Rezension: Griechischstunden

Griechischstunden - Han Kang

Beschreibung des Verlages:
»Griechischstunden« erzählt die Geschichte zweier gewöhnlicher Menschen, die sich in einem Moment privater Angst begegnen. Han Kang hat einen schillernden Roman über die rettende Gnade der Sprache geschrieben.  
In einem Klassenzimmer in Seoul beobachtet eine junge Frau ihren Griechischlehrer. Sie versucht, zu sprechen, aber sie hat ihre Stimme verloren. Ihr Lehrer fühlt sich zu der stummen Frau hingezogen, denn er verliert von Tag zu Tag mehr von seinem Augenlicht. Bald entdecken die beiden, dass ein tiefer Schmerz sie verbindet. Sie hat in nur wenigen Monaten sowohl ihre Mutter als auch den Kampf um das Sorgerecht für ihren neunjährigen Sohn verloren. Für ihn ist es der Schmerz, zwischen Korea und Deutschland aufzuwachsen, zwischen zwei Kulturen und Sprachen hin- und hergerissen zu sein. Langsam entdecken die beiden ein tiefes Gefühl der Einheit, und ihre Stimmen überschneiden sich mit verblüffender Schönheit.

Inhalt:
Einer namenlosen Frau wird das Sorgerecht für ihren Sohn entzogen. Nur eine weitere Tragödie in ihrem erst so jungen Leben. Sie verstummt von einem Tag auf den anderen und beginnt, Altgriechisch zu lernen. Über das Erlernen dieser toten Sprache erobert sie sich den Zugang zu ihrer ganz persönlichen Sprache und Kommunikation zurück.
Ihr - ebenfalls namenloser - Griechischlehrer ist in Deutschland und Korea aufgewachsen, trägt zwei Identitäten und ein Geheimnis mit sich herum; er ist nämlich dabei, zu erblinden und möchte dies vor seinen Arbeitgebern verbergen. Die griechische Schrift, das Entdecken neuer Formulierungen in einer Sprache, die für sie beide eine Fremdsprache ist und das Wissen um den verborgenen Schmerz des Gegenübers verbindet die beiden.

Meine Meinung:
"Griechischstunden" hat mich auf der Heimreise von Verona begleitet und es ist das erste Buch der Autorin, bei dem ich kleine Startschwierigkeiten hatte. Nach einigen Seiten konnte ich aber so richtig in die Geschichte eintauchen und wurde mit einem sehr feinen Humor und einer sich zart entwickelnden Freundschaft - in allen Beschreibungen wird von einer Liebesgeschichte gesprochen, aber das halte ich für ein wenig vorschnell, schliesslich kommen sich die Figuren nur sehr sanft und zaghaft näher - und vielen kunstvoll verbundenen Rückblenden belohnt.

Schreibstil und Aufbau:
In ihren Romanen springt Han Kang immer mitten ins Geschehen und begleitet eine oder mehrere Figuren durch den Alltag, ohne sich mit einer Rahmenhandlung oder langer Vorrede aufzuhalten. Die Details liefert sie im Verlauf der Geschichte nach und so setzt sich Stück für Stück ein Gesamtkunstwerk zusammen. So ähnlich geschieht dies auch in "Griechischtunden". Und obwohl mir dieser Aufbau normalerweise keine Schwierigkeiten bereitet, so hatte ich doch anfangs Mühe, dem schnellen Wechsel der erzählenden Figur und zwischen erster und dritter Person zu folgen. Dann aber habe ich die beiden Figuren so richtig ins Herz geschlossen und hätte sie gerne noch länger durch ihren Alltag und auf ihrem zuerst sehr düsteren und dann immer hoffnungsvolleren Weg begleitet.

Meine Empfehlung:
Dieser komplexe Roman der Autorin muss sehr aufmerksam gelesen werden und dann erschliesst sich eine sehr poetische, tragisch-schöne Geschichte, die Mut macht und mit einem zarten Humor erzählt wird.

