, von Schmerz. Davon, sich nicht unterkriegen zu lassen, sich zusammenzutun, sich Hilfe zu holen, sich immer wieder aufzurichten und sich seiner eigenen Stärken, Ziele und Träume bewusst zu sein. Jede dieser Frauen ist ein Vorbild, eine Vorkämpferin. Jede von ihnen hat es verdient, vermehrt ins Bewusstsein von uns allen zu treten.

Meine Empfehlung:
Ich bin so dankbar, dass ich dieses Buch bei Jamie entdecken durfte. Es ist ein kleiner Schatz, der auf so wenigen Seiten, aber mit direkt ins Herz treffenden Worten zwanzig unglaubliche, aber wahre und äusserst mitreissende Geschichten erzählt. Ein kleiner Schatz, der definitiv in jedes Bücherregal gehört.

Zusätzliche Infos:
Titel: Skandalös. Das Leben freier Frauen
Originaltitel: Scandalose vite di donne libere
Autorin: Cristina De Stefano ist Journalistin und Autorin. Sie lebt in Paris und arbeitet als Literaturscout für große Verlage auf der ganzen Welt. Für ihre Biographie über die 2006 verstorbene italienische Journalistin Oriana Fallaci erhielt sie große Anerkennung.
Sprache: Deutsch
Aus dem Italienischen von: Franziska Kristen
Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: btb
Erschienen am: 13. Januar 2020
ISBN: 978-3-442-71804-7

Rezension: Dad

 
Dieses Rezensionsexemplar wurde mir vom Rowohlt-Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen herzlichen Dank.

Dad - Nora Gantenbrink

Beschreibung des Verlages:
«Dad» ist ein Roman über einen Hippie-Vater, aber auch eine Reise in das Deutschland der 60er, 70er, 80er, 90er und Nullerjahre, in die Maghreb-Staaten und in viele Winkel Asiens. Die Ehe der Eltern, den Vater, die Wurstwarendynastie, aus der er stammte – das alles gibt es nicht mehr. Geblieben sind Geschichten von Drogentrips. Oder wie «Dad» als Student angeschossen wurde. Von großen Abenteuern. Und dem einen, das kein happy end hat, der HIV-Infektion, die er von einer seiner Reisen mitgebracht hat. «Mein Vater ist seit zehn Jahren tot, als ich ein blassblaues Notizbuch nehme und DAD vorne drauf schreibe. Das ist der Anfang.» Dies ist eine Geschichte über Freundschaft, Liebe, Sucht und Sehnsucht und über eine junge Frau, die versucht zu verzeihen.

Inhalt:
Eine junge Frau begibt sich auf die Suche nach den Spuren, die ihr Vater auf der ganzen Welt hinterlassen hat, nach seinem Andenken, seiner Liebe zu ihr und seinem Verhängnis. Ihre letzten Erinnerungen an ihn und seine Erzählungen niederschreibend und dabei nicht wissend, was davon seine Fantasie, was Wirklichkeit, was Übertreibung und was durch Drogen verzerrte Erlebnisberichte waren, beschliesst sie, ihm nachzureisen. Aus der Studie des ländlichen Deutschlands der letzten fünfzig Jahre wird eine sehr persönliche Reise in die eigene Vergangenheit und Gegenwart und der Versuch einer Schraffierung der Lebensumstände dieser mysteriösen Vaterfigur, die neben Verlustgefühlen und Ängsten auch warme, fröhliche Erinnerungen hervorruft.

Meine Meinung:
Nora Gantenbrink ist mit diesem Buch eine ganz besondere Meisterleistung gelungen, weil sie es stets schafft, mit ihrer nüchternen Sprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt, zu berühren. Wenn sie etwas von ihrem Vater geerbt hat - so scheint es - dann der Hang zum Erzählen und Beschreiben.
Sie bastelt ihrer fiktiven Protagonistin Marlene ein ganz eigenes Leben, das diese neben dem Transenstrich auf dem Hamburger Kiez wohnen und leben lässt und das eine Vielzahl schillernder Figuren beinhalten, die mit ihrer Rolle in Marlenes Geschichte so viel zur Eingängigkeit und Warmherzigkeit dieses Buches beitragen. Marlenes Leben entwickelt sich dem der Autorin ähnlich. Auch Marlene verliert ihren Vater und hinterfragt, beschreibt, trauert und sucht und als sie dann von der Reise nach Asien berichtet, bekommt ihre Erzählung nach den Beschreibungen der Enge und Verlorenheit in Deutschland so viel Weite, Sanftheit und Sehnsucht, dass es körperlich schmerzt. So unterhaltsam und packend "Dad" ist, so bewegend und tragisch ist dieses Buch auch. Es sind die kleinen Dinge, die hängenbleiben und die sich so gnadenlos einbrennen. Die letzte gemeinsame Currywurst oder die Zigarette, die der Vater durch ein Loch in seiner Wange rauchen konnte. Oder Oleg. 
Wie auf einer grossen Lebensleinwand werden geschickt die autobiografischen Elemente aus Gantenbrinks Leben, ihre Erinnerungen und die behutsame literarische Annäherung an ihren Vater als Mensch, aber auch an die stete Abwesenheit und dann wieder das plötzliche Auftauchen dieser Vaterfigur mit Marlenes Geschichte verknüpft und versponnen, bis die Grenzen verschwimmen und ein bunter Strudel an atemloser Erzählung entsteht, die Seite um Seite umblättern und mitfiebern, mitbrennen und mitleiden lässt.

