Rezension: Der Mann, der ins KZ einbrach

Der Mann, der ins KZ einbrach - Denis Avey/Rob Broomby

Beschreibung des Verlages:
Als Millionen alles getan hätten, um herauszukommen, schlich sich ein englischer Soldat ins KZ Auschwitz. Denis Avey wollte mit eigenen Augen sehen, was in dem Lager geschah. Jahrzehntelang konnte er nicht darüber sprechen. Jetzt erzählt er mit BBC-Reporter Rob Broomby seine Geschichte. Eine unglaubliche Überlebensgeschichte voller jugendlicher Waghalsigkeit und echtem Mut.

Meine Meinung:
Ein Mann bricht in ein KZ, genauer gesagt in Auschwitz III, ein und dies zu einer Zeit, in der alle anderen das Gegenteil versuchten und flüchten wollten. Dies zumindest verspricht das Buch. Nach 150 Seiten, in denen Denis Avey ununterbrochen von seinen heldenhaften Einsätzen in Afrika erzählt und die ganze Geschichte, wie er letztendlich im Kriegsgefangenenlager direkt neben einem der tiefsten menschlichen Abgründe der Weltgeschichte gelandet ist, sind wir endlich an dem Tag angekommen, von dem das Buch erzählen will.
Versteht mich nicht falsch, es ist wichtig, diese Umstände zu erwähnen und spannend noch dazu. Dass sich der Erzähler allerdings mit seinen Taten im Krieg brüstet, wenn auch er sich selber zugleich hinterfragt und kritisch beleuchtet, hat mich wirklich ein wenig gestört. Dies aber vor allem deshalb, weil der Bericht so viel Platz im Buch einnimmt und nicht in erster Linie, weil Denis Avey sich über einen ihm zu Unrecht nicht verliehenen Orden entrüstet und zwar einfach deshalb, weil ich ganz etwas anderes erwartet habe.
Was dann aber folgt ist ein von Leichtsinn, Langeweile, Mut und Aussichtslosigkeit geprägter Tausch der Sträflingsuniform mit Hans, einem jüdischen Gefangenen, und eine wichtige, kaum aushaltbare und gnadenlos ehrliche Schilderung von Leid, Gewalt, Entwürdigung und Ohnmacht. In keinem Film und keinem bisherigen Buch oder Bericht aus dieser Zeit habe ich je so schreckliche Berichte gesehen/gelesen, wie in diesem Buch und dies, sowie die tragische Erkenntnis, dass Leben und Sterben letztendlich von Glück und Zufällen abhingen, was mir natürlich bewusst ist, hier aber noch einmal deutlichst aufgezeigt wird, hat mich tief erschüttert und macht dieses Buch zu so einem wichtigen Buch.
Ein wenig Hoffnung und Versöhnung wird aber trotzdem angeboten, weil es Rob Broomby und der BBC tatsächlich gelungen ist, einen damaligen Mithäftling von Avey zu finden und dessen Geschichte des Überlebens zu dokumentieren, was bei mir für ein wenig Frieden gesorgt hat.  

Meine Empfehlung:
Dieses Buch ist wichtig, dieses Buch ist spannend, dieses Buch zeigt auf, was fast nicht erzählt werden kann und trotzdem langsam aber sicher in Vergessenheit zu geraten droht. Bitte lest dieses Buch.

Zusätzliche Infos: 
Titel: Der Mann, der ins KZ einbrach
Originaltitel: The Man Who Broke Into Auschwitz
Autoren: Denis Avey (Augenzeuge)/Rob Broomby (Reporter)
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Englisch
Übersetzt von: Rainer Schumacher
Taschenbuch: 350 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
Erstererscheinung: 15.02.2013 (genau heute vor sechs Jahre, fast unheimlich...)
ISBN: 978-3-404-60701-3

Kurzrezension: Zündels Agang

Zündels Abgang - Markus Werner

Klappentext:
Es war also Montagmorgen, Zündel hatte noch seinen Pass und in der Gesässtasche sein Portemonnaie mit Fahrkarte und etwas Geld, und er entschloss sich, heimzufahren und am Dienstag den Zahnarzt aufzusuchen, und stand in einer Telefonkabine und sagte zu seiner Magda: Wie war das bioenergetische Weekend?
Das Ehepaar Zündel hat sich entschossen, den Urlaub getrennt zu verbringen. Als Konrad heimkehrt, bereitet im Magda einen für seinen Geschmack allzu reservierten Empfang. Zündel plant seinen Abgang.

