Anti Müller - Yade Yasemin Önder
Beschreibung des Verlages (stark gekürzt):
„Liebe
ist die Illusion, dass die aktuelle Beziehung hält, und die nach ihrem
Ende nur durch eine neue Illusion in Form einer neuen Liebe zur
Desillusion werden kann.“
In ihrem neuen Roman erzählt Yade
Yasemin Önders seziert mit großer poetischer Präzision die Mechanismen
moderner Beziehungen. Im Zentrum steht eine Mittdreißigerin, die um eine
Beziehung, ihren Wunsch nach Familie und ihren Drang nach Geborgenheit
kämpft.
Doch
Anti Müller erzählt nicht nur von der Suche nach Liebe und Nähe. Dieser
Roman nimmt auch einen vermeintlich feministischen Kulturbetrieb ins
Blickfeld, der nach wie vor den Männern die Regie überlässt.
Unter
den lackierten Nägeln der sanften Vollstrecker verkrusteter Strukturen
lauert noch immer der Schmutz des Patriarchats. Mit sprachlicher
Genauigkeit legt Yade Yasemin Önder offen, wie sich diese
Machtverhältnisse in Beziehungen, im Kulturbetrieb und im Umgang mit
weiblichen Körpern fortschreiben.
Anti
Müller verbindet die persönliche Geschichte einer Mittdreißigerin mit
einer scharfen Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Der Roman
fragt, wie frei Beziehungen wirklich sind und wer bestimmt, was auf den
Bühnen und über die Körper geschieht.
Inhalt:
Die namenlose Protagonistin schreibt ihren ersten Roman und sucht nach einer zerbrochenen Beziehung einen neuen Partner, mit dem sie ihren Kinderwunsch verwirklichen kann. Unter anderem kommt sie Andi Müller näher, der bereits Zwillingsvater ist und gerade als Schauspieler durchstartet. Er vertröstet sie lange und sie bemerkt, dass sie nicht nur droht, sich selber zu verlieren, sondern dass ihr in dieser schwierigen Mischung aus Abhängigkeit und Selbstbestimmtheit auch die Zeit davonrennt.
Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich innerhalb von kürzester Zeit inhatiert und auch wenn wohl einige Lesenden den Schreibstil als nicht so zugänglich empfunden haben, habe ich mich beim Lesen perfekt abgeholt, unterhalten und nachdenklich gestimmt sowie wütend gemacht gefühlt. Schicht für Schicht gelingt es, Yade Yasemin Önders, Machtstrukturen innerhalb von (vor allem hetero-)Beziehungen auf den Punkt zu bringen und sie macht ihren "Müller" zu genau der Figur Mann, die eigentlich verstanden hat, wie Feminismus funktioniert, die mit dem Kinderwunsch der Partnerin aber zufällig ein Druckmittel in die Hände gespielt bekommen hat und dieses auch bewusst und unbewusst ausnutzt. Unsere Protagonistin hingegen ist selbstbestimmt und wird beruflich immer erfolgreicher, sie geniesst ihre Freiheiten, Tinderdates und die Selbstbestimmung über ihre Beziehungen, ihr Leben und ihren Körper und sucht gleichzeitig nach einem sicheren Hafen, den sie in einer eigenen Familie vermutet. Dies ist schmerzhaft und einige Szenen haben mich an einen schwierigen Besuch in einer Kinderwunschklinik an der Seite einer lieben Freundin erinnert. An den von der Ärztin erstellen Ausdruck mit den Berechnungen der Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft in ihrer zitternden Hand und an die anderen Frauen im Wartebereich, einige davon tränenüberströmt, andere hochschwanger...
Das Buch lässt aber auch in einen Kulturbetrieb blicken, den ich selber nur zu gut kenne und der immer wieder vorgibt, sich selber zu überdenken und überarbeiten, zu modernisieren und für mehr Diversität und Inklusion einzustehen. Was er ehrlich gesagt stellenweise auch tut und dies sogar auf überzeugende Art. Wenn es dann um Ruhm, Preisgelder oder aber auch Shitstorms geht, ist allerdings immer ganz klar gegendert, wer davon am meisten abbekommt.