Weitere Empfehlungen für Bücher der Autorin:
Die Vegetarierin
Menschenwerk
Deine kalten Hände

Zusätzliche Infos:
Titel:
Deine kalten Hände
Originaltitel: 희랍어 시간 Zeit für Griechisch, hy-rab-ǒ si-gan
Autorin: Han Kang wurde 1970 in Gwangju, Südkorea, geboren und ist die wichtigste literarische Stimme Koreas. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr erster Roman erschien 1994. Für »Die Vegetarierin« wurde sie gemeinsam mit ihrer Übersetzerin 2016 mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet, für »Menschenwerk« mit dem renommierten italienischen Malaparte-Preis. »Weiß« war ebenfalls für den Booker Prize nominiert. 2024 erhielt Han Kang den Nobelpreis für Literatur. Sie lebt in Seoul. 
Sprache: Deutsch
Aus dem Koreanischen von: Ki-Hyang Lee
Hardcover: 204 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
Veröffentlichung: 13.01.2026
ISBN: 978-3-7466-4192-8

Rezension: Die leeren Schränke

Die leeren Schränke - Annie Ernaux

Beschreibung des Verlages:

An einem Sonntag im Jahr 1961 sitzt die zwanzigjährige Literaturstudentin Denise Lesur in ihrem Zimmer und wartet – dass ihr Körper die Abtreibung vollzieht, die eine Engelmacherin im Verborgenen eingeleitet hat. Der gebildete, bourgeoise, selbstgewisse Marc hat Denise auf die Nachricht der Schwangerschaft hin direkt verlassen. Und das Milieu, das er verkörpert, hätte sich auch nie ganz in ihrem Körper beheimaten können. Während sie also wartet, denkt sie über ihre Kindheit und Jugend nach: Zerrissen zwischen dem Elternhaus – obgleich stolze Épicerie-Besitzer sind ihre Eltern den bescheidenen, ländlichen Verhältnissen der Herkunft nie wirklich entronnen – und den Mitschülerinnen jener besseren Schulen, auf die ihre guten Leistungen sie befördert hatten, fühlt sich Denise von beiden Seiten stets abgestoßen.
Vulgär und wütend, voller Ablehnung gegen die bürgerlichen Angepasstheiten – Annie Ernaux umkreist in Die leeren Schränke ein frühes einschneidendes Ereignis, das ihr gesamtes Leben prägen wird. Und erfindet dafür eine völlig neuartige, aufwühlende literarische Form.

Inhalt:
Direkt am Anfang des Buches wird bei der zwanzigjährigen Denise Lesur eine Abtreibung eingeleitet und dann springt die Ich-Erzählerin zurück in ihrer Erinnerung in ihre Kindheit und das Milieu, in dem sie aufgewachsen ist und das sie - bewusst und unbewusst - tief geprägt hat.
Denise Lesur wächst als Tochter einer Krämerin und eines Kneipenbesitzers in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre Eltern arbeiten hart und Denise erlebt ihre Kindheit inmitten von Trunkenbolden und über den Ladentisch hinweg gerauntem Tratsch. Obwohl sie sich nicht damit auskennen, ermöglichen ihre Eltern ihr den Zugang zu einer höheren Bildung. Und Denise Lesur trägt dennoch eine riesige Wut auf ihr Elternhaus und ihre Herkunft in sich.

Meine Meinung:
Mein erstes Buch von Annie Ernaux, schon lange auf der Wunschliste und zufällig im Brocki gefunden, ist auch ihr Debütroman und wird definitiv nicht mein letztes Buch von ihr bleiben. Der raue, vulgäre, wütende Schreibstil hat mir extrem gut gefallen und ich konnte beim Lesen kaum glauben, dass Ernaux ihren Erstling vor über 50 Jahren veröffentlicht hat, so modern und aktuell wirkt die Geschichte.