Meine Empfehlung:
"Dad" ist packend, berührend, unendlich tragisch und gleichzeitig urkomisch. Es ist sanftes, zärtliches Buch, es hadert, hinterfragt und klagt an. Und auch wenn es darin vor allem um eine junge Frau geht, die ihren Vater sucht, die versucht, ihm vielleicht sogar zu verzeihen, so geht es doch um so viel mehr, nämlich um die ganz grossen menschlichen Gefühle wie Freundschaft, Liebe und Verlust. Und "Dad" ist zudem einfach grandios gut erzählt.

Zusätzliche Infos:
Titel: Dad
Autorin: Nora Gantenbrink, geboren 1986, studierte in Münster und besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Anschließend arbeitete sie als Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE. Danach schrieb sie Artikel für Stern, ZEIT, SPIEGEL und ein Wurstmagazin. Seit 2013 ist sie Reporterin beim Stern.
Sprache: Deutsch
Fester Einband mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 240 Seiten
Verlag: Rowohlt
Erscheinungstermin: 18.02.2020
ISBN: 978-3-498-02535-9

Rezension: Wie ein fernes Lied

Wie ein fernes Lied - Micaela Jary

Beschreibung des Verlages:
Hamburg,1939: Verzweifelt sieht Marga dem Zug hinterher, mit dem ihr Jugendfreund Michael in die Ferne reist. Seit sie denken kann, ist sie in den jüdischen Klarinettisten verliebt, zahllose Stunden verbrachte sie mit ihm in den Tanzlokalen der Hamburger Swingjugend. Obwohl seine Herkunft ihn zur Emigration nach Paris zwingt, ist Marga fest entschlossen, ihn wiederzusehen. Denn ihre Liebe ist wie ein Lied, das niemals verklingt. Doch in dessen süße Melodie mischen sich schon bald die kalten Klänge des Krieges ...

Inhalt: 
Marga singt und tanzt den Swing, während Michael die Klarinette spielt. Nur ist Marga eine deutsche junge Frau und Michael ist Jude und muss aus Hamburg flüchten, bevor die Nazis ihn zu fassen bekommen. Marga schafft es, in einem Tanzorchester als Sängerin aufgenommen zu werden und begibt sich auf eine Tournee, die sie ihrem geliebten Michael näherbringen soll. Wie gefährlich diese Reise ist und dass sie mit ihrer naiven, liebesblinden Art nicht nur sich selber, sondern auch ihr Umfeld grossen Risiken aussetzt, ist ihr jedoch nicht bewusst. Zum Glück ist da aber noch Harald, der Leiter des Tanzorchesters, der sich stets als grosser Beschützer aufspielt. Als er sich Marga eines Tages nähert, ist sie sich ihrer Gefühle und ihrer Überzeugung, für das Gute einzustehen, plötzlich nicht mehr sicher.