Und als wäre alle dies noch nicht Inhalt genug, schafft es Önders auch noch, eine weitere Ebene ins Spiel zu bringen. Ihre Protagonistin ist nämlich mit immer wieder streitenden und immer wieder getrennten Eltern aufgewachsen und ihre Mutter hat eine Migrationsgeschichte. So wächst die Protagonistin mit und auch wieder nicht mit Migrationshintergrund auf und weigert sich, sich ausschliesslich darüber zu definieren, wie dies so viele andere Autoren (gendern nicht nötig) tun, er ist aber natürlich trotzdem Teil von ihr.
Das Buch hat so vieles lustige Szenen, wie die "toten" Exfreunde der Protagonistin. Aber dieses Buch ist auch extrem traurig und aufrüttelnd und zeigt eine gleichzeitig zur erfolgreichen Karriere stattfindende Leere und Zerrissenheit, mit der sich wohl viele Frauen Mitte Dreissig herumschlagen, die aber noch kaum so gut in Worte gefasst worden ist, trotzdem verliert es nie einen auch irgendwie hoffnungsvollen Ton. Und dann überzeugt das Buch auch noch sprachlich. Mal kommt es derb und brutal, bissig und böse daher, mal dominieren die leisen Töne und lassen Raum für eigene Gedanken.
Meine Empfehlung:
Das Buch habe ich nicht nur zu einem für mich perfekt passenden
Zeitpunkt gelesen - nämlich nach "Das kunstseidene Mädchen" und vor
"Heult leise, Habibis" - , es ist auch generell absolut zurecht auf der
Longlist des Deutschen Buchpreises. Unbedingte Empfehlung!
Zusätzliche Infos:
Titel: Anti Müller
Autorin: Yade Yasemin Önders Theaterstück Kartonage wurde 2017 zu den
Autor*innentheatertagen Berlin eingeladen und am Wiener Burgtheater
uraufgeführt. 2018 erhielt sie den Hauptpreis für Prosa beim open mike.
Ihr Debütroman Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron
(2022, KiWi) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem
Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für
den ZDFaspekte-Literaturpreis. 2023 erhielt sie das Werkstipendium des
Deutschen Literaturfonds. 2024 erschien der Kollektivroman Wir kommen, dessen Mitautorin sie ist.
Sprache: Deutsch
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 240 Seiten
Verlag: park x ullstein
Erscheinungstag: 26.02.2026
ISBN: 9783988160652
Rezension: Anti Müller
Rezension: Das kunstseidene Mädchen
Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun
Beschreibung des Verlages:
Der herausragende literarische Klassiker, der Irmgard Keun
1932 zum Literaturstar und eine der wichtigsten deutschsprachigen
Autorinnen des 20. Jahrhunderts machte: fesselnd, eindringlich,
zeitkritisch und humorvoll!
»Irmgard Keun war die
erfolgreichste deutsche Autorin der dreißiger Jahre, und die Lektüre
lohnt noch heute.« Thomas Karlauf, FAZ
»Ich will ein Glanz werden«
Doris,
das kunstseidene Mädchen, ist Sekretärin bei einem zudringlichen
Rechtsanwalt. Sie will nicht mehr tagein, tagaus Briefe tippen, sondern
ein Star werden, will die große Welt erobern. Die große Welt, das ist
für die Achtzehnjährige Berlin. Dort stürzt sie sich in das Leben der
Tanzhallen, Bars und Literatencafés, lässt sich in vornehme Lokale
einladen, goutiert die »gute Gesellschaft«– und bleibt doch allein. Ihre
Affären mit Männern aus »besseren Kreisen« sind kurzlebig, die
erträumte Karriere bleibt eine Illusion.
Doch Doris weiß sich zu trösten ...
Irmgard
Keun hat Doris' kunstseidene Abenteuer »naiv und brilliant, witzig und
verzweifelt, volkstümlich und feurig« beschrieben (Hermann Kesten).
Bunte Unterhaltung in Verbindung mit satirischer Zeitkritik – eine
seltene Einheit und ein wahrer Klassiker der Literatur.
Inhalt:
Von Sommer 1931 bis Frühling 1932 begleiten wir die achtzehnjährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Doris durch ihren turbulenten Alltag. Nach den Annäherungen ihres Arbeitgebers verlässt sie ihre Stelle als Sekretärin und ihre Heimatstadt und zieht nach Berlin, wo sie sich eine Karriere erhofft und davon träumt, ein "Glanz" zu werden und den sozialen Aufstieg zu schaffen. Zahlreiche skurrile bis gefährliche Männerbekanntschaften, Alkohol, Naivität, aber auch eine gehörige Portion Mut und Pragmatismus prägen diese Reise.