Schreibstil und Handlung:
Ernaux lässt ihre Protagonistin zu Wort kommen und mitten aus ihrem Leben und von ihren intimsten und düstersten Gedanken erzählen. Sie verschmilzt mit ihrer Figur und zeigt ohne Wertung auf, welche Schwierigkeiten, welche Glaubenssätze und Widersprüche ihre Kindheit und Jugend geprägt haben. Ihre Erinnerungen wirken wie aus der Zeit gefallen und aktueller denn je zugleich und thematisieren ungeschönt ihr Aufwachsen im Arbeitermilieu, die Abscheu und Liebe für ihre Eltern sowie den Zorn auf ihr Elternhaus und die katholische Schule, welche sie besuchen musste.

Meine Empfehlung:
Ich freue mich schon sehr darauf, das weitere Werk der französischen Literaturnobelpreisträgerin zu entdecken und bin gespannt auf weitere Texte von Ernaux.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Die leeren Schränke
Originaltitel: Les armoires vides
Autorin: Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden. Annie Ernaux hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Nobelpreis für Literatur.
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 218 Seiten
Sprache: Deutsch
Aus dem Französischen von: Sonja Finck
Verlag: Bibliothek Suhrkamp 1549
Erscheinungstermin: 26.09.2023
ISBN: 
978-3-518-22549-3

Rezension: Die magische Bibliothek der Buks. Das verrückte Orakel

Die magische Bibliothek der Buks. Das verrückte Orakel - Nina George, Jens J. Kramer und Hauke Kock

Reihenfinfos - Die magische Bibliothek der Buks:
1. Das verrückte Orakel
2. Das verfluchte Medaillon
3. Der Phantánasische Schlüssel

Beschreibung des Verlages:

Die Buks, das sind Buchschutzgeister, die versteckt in einer alten Villa leben. Ihre Aufgabe ist es, die Bücher ihrer Bibliothek zu bewahren, die es in der normalen Welt nicht mehr gibt. Allerdings sind die verbliebenen Bücher in großer Gefahr, sie sind von einer scheinbar unheilbaren Krankheit befallen. Als das Verrückte Orakel prophezeit, dass Menschenkinder die Rettung bringen werden, staunen die Buks nicht schlecht. Und tatsächlich tauchen Finn, Nola, Mira und Thommy in der magischen Bibliothek auf und bringen das geordnete Leben der Buks ordentlich durcheinander.

Inhalt:
In einer dystopischen Zukunft sind Bücher, Träume und Wünsche verboten. Kinder lernen von Tablets, schlagen vorgezeichnete Laufbahnen ein und werden Tag und Nacht überwacht. Bei einem verbotenen Streifzug finden Finn, Mira, Nola und Thommy ein verlassenes Haus und eine geheime Bibliothek, die von Buks bewohnt wird. Buks sind Buchschutzgeister, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, die verbliebenen Bücher vor den Menschen und einer immer stärker um sich greifenden Buchkrankheit zu bewahren. Ein Wettrennen gegen die Zeit und das Ministerium beginnt.

Meine Meinung:
Wenn mir die Reihe nicht empfohlen worden wäre, hätte ich mich nie in die wunderbare Welt der Buks begeben. Und was hätte ich verpasst! Im ersten Band der Reihe sind mir ganz viel Magie, Freundschaft, jugendlicher Mut und Gesellschaftskritik begegnet. Schliesslich leben auch wir in einer Welt, in der Bücher an Macht zu verlieren scheinen und in der es bereits jetzt Kinder gibt, die kein kritisches Denken mehr lernen. Das Buch ist aber alles andere als ein erhobener Zeigefinger. Vielmehr ist es eine Liebeserklärung an das Lesen.

Schreibstil und Aufbau:
Die magische Welt in der die vier Kinder leben, unterscheidet sich kaum von unserer. Nur liegt sie in einer Zukunft, in der es kein freies Denken und Träumen mehr gibt und in der ein Ministerium alle Menschen auf Schritt und Tritt überwacht. Diese düstere Ausgangslage wird aber stets mit vielen hoffnungsvollen Lichtblicken, mutigen Ideen und dem Zauber der Freundschaft durchbrochen.