Später lag er im Vollbad, aber er sang nicht. Er sprach: Meine Damen und Herren, wer im Vollbad singt, ist ein Klischeemensch.
Zündels Abgang, Markus Werner, Seite 17


Meine Meinung:
Der sonst so pflichtbewusste Lehrer Konrad Zündel verliert einen Zahn und von da an ist alles anders. Dies gipfelt letztendlich darin, dass er verschwindet, was seinen guten Freund, den fiktiven Erzähler Viktor Bosch, dazu bringt, Zündels Geschichte anhand von rätselhaften Indizien und im Alkoholrausch entstandenen Aufzeichnungen zu rekonstruieren. Dabei wird schnell klar, dass sich der verkannte Intellektuelle Zündel nicht nur über sich und sein Leben, sondern auch über die ganze Welt so viele Gedanken macht, dass er zuweilen die Realität und das Jetzt ein wenig aus den Augen verliert.

Ja, es ist anzunehmen, dass die Weltgeschichte ohne uns Zuschauer ins Stocken geriete. Unsere Schaulust ist historische bedeutsam: sie motiviert die Täter zu Taten und sorgt damit für einen bunten, zügigen Geschichtsverlauf.

Zündels Abgang, Markus Werner, Seite 60

Was sich tragikomisch unterhaltend liest, sich aber verheerend für Zündel auswirkt, lässt tief in die Gedankenwelt des sich verlierenden Zündels blicken und dokumentiert einen Absturz und den Verlust jeglichen Realitätsbezugs eines sonst im Leben und seiner Beziehung verankerten Menschen. Schräg, klug, spannend und manchmal ziemlich eklig wird von diesem Abgang erzählt und dabei streift Markus Werner gekonnt die Themen Emanzipation, Ehe, Familie und Verlust, ohne je belehrend oder wertend zu werden.

Wenn die Kranken folgsam verenden, verscharrt man auch die Todesursachen. Wenn die Leidenden untergehen, die Schwächeren sich zurückziehen, die Verrückten eingelocht sind, dann ist die Welt im Lot, dann herrscht das Positive, dann hört man nur noch das dröhnende und pausbackige Halleluja der Tauglichen.

Zündels Abgang, Markus Werner, Seite 88

In seinem Debütroman bedient sich der 2016 verstorbene Markus Werner einer direkten und provokativen Sprache, die spitzfindig auf den Punkt bringt, was in Zündels Gedankenwelt geschieht. Sie chafft es dabei, auf wenigen Seiten die Geschichte eines ganzen Lebens und einer Ehe zu erzählen und dabei auch das Zeitgeschehen, sowie diverse menschliche Unzulänglichkeiten einfliessen zu lassen.


Meine Empfehlung:
Von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung für diesen kleinen Roman, der definitiv eine grosse Geschichte erzählt und dabei zugleich unterhält und zum Nachdenken anregt.

Zusätzliche Infos:
Titel: Zündels Abgang
Autor: Markus Werner wurde in Eschlikon im Kanton Thurgau geboren. 1948 zog die Familie nach Thayngen in den Kanton Schaffhausen um. Dort besuchte Werner die Schule und absolvierte 1965 die Matura. Anschliessend studierte er Germanistik, Philosophie und Psychologie an der Universität Zürich und promovierte 1974 mit einer Arbeit über Max Frisch, dessen Einfluss auf Werners Schreiben bedeutsam war. Von 1975 bis 1985 war er Hauptlehrer, von 1985 bis 1990 Lehrbeauftragter an der Kantonsschule Schaffhausen. Ab 1990 war er freier Autor. Werner lebte ab 1980 in Opfertshofen, später zog er nach Schaffhausen, wo er im Juli 2016 mit 71 Jahren verstarb.
Taschenbuch: 128 Seiten
Sprache: Deutsch
Verlag: dtv
Erschienen: 17. Auflage August 2006 (Erstausgabe Juli 1988)
ISBN: 978-342310917-8

Rezension: Die Frauen von Troja, Tochter des Sturms

 
 Dieses Rezensionsexemplar aus dem Goldmann-Verlag hat mich via Bloggerportal erreicht. 