Meine Meinung:
Auf das Buch aufmerksam geworden bin ich während Julia Webers Lesung zu ihrem Buch "Weil ich Ruth bin". Sie verwies dabei auf "Das kunstseidene Mädchen" und hat mich sehr neugierig gemacht. Vor der Lektüre wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Ich flog aber nur so durch die Seiten dieses spannenden Zeitromans und hätte Doris manchmal am liebsten in den Arm genommen oder sie, respektive ihre zwielichtigen männlichen Kumpanen - je nach Situation - auch ausgeschimpft. Auf jeden Fall aber habe ich mich gefragt, weshalb wir diesen Klassiker nie in der Schule gelesen und besprochen haben. Dort würde er in meinen Augen unter anderem hingehören.
Schreibstil:
Der Schreibstil ist bewusst schlicht und ein wenig kindlich gehalten. Der Inhalt des Romans besteht ausschliesslich aus Tagebucheinträgen, Gedanken und Aufzeichnungen der scheinbar ein wenig naiven Protagonistin Doris. Keun versetzt sich mit einer spielerischen Leichtigkeit in diese Figur, die man allen Ecken und Kanten zum Trotz einfach mögen muss, was nicht zuletzt an ihrem Lebensmut und ihrer Bauernschläue in scheinbar ausweglosen Situationen liegt. Was auf den ersten Blick simpel und schlicht wirkt, ist aber ein sprachliches Meisterwerk, das dem - vor allem männlichen - Bildungsbürgertum einen Spiegel vorhält und gekonnt gesellschaftliche Missstände anprangert.
Als besonders wertvoll habe ich die zwei Texte im Anhang empfunden. Der Text von Annette Keck beleuchtet "Das kunstseidene Mädchen" noch einmal differenziert, während der Text von Anna Barbara Hagin sich vor allem mit Keuns Leben auseinandersetzt.
Meine Empfehlung:
Das Buch empfehle ich euch sehr gerne weiter und ich bin schon gespannt auf weitere Werke der Autorin. Es lohnt sich in meinen Augen nämlich unbedingt, Irmgard Keun kennenzulernen.
Zusätzliche Infos:
Titel: Das kunstseidene Mädchen
Autorin: Irmgard Keun, 1905 in Berlin geboren, feierte mit ihren beiden ersten Romanen, Gilgi – eine von uns und Das kunstseidene Mädchen,
sensationelle Erfolge. 1936 ging sie ins Exil und kehrte vier Jahre
später mit falschen Papieren nach Deutschland zurück, wo sie unerkannt
lebte. Im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit konnte sie zunächst nicht
an die Erfolge ihrer ersten Bücher anknüpfen, bis ihre Romane Ende der
Siebzigerjahre von einem breiten Publikum wiederentdeckt wurden. Irmgard
Keun starb 1982 und zählt heute zu den wichtigsten deutschsprachigen
Autorinnen des 20. Jahrhunderts.
Sprache: Deutsch
Taschenbuch, Broschur: 208 Seiten
Verlag: Ullstein Taschenbuch
Rezension: Meistens kommt es anders, wenn man denkt
Reiheninfos "Hamburg-Reihe":
1. Hummeln im Herzen
2. Wenn Schmetterlinge Loopings fliegen
3. Glück ist, wenn man trotzdem liebt
4. Das Leben fällt, wohin es will
5. Wenn's einfach wär, würd's jeder machen
6. Meistens kommt es anders, wenn man denkt
Nele stellt sich und ihre Wünsche stets zurück. Sie kümmert sich um ihre Mitmenschen, ihre Familie, ihre Arbeit und vergisst dabei, auch mal für sich und ihre eigenen Bedürfnisse einzustehen. Als sie nach einer Trennung in ihrem neuen Traumjob durchstartet, muss sie sich nicht nur mit einem gehässigen Mitarbeiter und einem schwer in die Gänge zu kriegenden Lokalpolitiker und dessen PR-Kampagne abkämpfen, sie verliebt sich auch noch Hals über Kopf in ihren Chef. Als wäre das nicht genug, verlangen auch ihre Eltern, ihr Bruder und ihr Freundeskreis einiges von ihr und es müssen zuerst die Fetzen fliegen, bevor sie sich eingesteht, was sie wirklich will.