Meine Empfehlung:
Ich habe diesen ersten Band der Reihe mit grossem Vergnügen gelesen und bin tief in die extrem spannende und wunderschön erzählte und illustrierte Geschichte eingetaucht. Die weiteren Bände werde ich mir auf jeden Fall auch kaufen.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Die magische Bibliothek der Buks. Das verrückte Orakel
Autorin: Die mehrfach ausgezeichnete internationale Bestsellerautorin Nina George, geboren 1973 in Bielefeld, schreibt seit 1992 Romane, Sachbücher, Essays, Reportagen, Kurzgeschichten, Blogs und Kolumnen. Ihr Roman Das Lavendelzimmer wurde in 36 Sprachen übersetzt und eroberte weltweit die Charts, so etwa die New York Times-Bestsellerliste in den USA. Sie lebt in Berlin und in der Bretagne. Seit Juni 2019 ist Nina George Präsidentin des European Writers’ Council, dem Dachverband von 46 europäischen Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverbänden.
Autor: Jens J. Kramer, Jahrgang 1957, studierte in Berlin Ethnologie und Publizistik. 1999 debütierte er mit einem historischen Roman über das koloniale Afrika (Die Stadt unter den Steinen), dem zwei weitere folgten (Das Delta, Der zerrissene Schleier). Als Jo Kramer schrieb er romantische Komödien, als Mike Schulz Krimikomödien und zusammen mit seiner Ehefrau, der Bestsellerautorin Nina George, ist er Jean Bagnol, der Erfinder des provenzalischen Ermittlers „Commissaire Mazan“. Zuletzt erschien von ihm Johannas Rache, Droemer, 2020. Kramer ist seit 2017 Vorsitzender des SYNDIKAT e.V.
Illustrator: Hauke Kock ist als Kind in ein Fass voller Tusche gefallen und kann seitdem nicht mehr aufhören zu zeichnen. Folgerichtig macht er aus der Not eine Tugend und wird Illustrator und Autor. Neben unzählig bebilderten Büchern für Klein und Groß, Spielen und allerlei anderen Projekten mit Illustrationsbedarf, traut sich der gebürtige Schleswig-Holsteiner ab und zu aus der Komfortzone und versucht sich an einem Marathonlauf.  Weitere Kalamitäten unter: www.haukekock.de www.haukekock-fantasyart.com
Hardcover: 384 Seiten
Verlag: Thienemann 
Erschienen am: 27.07.2024 
ISBN: 978-3-522-50822-3

Rezension: Die Liebhaber

Die Liebhaber - Anne B. Ragde

Reiheninfos:
1. Das Lügenhaus
2. Einsiedlerkrebse
3. Hitzewelle
4. Sonntags in Trondheim
5. Die Liebhaber

6. Rückkehr

Beschreibung des Verlages:
Die 40-jährige Torunn Neshov hatte bisher wenig Glück in der Liebe, und auch beruflich lief es nicht wirklich rund. Doch als die ehemalige Tierpflegerin sich entscheidet, den langsam verfallenden Bauernhof ihrer Familie zu übernehmen und in das dümpelnde Bestattungsunternehmen ihres Onkels einzusteigen, nimmt ihr Leben Fahrt auf. Sie mistet gründlich aus und zwar in jeder Hinsicht. Das gefällt nicht jedem. Aber Torunn ist hartnäckig und hat ein Händchen für schwierige Fälle, auch wenn es um die Liebe geht ...

Inhalt:
Torunn nimmt sich als Anerbin des alten Neshov-Hofs an und findet ihre Berufung als Lernende im Bestattungsunternehmen ihres Onkels Margido. Gleichzeitig richtet Erlend die neue Familienvilla in Dänemark ein und kämpft mit den Launen seines Diät haltenden Mannes. 
Im Altersheim lebt sich Tormod so langsam in seinem Zimmer ein und freut sich über die häufigen Besuche von Torunn und erinnert sich dabei an eine verbotene Liebe aus seiner Jugend.