Meine Meinung:
Erst nach etwa fünfzig Seiten habe ich den Einstieg in dieses Buch gefunden. Die Autorin hat alles darangesetzt, so viele musikalische Bezüge, wie nur irgendwie möglich zu schaffen, was mich dann eher ein wenig gelangweilt hat und mir auch ein wenig zu aufgesetzt wirkte. Vielleicht geht es nicht-Musiker*innen anders, aber mir waren diese Bezüge, das fortwährende Nennen von Namen, Songtiteln und Komponisten ein wenig zu gewollt. Ausserdem schien der Anfang mit der Erwähnung sehr vieler Personen und ihrer Relationen zueinander und den vielen Dingen, die gleichzeitig passieren ein wenig holprig.
Nachdem ich mich mit dem ansonsten sehr flüssigen Schreibstil abgefunden hatte und die Autorin auch in der Geschichte angekommen schien - fortan verlief die Handlung nämlich stetig in einem angenehmen Tempo und ohne grösseres Chaos - riss mich der Sog dieser Geschichte mit.
Leider konnte der packende, berührende und leicht zu lesende Schreibstil aber nicht darüber hinwegtrösten, dass die Protagonistin ein wenig gar dümmlich und naiv dargestellt worden ist. Beispielsweise erkennt sie den Mann ihrer Träume aus der Ferne, er ist es dann aber bei näherer Betrachtung nicht, sie scheint sich einem Wunschtraum hingegeben zu haben und dann ist er es doch, weil sie irgendwie zu doof und verwirrt war, ihn zu erkennen. Und stets muss sie von Männern begleitet und beschützt werden, da sie sonst in irgendwelche gefährlichen Verstrickungen gerät, weil sie nicht realisiert, in welch angespannter und überwachter Zeit sie sich befindet. Bitte? Kann man so eine Geschichte - die eigentlich ein historischer Roman über eine starke Frauenfigur, das Musikerdasein als jüdischer Musiker zur Zeit der Judenverfolgung und eine grosse Liebe sein sollte, in der heutigen Zeit noch erzählen?

Handlungsentwicklung:
Die Idee, diese Geschichte in zwei Zeitebenen zu erzählen, hat es meiner Meinung nach in sich, an der Umsetzung happert es aber vor allem deshalb, weil einige sehr konstruiert aufgebaute Zusammenhänge, die erst später hätten gelüftet werden sollten, leider sehr vorhersehbar sind. Wenn es dann endlich zur Auflösung dieser Zusammenhänge kommt, fehlt dann natürlich der Aha-Moment, weil ja so oder so schon klar war, wie alles zusammenpassen muss. Somit hätte man sich diese Umwege auch sparen und die Geschichte wesentlich schlanker und vor allem ein wenig stringenter aufbauen können. Dass sich Micela Jary am Leben ihres Vaters und einer Musikergeneration, die stets zwischen Zensur, Spitzeln und persönlicher Leidenschaft leben musste, orientiert hat, hat mich aber beeindruckt. Genau so, wie die detaillierten und genauen Recherchen.

Fazit:
Leider konnte mich das Buch bis zum Ende nicht wirklich berühren und weil sich sowohl die Liebesgeschichte in der Vergangenheit als auch die Liebesgeschichte in der Gegenwart erstens ähnlich entwickelten und zweitens fast identisch konstruiert waren und weil mich zudem die so dümmlich dargestellte Marga irgendwann gar nicht mehr erreichen konnte, wird das Buch in den offenen Bücherschrank wandern, auch wenn ich die Handlungsidee und die grandiose Recherchenarbeit noch einmal hervorheben möchte.

Zusätzliche Infos:
Titel: Wie ein fernes Lied
Autorin: Micaela Jary wurde als Tochter des Filmkomponisten Michael Jary in Hamburg geboren. Sie wuchs in der Welt des Kinos und der Musik auf und arbeitete als Zeitungsredakteurin, ehe sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Seit vielen Jahren schreibt sie nun erfolgreich Bücher. Sie lebte lange in Paris und wohnt heute mit Mann und Hund in Berlin und München.
Sprache: Deutsch
Taschenbuch: 544 Seiten
Verlag: Piper 
Erschienen am: 10.08.2015 
EAN: 978-3-492-30613-3

Kurzrezension: Die Wand

 
Die Wand - Marlen Haushofer

Inhalt:
Eine Frau verbringt ein wenig Zeit mit ihrer Cousine und deren Mann in den Bergen. Im einsam gelegenen Jagdhaus möchte sie zur Ruhe finden. Als ihre Cousine und deren Mann nach einem Ausflug ins Dorf nicht mehr zurückkehren, ahnt die namenlose Protagonistin noch nicht, was sie bald erwarten wird. Als sie am nächsten Morgen aber auf eine durchsichtige und unüberwindbare Wand stösst, die ihre eigene kleine Welt von der Aussenwelt trennt, erfasst sie Unruhe. Nach einiger Zeit bemerkt sie, dass auf der anderen Seite der Wand eine seltsame Totenstarre um sich gegriffen hat und muss fortan mit einigen ihr zugelaufenen Tieren ums Überleben kämpfen und sich auf eine lange, einsame Zeit einrichten.