Meine Meinung:
Ausgerechnet beim Lesen dieses letzten Bandes der gaaaaanz lose zusammenhängenden Hamburg-Reihe, hatte ich das Gefühl es wirklich mit einer Reihe zu tun zu haben, schliesslich ist Nele die Mitbewohnerin von Annika, der Protagonistin aus dem fünften Band und entsprechend kommen einige Figuren aus dem Vorgängerband auch im Abschlussband wieder vor. Und auch Taxifahrer Knut hat einen seiner berühmten Gastauftritte und gibt Nele genau dann, als sie an einem Tiefpunkt angekommen ist, einen lebensverändernden Rat. Gefallen hat mir übrigens vor allem wie konstruktiv Nele mit Konflikten innerhalb ihrer Familie umgeht und wie sie sich im Verlauf der Geschichte entwickelt. Ausserdem haben mir die Einblicke in ihre Arbeit sehr gefallen und vor allem die Szenen mit Rüdiger Hofmann-Klassing, dem Bürgermeisterkandidaten der Durchschnittspartei, haben mich bestens unterhalten. Schade fand ich allerdings, dass Hamburg, das stets mit viel Liebe beschrieben worden ist, nur noch eine Nebenrolle spielt und auch wenn der sechste Band ebenfalls kurzweilig geschrieben ist, wird beim Lesen vor allem eines klar: die Reihe ist definitiv auserzählt.
Meine Empfehlung:
Das Buch ist einfach ein schöner, unterhaltsamer Reihenabschluss mit einer Prise Romantik und viel Humor. Perfekt für lange Zugstunden und Zwischendurch.
Titel: Meistens kommt es anders, wenn man denkt
Autorin: Petra Hülsmann, Jahrgang 1976, wuchs in einer niedersächsischen Kleinstadt auf. Nach einem erfolgreich abgebrochenen Studium der Germanistik und Kulturwissenschaft arbeitete sie in Anwaltskanzleien und reiste sechs Monate mit dem Rucksack durch Südostasien, bevor sie mit ihren Romanen die Beststellerliste eroberte. Petra Hülsmann lebt mit ihrem Mann in Hamburg.
Taschenbuch: 512 Seiten
Sprache: Deutsch
Verlag:Bastei Lübbe
Veröffentlichungstermin dieser Ausgabe: 24.02.2023
ISBN: 978-3-404-19198-7
Rezension: Unmöglicher Abschied
Beschreibung des Verlages:
»Unmöglicher Abschied« erzählt die Geschichte einer Freundschaft
zwischen zwei Frauen und beleuchtet zugleich ein jahrzehntelang
verschwiegenes Kapitel koreanischer Geschichte
Eines Morgens ruft Inseon ihre Freundin Gyeongha zu sich ins
Krankenhaus von Seoul. Sie hatte einen Unfall und bittet Gyeongha, ihr
Zuhause auf der Insel Jeju aufzusuchen, weil ihr kleiner weißer Vogel
sterben wird, wenn ihn niemand füttert. Als Gyeongha auf der Insel
ankommt, bricht ein Schneesturm herein. Der Weg zu Inseons Haus wird zu
einem Überlebenskampf gegen die Kälte, die mit jedem Schritt mehr in sie
eindringt. Noch ahnt sie nicht, was sie dort erwartet: die verschüttete
Geschichte von Inseons Familie, die eng verbunden ist mit einem lang
verdrängten Kapitel koreanischer Geschichte. Han Kangs neuer Roman ist
eine Hymne an die Freundschaft und das Erinnern, die Geschichte einer
tiefen Liebe im Angesicht unsäglicher Gewalt – und eine Feier des
Lebens, wie zerbrechlich es auch sein mag.
Inhalt:
In der schier unerträglichen Sommerhitze schafft es die Autorin Gyeongha kaum, eine Seite zu schreiben, geschweige denn, das Haus zu verlassen. Sie wird allerdings immer wieder von einem bedrohlichen Traum aufgesucht: in einer verschneiten Landschaft stehen schwarz eingefärbte Baumstämme, die an einen mit Grabsteinen übersäten Friedhof erinnern. Auch Han Kang erwähnte übrigens in einigen Reden und Interviews, dass ein Traum sie zu diesem Buch inspiriert hat.