Meine Meinung:
Zuerst einmal möchte ich darauf hinweisen, dass der Klappentext auch bei diesem Band auf eine sehr unpassende und komplett verfälschende Art zu suggerieren versucht, dass es bei der Reihe vor allem um Torunns Liebesleben gehen soll. Dies ist aber überhaupt nicht der Fall, vielmehr werden die verschiedenen Mitglieder der Neshov-Familie durch ihren oft ein wenig düsteren, von Lügen und Schuld geprägten und dadurch einfach irgendwie trostlosen Alltag begleitet. Die Reihe ist spannend, berührend und lebt von einem feinen Humor und Figuren, die versuchen, immer wieder das beste aus herausfordernden Situationen zu machen. In diesem Band gelingt es Torunn sogar zum ersten Mal, ein wenig Farbe in ihr Leben zu bringen und zwar wortwörtlich; sie beginnt nämlich, die Gästezimmer des Neshov-Hofes zu renovieren und in verschiedenen Farben einzurichten.

Meine Empfehlung:
Das Buch hat mich begeistert und berührt und vor allem das Ende hielt wieder einige Überraschungen für mich bereit, die mich auch ziemlich mitgenommen haben. Der sechste und letzte Band der Reihe liegt schon bereit und ich werde ihn wahrscheinlich im Mai lesen. Natürlich möchte ich gerne erfahren, wie alles ausgeht, aber gleichzeitig habe ich die Familie Neshov - mit all ihren Unzulänglichkeiten - so richtig ins Herz geschlossen und möchte eigentlich nicht, dass die Geschichte endet.

Zusätzliche Infos:
Titel: Die Liebhaber
Originaltitel: 
Liebhaberne
Autorin: Anne B. Ragde wurde 1957 im westnorwegischen Hardanger geboren. Sie ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Norwegens und wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit ihren Romanen »Das Lügenhaus«, »Einsiedlerkrebse« und »Hitzewelle« gelang ihr einer der größten norwegischen Bucherfolge aller Zeiten. Nachdem Anne B. Ragde zunächst angekündigt hatte, die Lügenhaus-Serie nicht weiterzuschreiben, erscheint nach »Sonntags in Trondheim« und »Die Liebhaber« mit »Rückkehr« das große Finale der auch in Deutschland gefeierten Buchserie.
Hardcover mit Schutzumschlag: 416 Seiten
Sprache: Deutsch
Aus dem Norwegischen von: Gabriele Haefs
Verlag: btb Verlag
Erscheinungsjahr der Erstausgabe: 2017
ISBN: 978-3-442-75786-2

Rezension: Krawall und Kekse

Krawall und Kekse - Shirley Jackson

Beschreibung des Verlages:

Neben ihrem Talent für das Schaurige war die große amerikanische Autorin Shirley Jackson bekannt für die absurdkomische Betrachtung ihres Lebens als Ehefrau und Mutter von vier Kindern in einem baufälligen Herrenhaus in Vermont. In Krawall und Kekse, das erstmals 1953 erschien, hadert sie mit liegen gebliebenen Autos, Haushaltshilfen, die nicht wiederkommen, und einem selbstvergessenen Ehemann, der mit seinen Nachkommen erst etwas zu tun haben will, wenn sie lesen und schreiben können. Auch die altklugen Kinder tanzen ihr auf der Nase herum: Sohn Laurie erfindet einen aufmüpfigen Klassenkameraden, dem er seine eigenen Streiche anhängt. Tochter Jannie geht nirgends hin ohne ihre Puppen-Entourage, Baby Sally isst eine Spinne und grinst triumphierend. Dieses Buch ist ein zeitloses Lesevergnügen, das unterschwellig damalige wie gegenwärtige Rollenverhältnisse aufs Korn nimmt.

Inhalt:
Die Protagonistin dieses Buches ist Mutter und Autorin, manchmal hat sie die Kontrolle über ihren Alltag und manchmal entgleitet ihr jegliche Ordnung. Eines ihrer Kinder hat selber mehrere imaginäre Kinder, ein anderes macht einen erfunden Klassenkameraden für seine eigenen Streiche verantwortlich, eines lernt gerade laufen und weitere Kinder werden im Verlauf der Geschichte geboren und in das Alltagschaos integriert.
Eine Nebenfigur in der Erzählung ist das Haus, in der die Familie wohnt. Dem Nachwort habe ich entnehmen können, dass in den Schaureromanen der Autorin ebenfalls Häuser zum Schauplatz und sogar fast zur Hauptfigur stilisiert werden, eine spannende Parallele zum anderen Genre der Autorin.