Die Frauen von Troja, Tochter des Sturms - Emily Hauser

Reiheninfos:
1. Die Frauen von Troja, Tochter des Sturms
2. Die Frauen von Troja, Tochter des Meeres
3. Die Frauen von Troja, Tochter des Himmels

Beschreibung des Verlages:
Vor dreitausend Jahren tobte ein Krieg, der die damalige Welt in ihren Grundfesten erschütterte: Der Trojanische Krieg hat viele Helden hervorgebracht. Hier erzählen die Frauen von Troja die Legende aus ihrer Sicht.
Dies ist die Geschichte von Chryseis, der Tochter des Hohepriesters von Troja, und Briseis, der Prinzessin von Pedasos. Chryseis und Briseis sind stolze junge Frauen, die ihr Leben genießen und sich leidenschaftlichen Lieben hingeben. Doch bei Ausbruch des Krieges werden sie entführt und müssen fortan ein Leben als Liebessklavinnen führen. Die mutigen Frauen ergeben sich jedoch nicht in ihr Schicksal, sondern kämpfen für ihr Freiheit und ihre Gefühle …

Meine Meinung:
Mit historischen Romanen verbinden mich ziemlich durchwachsene Erfahrungen, die mich eher selten zu diesem Genre greifen lassen. Auf "Die Frauen von Troja" bin ich dann durch die positiven Rezensionen aufmerksam geworden und war neugierig auf eine ganz andere Sicht auf die historischen Ereignisse rund um den trojanischen Krieg und die Menschen dieser Zeit.
Sofort war ich begeistert von der Aufmachung, vom Cover, der schönen Gestaltung und der angenehmen Schriftgrösse und Kapitellänge. Der Schreibstil sorgte dafür, dass ich schnell ins Buch hineingefunden habe und die vielen leeren Seiten gaben mir das Gefühl, nur so durch die Seiten zu fliegen, was natürlich auch stimmte.
Zwei weibliche Figuren, Briseis und Chryseis, sind von der Autorin ins Zentrum gerückt worden und ich habe ihre Geschichte neugierig verfolgt. Ausserdem haben mir die vielen Seiten im Anhang mit einem ausführlichen Personenverzeichnis, Angaben zu den historischen Hintergründen und Orten, sowie der literarischen Vorlage sehr gut gefallen und war auch dankbar für die weiterführenden Buchtipps.

Schreibstil und Handlung:
Zuerst einmal möchte ich erwähnen, dass nach jedem Kapitel zwischen den beiden Protagonistinnen abgewechselt und dann aus deren Sicht erzählt wird. Ab und zu werden noch fiktive Abstecher in die Götterwelt gemacht, in der dann die Götter sich streiten, lieben, herausfordern und mit dem Schicksal ihrer menschlichen Schachbrettfiguren spielen. Diese Kapitel sind sehr amüsant gestaltet und wirken so, als würde die Autorin nicht alles auf die Goldwaage legen und zu den historischen Ereignissen, die teilweise belegt, teilweise auch von der "Ilias" von Homer inspiriert sind, passende von den Göttern kontrollierte Marionettentheater gestalten zu wollen, was ich eine sehr spannende Idee finde, die für das vorliegende Buch auch bestens funktioniert. Leider sind diese Kapitel - wenn auch sie sehr kurz sind - komplett in kursiver Schrift gehalten, was wohl der einfacheren Unterscheidung dienen soll, letztendlich aber dazu führt, dass sie sich weniger angenehm lesen lassen.
Sprachlich gesehen mischt dieser historische Roman typisch historisch wirkende Formulierungen (güldene Haare) mit moderner Sprache (Dream-Team) und wirkt deshalb jugendlich und modern, verliert aber doch nie den Bezug zur Zeit, in der er spielt. Ausserdem beschreibt die Sprache sehr schön und bildhaft, sorgt also für ein spannendes und dramatisches Kopfkino und beleuchtet die Rolle der Frauen der damaligen Zeit authentisch, feinsinnig und sehr aufmerksam. 

Meine Empfehlung:
Dieser Roman ist der überraschend spannende und unterhaltsame Auftakt einer Trilogie und aufgrund der tollen Recherchen, der vielen zusätzlichen Infos und vor allem auch der packenden und unterhaltsamen Sprache und des durchdachten Aufbaus empfehle ich euch "Die Frauen von Troja, Tochter des Sturms" sehr gerne weiter.

