Rezension: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt - Jesmyn Ward

Beschreibung des Verlages:
Ein großer Roman aus dem amerikanischen Süden, ein zärtliches Familienporträt in einer von Armut und Rassismus geprägten Gesellschaft.
Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben bei ihren Großeltern Mam and Pop an der Golfküste von Mississippi. Leonie, ihre Mutter, kümmert sich kaum um sie. Sie nimmt Drogen und arbeitet in einer Bar. Wenn sie high ist, wird Leonie von Visionen ihres toten Bruders heimgesucht, die sie quälen, aber auch trösten. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt, und der stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Als der weiße Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis entlassen wird, packt sie ihre Kinder und eine Freundin ins Auto und fährt zur »Parchman Farm«, dem staatlichen Zuchthaus, um ihn abzuholen. Eine Reise voller Gefahr und Hoffnung.
Jesmyn Ward erzählt so berührend wie unsentimental von einer schwarzen Familie in einer von Armut und tief verwurzeltem Rassismus geprägten Gesellschaft. Was bedeuten familiäre Bindungen, wo sind ihre Grenzen? Wie bewahrt man Würde, Liebe und Achtung, wenn man sie nicht erfährt?
"Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" ist ein großer Roman, getragen von Wards so besonderer melodischer Sprache, ein zärtliches Familienporträt, eine Geschichte von Hoffnungen und Kämpfen, voller Anspielungen auf das Alte Testament und die Odyssee.

Inhalt:
Eine schwarze Familie an der Golfküste von Mississippi, Jojo, der sich um seine noch sehr junge Schwester kümmert, und ihre Grosseltern Mam und Pop, bei denen die beiden leben. Mam ist schwer an Krebs erkrankt und kann sich auch mit ihrem eigenen Wissen über die Welt der Pflanzen und Geister nicht mehr heilen, Pop zieht sich immer mehr in sich selber zurück, weil er ein schreckliches Geheimnis mit sich herumträgt, das ihn bis in seine Träume verfolgt.
Leonie, die Mutter der Kinder, ist stets unterwegs und arbeitet in einer Bar, um sich ihre Drogeneskapaden zu finanzieren. Manchmal scheint es, als  würde sie ihre Kinder ein wenig vergessen und manchmal sieht sie, wenn sie high ist, ihren verstorbenen Bruder, der mit Trost und Vorwürfen schnell zur Hand ist.
Als Leonie ihre beste Freundin Misty und ihre beiden Kinder ins Auto packt, um die weite Reise zur Parchman Farm, dem staatlichen Gefängnis, anzutreten und dort Michael, den weissen Vater ihrer Kinder abzuholen, zeigt sich, wie sehr Armut, Rassismus, Schuld, Liebe, Verlust, Verachtung, Würde und Hoffnung die Menschheit prägen und ihr Schicksal im Guten und vor allem auch im Schlechten mitbestimmen.

Meine Meinung:
Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, wie sehr mich dieses Buch berührt und mit seiner wuchtigen und zugleich sanften Sprache für sich eingenommen hat.
Sprachliche Bilder und formvollendet auf den wunden Punkt treffende Beschreibungen haben mich mitgerissen und begeistert. Besonders gut gefallen hat mir, wie das Wissen von Mam um die Pflanzenheilkunde und die Geistwelt integriert worden ist. Dieses selbstverständliche Einbinden der verschiedenen Wesen und Mächte, welche die Protagonisten umgeben, hat mich ein wenig an das Buch "Unter dem Frangipanibaum" erinnert, das ich euch ebenfalls sehr ans Herz lege.
Obwohl Mam diese spezielle Gabe aber eingesetzt und sich selber behandelt, hat sie irgendwann keine Kraft mehr, gegen den Krebs anzukämpfen. Sie hat alles versucht, um Leonie ihr Wissen weiterzugeben, aber diese hat nicht alles aufnehmen können und wollen. Dafür hat Jojo die Gabe. Er sieht und spürt, was um ihn herum vorgeht, versteht die Tiere und Pflanzen und sieht auch Leonies verstorbenen Bruder Given und den zwölfjährigen Richie, der damals mit Pop gemeinsam auf der "Parchman Farm" gefangengehalten wurde.
Die Geschichte, die Pop mit Richie verbindet, ist so unvorstellbar grausam, dass Pop sie Jojo nur in ganz kleinen Happen erzählt und diese Geschichte, die zuerst wie ein parallel zur Handlung ablaufender Nebenstrang erscheint, entpuppt sich nach und nach als Rahmenhandlung, die alle anderen Figuren umgibt und sowohl miteinander verbindet, als auch voneinander trennt. Durch all diese Grausamkeiten hindurch, habe ich mich vom Buch an der Hand genommen gefühlt und wenn "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt", mir eines gezeigt hat, dann dass es am Ende immer Hoffnung und Licht geben kann, wenn man aufeinander aufpasst, seine Lieben ganz fest hält und auf seine eigenen Stärken vertraut.

Jojo:
Diese Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und dabei habe ich Jojo am meisten in mein Herz geschlossen. Er wird ein wenig zur Hauptfigur, weil er es ist, welcher die Fäden innerhalb der Familie zusammenhält, weil er seine kleine Schwester Kayla liebevoll und einfühlsam betreut und behütet und weil er als einziger Zugang zu Pop und dessen Gefühls- und Gedankenwelt hat. Weil er sich Zeit nimmt, seine Gabe nutzt und mit seiner jungen und reinen Seele und seinem grossen und liebevollen Herz versucht, stets das Richtige zu tun. Die Gespräche, die Jojo mit Pop führt und die grosse Achtung, die Jojo seinem Pop entgegenbringt, haben mich tief berührt und sind etwas vom Schönsten und Bewegendsten, das mir je in einem Buch begegnet ist.

Meine Empfehlung:
"Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" erzählt die Geschichte einer Familie, die täglich mit Armut und Rassismus konfrontiert ist und dabei stets droht, zu zerbrechen, aber von Jojo und Pop mit aller Kraft zusammengehalten wird. Die Sprache ist roh, wuchtig und überwältigend, die Handlung brutal, grausam und manchmal kaum auszuhalten und trotzdem strahlt dieses Buch eine Zuversicht und Wärme aus, die Hoffnung macht. Ich bin immer noch ganz überwältigt und empfehle euch diesen Schatz von ganzem Herzen weiter.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Originaltitel: Sing, Unburied, Sing
Autorin: Jesmyn Ward, geb. 1977, wuchs in DeLisle, Mississippi, auf. Nach einem Literaturstudium in Michigan war sie Stipendiatin in Stanford und Writer in Residence an der University of Mississippi. Sie lehrt derzeit Englische Literatur an der Tulane University in New Orleans. Jesmyn Ward ist die erste Frau, die zweimal mit dem wichtigsten amerikanischen Literaturpreis, dem National Book Award, ausgezeichnet wurde: für "Vor dem Sturm" (Kunstmann, 2013) und für "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" (Kunstmann, 2018). 2017 wurde ihr auch der MacArthur Genius Grant verliehen.
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen von: Ulrike Becker
Hardcover mit Schutzumschlag: 304 Seiten
Verlag: Verlag Antja Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-224-6

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