Meine Meinung:
Das Buch habe ich in einer Adventsverlosung gewonnen und darüber habe ich mich riesig gefreut, weil ich schon lange einmal ein Buch von Jackson lesen wollte. Von der ersten Seite an war ich mitten im Familienchaos angekommen und habe der Protagonistin, die - wohl absichtlich - eher eindimensional blieb gerne über die Schulter geschaut. Besonders gut gefallen hat mir, dass sehr viele äusserst turbulente Familienszenen im Buch zusammengefunden haben. Die einzelnen Kapitel wirken lose zusammenhängend und beim Lesen des Nachwortes habe ich erfahren, dass viele der Texte einzeln in Magazinen erschienen sind und dann für dieses Buch als quasi zusammenhängende Geschichte bearbeitet worden sind.
Jackson, die vor allem für ihre Schauerromane bekannt ist, hat mit ihren humorvoll-kritischen Büchern rund um Familienthemen ebenfalls einen Nerv der damaligen Zeit getroffen und tief in Themen blicken lassen, die andere Menschen nur hinter verschlossenen Türen erlebt haben. 

Schreibstil und Aufbau:
Die Familienszenen haben mich in ein anderes Jahrhundert versetzt und die Rollenbilder der 1950-er ziehen sich durch das ganze Buch hindurch. Der Mann unterstützt seine - für die Zeit eher moderne und selbstständig als Schriftstellerin arbeitende - Frau zwar, zieht sich aber oft aus dem Alltagschaos zurück und bleibt während der ganzen Erzählung eher im Hintergrund. Die Protagonistin erzählt aus der Ich-Perspektive und blickt eher neutral auf ihre Kinder und ihre Rolle als Hausfrau und selbstständige Schriftstellerin, die extrem schrägen und humorvollen Szenen sowie die eher kurz gehaltenen Abschnitte haben mich aber wunderbar unterhalten.

Meine Empfehlung:
Nach den sehr unterhaltsamen und auch atmosphärischen Texten hat das Nachwort der Übersetzerin Nicole Seifert mir noch einmal eine ganz andere Perspektive auf das Buch geschenkt und dieses Gesamtkonzept hat mich begeistert und überzeugt und vor allem auf weitere Werke der Autorin neugierig gemacht.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Krawall und Kekse
Originaltitel: Life Among the Savages
Autorin: Shirley Jackson, 1916 in San Francisco geboren, arbeitete nach dem Studium für den ›New Yorker‹. Die 1948 dort erschienene Kurzgeschichte ›The Lottery‹ machte sie schlagartig berühmt, ihr erster Roman ›The Road Through the Wall‹ erschien im selben Jahr. Jacksons Werk wird vor allem dem Horrorgenre zugerechnet, zu den bekanntesten Büchern zählen die mehrfach verfilmten Romane ›Spuk in Hill House‹ und ›Wir haben schon immer im Schloss gelebt‹. Zu Lebzeiten war Shirley Jackson auch als Chronistin ihres Familienlebens bekannt. ›Krawall und Kekse‹ erschien 1953 in den USA und wurde ein landesweiter Bestseller. Die deutsche Ausgabe offenbart nicht nur Jacksons großes Erzähltalent, sie rückt nun auch hierzulande die beeindruckende Person Shirley Jackson in den Fokus – eine Frau, die entgegen den Widerständen ihrer Zeit in den Rollen als Mutter von vier Kindern, Ehefrau und zugleich als Autorin von 17 Büchern brillierte. Auf die Frage, wie sie das geschafft habe, sagte sie in einem Interview einmal: »Das frage ich mich auch.« Shirley Jackson starb 1965 im Alter von 48 Jahren.
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort versehen von: Nicole Seifert
Hardcover mit Schutzumschlag: 256
Verlag: 
Arche Literatur Verlag AG
Ersterscheinung: 21.09.2022
ISBN: 978-3-7160-2816-2