Meine Meinung:
Sich vorzustellen, dass man von einer Minute auf die andere hinter einer Glaswand eingeschlossen ist - ohne alle Menschen, die man liebt, ohne alle Annehmlichkeiten der Zivilisation (mit Ausnahme dieser Dinge, die ohne Strom funktionieren oder eine noch funktionierende Batterie haben), komplett alleine und dennoch im Ungewissen, wie gross der begrenzte Lebensraum ab sofort ist und ob man diesen Lebensraum nicht doch noch vielleicht mit jemandem teilt - ist definitiv eine nicht nur beängstigende, sondern gänzlich verstörende Sache. Genau so geht es aber der Protagonistin in Marlen Haushofers Buch. Alleine mit ein paar Vorräten, ein wenig warmer Kleidung, ein paar Kerzen und einigen Bauernkalendern, sowie allem, was sich im Verlauf der Zeit in den umliegenden Wäldern und Feldern tummelt oder in anderen Hütten liegengelassen worden ist, bleibt sie hinter einer Wand zurück, während alle Menschen um sie herum tot erstarren. Es geht aber nicht um Verluste, sondern um eine Frau, die sich ganz alleine mit ihren Kräften gegen die Natur stemmt, die sich zu ernähren und beschützen weiss, die sich mit einem zugelaufenen Hund, einer Katze und einer Kuh ein kleines Zuhause einrichtet, das aber nie wirklich gemütlich wird, sondern stets eine gewisse Kälte und Einsamkeit ausstrahlt. Die namenlose Protagonistin ist stark, einsam und steht täglich vor neuen Herausforderung, sie heilt ihre Wunden und Krankheiten, erholt sich von ihrer Erschöpfung und lernt alles, was sie über die Fruchtbarkeit einer Kuh wissen muss. Im Buch werden verschiedene Themen, wie die Kritik an der Zivilisation, die sehr schnell sinn- und nutzlos wird, oder auch das Matriarchat, in dem die Protagonistin fortan lebt, eingeflochten. Sicher ist auch die Einsamkeit, ja sogar Isolation ein Thema, der sich einige Menschen freiwillig stellen, die aber andere Menschen ereilt, weil im Verlauf des Lebens die Distanz zu den Mitmenschen immer grösser wird. Wie auch immer man dieses Buch lesen oder sich in einzelnen Aspekten erkennen mag, eine Beklemmung und auch eine Dankbarkeit, dass man einerseits in solchem Luxus schwelgen darf und andererseits auch unter widrigsten Umständen überleben könnte, wenn man denn müsste, klingen noch lange nach.

Meine Empfehlung:
Es hat lange gedauert, dieses Buch zu lesen und vor allem zu verdauen. Ich frage mich nun aber ernsthaft, warum wir es nicht im Gymnasium gelesen haben, es wäre eine spannende Lektüre mit so vielen Diskussionspunkten gewesen. Ich bin froh, mich nun endlich Marlen Haushofers Buch gestellt zu haben, es hat sehr vieles in mir bewegt und ich empfehle es euch allen sehr gerne weiter. Lest es vielleicht in einer Leserunde, diskutiert miteinander und hintersinnt euch und stellt euch diesem beklemmenden Gedankenexperiment. Es lohnt sich definitiv.

Zustätzliche Infos:
Titel: Die Wand
Autorin: Marlen Haushofer
Sprache: Deutsch
Taschenbuch: 283 Seiten
Erschienen (diese Ausgabe): 1986
ISBN-13: 9783548301693

Rezension: Untenrum frei

 
Untenrum frei - Margarete Stokowski

Beschreibung des Verlages:
In «Untenrum frei» erzählt die Autorin und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski, wie es ist, als Mädchen in Deutschland aufzuwachsen. Sie schreibt von unzulänglichem Aufklärungsunterricht, von Gewalterlebnissen, von Sex und von Liebe und zeigt: Noch immer besteht mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit eine kollektive Schieflage. Für Veränderung im Großen, so Stokowskis These, bedarf es den Blick auf die Details. Ein persönliches, provokantes und befreiendes Buch.
«Untenrum frei» ist weder Autobiografie noch feministisches Manifest. Sieben Kapitel, in sich geschlossene Essays, die zusammen eine Geschichte ergeben: Kindheitsmuster, Schönheit, Arbeit am Körper, Sex (guter und nicht so guter), sexualisierte Gewalt, Feminismus und Anarchismus, Sprache, Sex und Liebe. «Margarete Stokowskis Texte sind bitterböse und lustig, persönlich und polemisch» (Süddeutsche Zeitung)