Zusätzliche Infos:
Titel: Die Frauen von Troja, Tochter des Sturms
Originaltitel: For the Most Beautiful
Autorin: Emily Hauser wurde in Brighton geboren und ist in Suffolk aufgewachsen. Sie hat in Cambridge und Harvard Altphilologie studiert und in Yale promoviert. In ihrer Trilogie über die Frauen von Troja erzählt sie den großen Mythos des Trojanischen Kriegs in moderner Sprache und aus weiblicher Sicht.
Sprache: Deutsch
Aus dem Amerikanischen von: Sonja Hauser
Paperback, Klappenbroschur: 464 Seiten
Verlag: Goldmann
Erschienen am: 19. November 2018
ISBN: 978-3-442-48502-4

Lese-Statistik Januar 2019

 
Guten Morgen ihr Lieben

Bevor ich gleich mit einer Schülerin an einen Wettbewerb fahre, zeige ich euch einen verschwommenen, verwischten, nassen und gestern im Schneegestöber fotografierten Bücherstapel (keine Angst, alles ist wieder trocken und bereits ins Regal gestellt). Diese sechs Bücher und sogar noch eines mehr, das ich Nanni vom Blog Fantasie und Träumerei geschenkt habe, haben meinen Januar bereichert. Unterhaltung, Spannung, Romantik, Drama und ein wenig Familiengeschichte waren dabei und haben diesen ersten Monat des Jahres zu einem bunten und erfolgreichen Lesemonat gemacht.


Meine gelesenen Bücher in der Übersicht:

Ein unterhaltsames und leichtes Buch für einen amüsanten Start ins Neue Jahr:

Ein grandioser, fesselnder, überwältigender und anspruchsvoller Reihenauftakt:
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Schwarz/Stephen-King/Heyne/e168759.rhd

Ein berührendes und beeindruckendes Mahnmal an eine im Alltag zu oft vergessene Zeit:


Ein packender und brutaler dritter Teil einer Thrillerreihe, der dennoch Luft nach oben hat:

Ein alternder Psychiater, eine junge Patientin, zwei komplett unterschiedliche, poetische Sichten auf das Leben:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/agathe/978-3-446-26191-4/

Nachhaltig und minimalistisch leben und arbeiten? In "Vollig losgelöst" findet ihr verschiedene Texte dazu:
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Voellig-losgeloest/Susanne-Weingarten/Penguin/e542881.rhd

Drei Generationen, eine Familie, Verlust, Liebe, Armut und eine Sprache, deren Schönheit ihresgleichen sucht:
https://www.dtv.de/buch/arno-geiger-es-geht-uns-gut-14650/

Gelesene Bücher: 7
Somit in die Leseeule: 7 Franken
Gelesene Seiten: 2237 Seiten
Durchschnittliche Seitenzahl pro Tag: 72.16 Seiten
SuB am Monatsbeginn: 142
Aktueller SuB: 138
Differenz: - 4

Neuzugänge Januar 2019

Hallo ihr Lieben

Es schneit und schneit... Alles, was ich mir im Dezember gewünscht hätte, fällt vom Himmel, der Frühling scheint so gar nicht in Sicht. Aber an diesem ersten Februar möchte ich - damit morgen dann die Lese-Statistik aus dem Januar online gehen kann - euch meinen ersten Neuzugängepost aus dem Jahr 2019 präsentieren. Vier Bücher sind hier eingezogen, eines davon komplett unerwartet, zwei davon bereits gelesen und rezensiert. Ich freue mich nun schon sehr auf alles, was der Februar bringen wird und wünsche euch viel Spass beim Stöbern.

"Zündels Abgang" von Markus Werner habe ich von einer Freundin am ersten Tag des Jahres geschenkt bekommen, sie hat sich das Buch versehentlich doppelt gekauft.... Könnte ich gewesen sein :-)

"Agathe" von Anne Cathrine Bomann habe ich aus dem neuen Verlag Hanser blau via Lesejury bekommen und in einer Leserunde lesen dürfen. Zur Rezension geht es HIER.

Auf "Die Frauen von Troja, Tochter des Sturms" von Emily Hauser freue ich mich schon sehr. Das Rezensionsexemplar kommt via Bloggerportal aus dem Verlag Goldmann und soll für mich eine erneute Annäherung an das Genre "Historischer Roman" sein.

Völlig losgelöst" wurde von Susanne Weingarten herausgegeben und ist via Bloggerportal aus dem Penguin-Verlag zu mir gekommen. Ich habe es sehr gerne und aufmerksam gelesen und HIER rezensiert.