Gyeongha erwacht aus ihrem trägen Zustand, als es endlich Herbst wird. Ausserdem hat ihre gute Freundin Inseon einen schweren Unfall und bittet sie, auf die Insel Jeju zu reisen, um sich dort um einen kleinen Vogel zu kümmern, der nicht so lange ohne Wasser überleben kann.
Gyeongha geht der Bitte ihrer Freundin nach und ein plötzlicher Schneesturm droht, das Unterfangen scheitern zu lassen. In Inseons Wohnung auf Jeju angekommen, beginnt die Handlung in fiebertraumähnlichen Sequenzen zwischen Realität und Fiktion zu schwanken und rückt dabei ein brutales Kapitel aus Koreas Geschichte ins Zentrum der Erinnerungen der Protagonistinnen.
Meine Meinung:
Auch dieser sprachgewaltige und gekonnt erzählte Roman der Autorin hat mich sehr für sich eingenommen, berührt und zu eigenen Recherchen angeregt. Die teilweise vernichtenden Kritiken ("zu viel Schnee") kann ich dabei überhaupt nicht nachvollziehen. Es stimmt allerdings, dass man sich beim Lesen auf Han Kangs magischen Realismus, Zeitsprünge und überraschende Wendungen und Elemente einlassen muss. Da dies mein fünfter Roman der Autorin ist, ist mir dies aber überhaupt nicht schwergefallen, im Gegenteil; dem heftigen Thema zum Trotz behält Han Kang die ihr typische Leichtigkeit bei und ihre Sätze überzeugen mit grossem handwerklichem Geschick und überwältigender sprachlicher Schönheit. Als Einstieg in ihr Werk empfehle ich das Buch aber nicht. Dafür empfinde ich "Die Vegetarierin" und dann "Menschenwerk" als sehr viel geeigneter.
Schreibstil und Aufbau:
Wie schon in ihrem unglaublich brutalen und aufrüttelnden Roman "Menschenwerk" legt Han Kang auch in "Unmöglicher Abschied" den Schwerpunkt auf ein grauenvolles Kapitel der koreanischen Geschichte und kritisiert dabei vor allem auch die Vertuschungen und den Machtmissbrauch der koreanischen Regierung. Der Schnee in Form von Schneestürmen, Schneeflocken und alle Geräusche verschluckende Schneedecken ist dabei allgegenwärtig und die Handlung besteht aus verschiedenen Ebenen. In der Gegenwart begleiten wir Gyeongha durch den Schnee ins Haus ihrer Freundin, auf der anderen Ebene erzählt Inseon (oder Inseons Geist) von ihren Nachforschungen zu ihrer eigenen Familiengeschichte und somit auch zu den Gräueltaten des Jeju-Massakers von 1948. Bis zum Schluss des Buches bleibt offen, welche in der Gegenwart stattfindenden Ereignisse Traum und welche Realität sind. Das gekonnte Sprachspiel der Autorin lenkt mit der ihr eigenen Leichtigkeit auf genau die historischen Ereignisse, welche ihr wichtig sind und die Rahmenerzählung nutzt sie eben genau als Rahmen, als Teppich und kunstvolle Metapher.
Meine Empfehlung:
"Unmöglicher Abschied" hat es mir angetan, mich berührt, begeistert und neugierig auf weitere Werke der Autorin gemacht. Ich empfehle das Buch vor allem Fans von Han Kang und empfehle "Die Vegetarierin" als Einstieg in ihr Werk.
Weitere Empfehlungen für Bücher der Autorin:
Die Vegetarierin
Menschenwerk
Deine kalten Hände
Griechischstunden
Zusätzliche Infos:
Titel: Unmöglicher Abschied
Originaltitel: 작별하지 않는다 "We do not part"
Autorin: Han Kang wurde 1970 in Gwangju, Südkorea, geboren und ist die wichtigste
literarische Stimme Koreas. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr
erster Roman erschien 1994. Für »Die Vegetarierin« wurde sie gemeinsam
mit ihrer Übersetzerin 2016 mit dem Man Booker International Prize
ausgezeichnet, für »Menschenwerk« mit dem renommierten italienischen
Malaparte-Preis. »Weiß« war ebenfalls für den Booker Prize nominiert.