Inhalt:
In sieben Kapiteln, die mit sehr persönlichen Erfahrungen gespickt sind, erzählt Margarete Stokowski von ihren eigenen Erlebnissen als Tochter, Schwester, Partnerin, Freundin, Angestellte, Mitarbeiterin und Selbstständige. Sie schreibt über Liebe, Sex, darüber, was im Aufklärungsunterricht in der Schule schief läuft und über den Gender Pay Gap. Sie fordert einen Feminismus, der allen Menschen unabhängig ihres biologischen Geschlechts, ihrer Hautfarbe und Religion die gleichen Möglichkeiten zugesteht und räumt ausserdem mit Halbwahrheiten auf, indem sie die Bedeutung einiger Begriffe verständlich erklärt, diverse Philosoph*innen und Wissenschaftler*innen zitiert und nicht nur einen äusserst aufschlussreichen und detaillierten Quellennachweis mitliefert, sondern auch gleich noch eine Auflistung weiterführender Literatur.

Meine Meinung:
Ich bin nicht die einzige (und schon gar nicht die erste) Person, die dieses Buch am liebsten bereits im Teenageralter gelesen hätte. "Untenrum frei" plädiert für Selbstliebe und das genaue Benennen von Vorgängen im und am Körper, von Körperteilen, eigenen Wünschen und Vorlieben. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem die Kapitel, in denen über die (sexuelle) Selbstbestimmung, über auf Augenhöhe geführte Beziehungen und faire Entlöhnung geschrieben wird, junge Menschen ansprechen. Zudem wird mit einigen Vorurteilen und Verallgemeinerungen aufgeräumt, es werden Anfeindungen erwähnt, die wir wohl alle aus unserem Alltag kennen und gleich noch angeführt, wie man damit umgehen kann, damit man erstens nicht selber daran zugrunde geht und zweitens auch noch aufklären, kontern und es selber in Zukunft besser machen kann.
Margarete Stokowski steht ein für junge Menschen, die sich in ihrem Körper und mit ihre Sexualität unsicher fühlen, die von ihren Familien nicht verstanden oder akzeptiert werden und die eine durch pinke und hellblaue Spielsachen geprägte Kindheit hatten und nun nicht wissen, wie sie sich von diesen vorgefertigten Bildern lösen und ihren Kindern später mehr Möglichkeiten aufzeigen können. Ausserdem erhebt sie ihre Stimme für Frauen, die eigentlich selbstbestimmt wären und dann durch die Geburt ihres ersten Kindes in mittelalterliche Rollenverhältnisse zurückgeworfen werden, die trotz gleicher Ausbildung und gleicher Arbeit nicht die gleichen Löhne bekommen, wie ihre männlichen Mitarbeiter und für Menschen, die sexuelle Gewalt, Diskriminierung und diverse Verunsicherungen erlebt haben und sich nicht selber wehren können.

Schreibstil:
Sprachlich ist dieses Buch ebenfalls sehr gelungen, da es offensichtlich von einer äusserst emanzipierten und intellektuellen Philosophin und Sozialwissenschaftlerin geschrieben worden ist, aber stets einfach gehalten ist, in kurzen, thematisch geordneten Kapiteln auf verschiedenste - meiner Meinung nach sehr wichtigen Themen - eingeht und dabei immer sehr verständlich bleibt. Neue oder eventuell mit Vorurteilen behaftete Begriffe werden ausserdem einfach und nachvollziehbar erklärt und mit ausreichend vielen Belegen, Nachweisen und weiterführender Literatur ergänzt.

Meine Empfehlung:
"Untenrum frei" ist provokativ und kritisch, aber vor allem auch sehr informativ und fundiert und ein Buch, das wirklich alle gelesen haben sollten. Es räumt mit Vorurteilen auf, liefert Erklärungen, Belege, Beispiele und Diskussionsgrundlagen und ist doch nie belehrend oder gar schwer verständlich, sondern aufgrund der vielen Beispiele (leider) komplett aus dem Leben gegriffen.

Zusätzliche Infos:
Titel: Untenrum frei
Autorin: Margarete Stokowski, geboren 1986 in Polen, lebt seit 1988 in Berlin. Sie studierte Philosophie und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet als freie Autorin. Ihre wöchentliche Kolumne «Oben und unten» erscheint seit 2015 bei Spiegel Online. 2019 wurde sie für ihre Texte mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet. «Untenrum frei», ihr Debüt, avancierte zu einem Standardwerk des modernen Feminismus.
Taschenbuch: 256 Seiten 
Sprache: Deutsch
Verlag: Rowohlt
Erschienen am: 24.04.2018
ISBN: 978-3-499-63186-3