Und nun noch ein wenig Statistik:
Geschenkt bekommene Bücher: 1
Rezensionsexemplare: 3
Gekaufte Bücher: -
Eingesammelte Bücher: -
Gesamte Neuzugänge: 4
SuB am Monatsbeginn: 142
Aktueller SuB: 138

Rezension: Es geht uns gut

Es geht uns gut - Arno Geiger

Beschreibung des Verlages:
Der Bestseller jetzt in neuer Rechtschreibung
Philipp Erlach hat in der Wiener Vorstadt das Haus seiner Großmutter geerbt, und die Familiengeschichte sitzt ihm nun im Nacken. Arno Geiger erzählt sie so, als wäre jeder Tag der Vergangenheit unsere Gegenwart. Er schildert das Schicksal von Alma und Richard, die 1938 gerade Ingrid bekommen und nichts mit den Nazis zu tun haben wollen. Vom 15-jährigen Peter, der 1945 mit den letzten Hitlerjungen durch die zerbombten Straßen läuft. Von Ingrid, die mit dem Studenten Peter eine eigene Familie gründen will, und von Philipp, dem Sohn der beiden. Arno Geiger erweckt ein trauriges und komisches Jahrhundert zum Leben.

Meine Meinung:
Anfangs wusste ich wirklich nicht, was mir dieses Buch sagen wollte und trotzdem war ich fasziniert von dieser Sprache, die manchmal umständlich und manchmal direkt schildert, wie sich ganze Generationen und einzelne Menschen entwickeln können, welches Leid und welche Freuden einer Familie widerfahren können und wie Menschen mit Schicksalsschlägen umgehen.
Dieses Buch hat mich lange für sich eingenommen, es hat viel Lesezeit von mir gefordert und war ein intensiver und berührender Monatsabschluss für den ersten Monat des Jahres 2019.

Schreibstil und Handlung:
Philipp räumt das Haus seiner Grosseltern aus. Alles kommt in die Tonne. Und während in dieser Gegenwart nichts weiter geschieht, als dass Philipp sich Notizen über längst vergangene Ereignisse zusammenfantasiert und dabei versucht, seine On-Off-Freundin - für die er eigentlich nur der Geliebte ist - ganz für sich zu gewinnen und dabei zwei Schwarzarbeiter beim Räumen des Hauses zu beaufsichtigen, zieht die Zeit träge vorbei und ein regnerischer Frühling geht dabei in einen warmen Sommer über.
In der Vergangenheit aber beobachten wir Philipps Mutter Ingrid dabei, wie sie krampfhaft versucht ihr beiden Kinder, ihre geliebte Arbeit und eine scheiternde Beziehung voller Distanz, sowie einen Alltag in Armut unter einen Hut zu bringen. Vorbei sind die fetten Jahre unter Vaters Fittichen, vorbei die Zeit, in denen Philipps Grosseltern zwar ein Kind verloren und ein zweites vertrieben haben, in denen aber fröhliche Sommer und die Ruhe zwischen zwei Kriegen für ein wenig Unbeschwertheit und zugleich bange Melancholie gesorgt haben.
Drei Generationen, drei Zeitebenen, drei Figuren, die ins Zentrum gerückt werden. Und während die Zeit in den Vergangenheitssträngen gefühlt viel schneller zerrinnt als in Philipps Gegenwart, wird mit vor sanfter Poesie und schwerer Schönheit triefender Sprache eine Geschichte erzählt, die vom Krieg handelt, von Armut und Reichtum, von innerer und äusserer Leere, Vergeben und Schuld. Von Liebe, die manchmal kaum zu bekommen und begreifen ist und die oft mit dem blossen Vorhandensein von Körperlichkeit verwechselt wird und von einer Einsamkeit, die aus den Menschen heraus entsteht und wie eine lautlose Seuche um sich greift.

Meine Empfehlung:
Wahrscheinlich ist dieses Buch perfekt für lange Lesetage in schwüler Sommerhitze, aber auch in den ersten Monat dieses Jahres hat das Buch mit der intensiven und bewegenden Sprache und den drei verschiedenen Zeitebenen wundervoll gepasst. Es hat mich berührt, gefordert und mir spannende Lesestunden beschert.

Zusätzliche Infos:
Titel: Es geht uns gut
Autor: Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, wuchs in Wolfurt/Vorarlberg auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 ist Arno Geiger als freiberuflicher Schriftsteller tätig und nahm 1996 und 2004 am Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil. 1997 debütierte er mit dem Roman ›Kleine Schule des Karussellfahrens‹. 1998 erhielt er den New Yorker Abraham-Woursell- Award, 2005 für ›Schöne Freunde‹ den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Deutschen Buchpreis für ›Es geht uns gut‹. 2008 wurde ihm der Johann Peter Hebel-Preis verliehen, 2011 der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Arno Geiger lebt in Wolfurt und Wien.
Sprache: Deutsch
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: dtv Literatur
Erschienen: 2. Auflage August 2007 (1. Auflage 2005)
ISBN: 978-3-423-13562-7