2024 erhielt Han Kang den Nobelpreis für Literatur. Sie lebt in Seoul.
Sprache: Deutsch
Aus dem Koreanischen von: Ki-Hyang Lee
Hardcover: 315 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
Veröffentlichung: 12.08.2026
ISBN: 978-3-7466-4348-9
Rezension: Mini Horror
Beschreibung des Verlages:
Mini und Miki sind nicht von hier, aber sie bemühen sich,
dazuzugehören und alles richtig zu machen. Trotzdem werden sie verfolgt
von Gefahren und Monstern, von Katastrophen und Schwierigkeiten. Es geht
um die großen und kleinen Albträume des Mittelstands, um den Horror des
perfekten Familienfrühstücks, um Mobbing am Arbeitsplatz und
gescheiterten Urlaub, um den Abgrund, der sich im Alltag öffnet und
nicht mehr schließen will.
In «Minihorror» setzt Barbi Marković
den Angstarbeiter:innen unserer Gesellschaft ein Denkmal aus Perfidie
und Mitgefühl, bei dessen Lektüre wir uns gleichermaßen ertappt und
verstanden fühlen.
Inhalt:
In zahlreichen kurzweiligen Kapiteln widmet sich Barbi Marković dem ganz alltäglichen Horror, der sich aus scheinbar harmlosen Situationen entwickeln kann. Der Anfang eines jeden Kapitels kommt dabei (meistens) komplett unscheinbar daher und plötzlich kippt die Geschichte und eskaliert zu einer schaurig-skurrilen Erzählung, die Spass macht und dabei auch immer wieder wichtige und uns oft auch nur zu bekannte Themen wie Rassismus, eigene Privilegien, Beziehungen und Familie vor Augen führt.
Meine Meinung:
Schon sehr lange einmal wollte ich ein Buch von Barbi Marković lesen. Nach Anetts begeisterter Rezension zu "Minihorror" habe ich mir das Buch sofort gekauft. Anfangs musste ich mich ein wenig an den eher speziellen Stil gewöhnen, habe dann aber immer mehr Spass empfunden beim Lesen. Besonders gut gefallen hat mir, dass Marković es schafft, aus den banalsten Situationen - wie Familientreffen, Spaziergänge, Katzenbegegnungen - Gedankenspiele zu machen, die plötzlich unheimlich, gruselig und bedrohlich werden. Immer dabei sind ihre Hauptfiguren Mini und Miki, die das Leben mehr oder weniger Seite an Seite verbringen und die Szenarien meistens auch ziemlich lebend aber definitiv nicht immer unversehrt überstehen. Im Anhang hat die Autorin noch weitere Texte und Horrorszenarien mit unterhaltsamen Skizzen versammelt.
Meine Empfehlung:
Von ein wenig schrägen bis komplett verstörenden Szenarien hat Marković einfach alles in ihren Texten versammelt. Der Humor ist dunkelschwarz und jeder Satz ist vom ersten bis zum letzten Wort durchdachte und höchste erzählerische Kunst. Die Kapitel sind kurz und oft auch nachdenklich stimmend.
Auf dieses kurze Büchlein muss man sich einlassen. Und dann sind der Genuss und natürlich der Horror um so grösser.
Zusätzliche Infos:
Titel: Minihorror
Autorin: Barbi Marković, 1980 in Belgrad geboren, studierte
Germanistik und arbeitete zunächst als Lektorin. 2009 erschien ihr Debüt
«Ausgehen», noch als Übersetzung aus dem Serbokroatischen, 2016 dann
der Roman «Superheldinnen», der unter anderem mit dem Förderpreis des
Adelbert-von-Chamisso-Preises ausgezeichnet wurde; fünf Jahre später
folgte «Die verschissene Zeit». Für «Minihorror» erhielt Barbi Marković
den Preis der Leipziger Buchmesse 2024. Im selben Jahr bekam sie den
Carl-Amery-Literaturpreis zugesprochen. Sie lebt in Wien.
Taschenbuch: 192 Seiten
Sprache: Deutsch
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erscheinungstermin: 13.05.2025
ISBN: 978-3-499-01692-9
