Rezension: Generation Haram

Dieses Buch hat mich aus dem Zsolnay-Verlag (Hanser Literaturverlage) erreicht und ich bedanke mich sehr herzlich für dieses Rezensionsexemplar.

Generation Haram - Melisa Erkurt

Beschreibung des Verlages:
„Das Buch von Melisa Erkurt sollte Lektüre werden in der Ausbildung von Pädagog*innen und Lehrkräften. Es zeigt präzise, pragmatisch, konstruktiv die Verfehlungen und Unwegsamkeiten der Bildungssysteme, in denen viele Kinder aus ‚bildungsfremden‘ Familien auf der Strecke bleiben … Eine Wucht!“ Saša Stanišic
Melisa Erkurt ist als Kind mit ihren Eltern aus Bosnien nach Österreich gekommen. Sie hat studiert. Sie arbeitet als Lehrerin und Journalistin. Sie hat es geschafft. Doch sie ist eine Ausnahme. Denn am Ende eines Schuljahres entlässt sie die Klasse mit dem Wissen, dass die meisten ihrer Schülerinnen und Schüler nie ausreichend gut Deutsch sprechen werden, um ihr vorgezeichnetes Schicksal zu durchbrechen. Hier wächst eine Generation ohne Sprache und Selbstwert heran, der keiner zuhört, weil sie sich nicht artikulieren kann. Über den „Kulturkampf“ im Klassenzimmer befinden einstweilen andere. Melisa Erkurt leiht ihre Stimme den Verlierern des Bildungssystems. Nicht sie müssen sich ändern, sondern das System Schule muss neue Wege gehen.

Inhalt:
Melisa Erkurt schreibt über das Schulsystem in Wien, über ihren eigenen Weg bis hin zum Studium, Beruf als Lehrerin und Journalistin. Doch sie gilt als eine Ausnahme, als eine der wenigen "Vorzeigemigrantinnen", welche es in Österreich geschafft, die Sprache gelernt, Karriere gemacht und sich zum Vorbild für zahlreiche Kinder und Jugendliche hochgearbeitet haben. Aber es sind nicht die Eltern, welche ihre Kinder nicht unterstützen können, und nicht die Kultur, welche bei einigen ausländischen Kindern gelebt wird, welche den Kindern Steine in den Weg legen. Es sind auch nicht die Lehrpersonen, welche alleine die Schuld an dieser Misere tragen.
Es ist die Schulpolitik - respektive von bürgerlichen alten, weissen Männern gefällte Entscheide - welche gar nicht erst Spielraum lässt und vor allem für die Zusammensetzung der heute an vielen Orten anzutreffenden Schulklassen überhaupt nicht mehr zeitgemäss ist. Es sind die fehlenden Vorbilder und der gläserne Deckel, welche Kinder und Jugendliche gezielt in ihrem Werden beschneidet und genau dagegen schreibt Melisa Erkurt an. Sie zeigt Missstände auf, erzählt aber auch, welche Dinge und Menschen ihr geholfen haben, ihren Weg zu gehen.

Meine Meinung:
Zuerst einmal muss ich ehrlich sagen, dass ich schockiert bin von den Erlebnissen, die Melisa Erkurt aus ihrer eigenen Erinnerung als Schülerin und Lehrerin beschreibt, vom Rassismus und Sexismus, den sie am eigenen Leib erlebt hat und miterleben musste und auch vom Schulsystem, das wohl an einigen Orten in Wien anzutreffen ist. Auch haben mich die Schilderungen von Erkurts Familienleben sehr stark berührt. Ihr Vater erinnert mich an meinen Schwiegervater und einige der Kommentare und Vorurteile sind mir und meiner Schwiegerfamilie leider nur allzu vertraut, weshalb mich das Buch einige Male zum Weinen gebracht hat.
Was Erkurt an Rassismus - vor allem, aber nicht nur - gegen muslimische Kinder und Lehrpersonen schildert, ist harte Kost und wie gezielt sie auch auf die Sexismuskomponente eingeht (was fast noch verstörender zu lesen ist) und dafür plädiert, Mädchen und junge Frauen endlich zu stärken, ihnen eine Stimme zu geben und alle Jugendlichen - unabhängig von Geschlecht und Herkunft - besser und feministischer aufzuklären und auszubilden, hat mich so viele Ausrufezeichen in dieses Buch malen lassen.

Was lerne ich für meinen Beruf aus diesem Buch?
Es befällt mich eine Ohnmacht, wenn ich daran denke, dass ich auch Teil eines Schulsystems bin und in meinem so kleinen Bereich noch weniger erreichen kann, als Erkurt. Wer lernt ein Instrument an einer Musikschule? Kinder, deren Eltern es sich leisten können. Also in der Regel keine Flüchtlinge, schlecht Deutsch sprechende und nicht mit unserer Kultur vertrauten Kinder (obwohl der Instrumentalunterricht in der Schweiz für genau diese Kinder eigentlich bezahlt werden würde, aber es ist kaum möglich, deren Familien zu erreichen, weil sie oft so sehr beschäftigt damit sind, zu arbeiten und sich und ihre Kinder über Wasser zu halten). Gleichzeitig bin ich aber auch dankbar dafür, in einem eingiermassen stabilen Bildungssystem arbeiten zu dürfen und im Einzelunterricht noch gezielter und viel auführlicher auf jedes Kind eingehen zu können, als Lehrpersonen, welche komplett durchmischte Klassen mit viel zu vielen Kindern in viel zu engen Räumen unterrichten müssen, wie dies an einigen der Schulen geschieht, die Melisa Erkurt schildert.
Was lerne ich aber für mich und meinen Beruf aus dem Buch?
Es ist wichtig, noch sichtbarer zu sein, Eltern noch gezielter zu erreichen (gerade aktuell fast unmöglich) und sie auch auf die Stellen aufmerksam zu machen, welche ihren Kindern den Unterricht bezahlen, sofern er denn stattfinden kann. Ausserdem brauchen die Kinder und Familien Vorbilder und einmal mehr bin ich so froh, dass mein bosnischer Nachname bei Besuchstagen und Instrumentenparcours die Hemmschwelle bei Kindern und Eltern senkt und sie auf mich zukommen lässt.

Meine Empfehlung und Fazit:
Ich werde das Buch wohl noch vielen Menschen empfehlen, es wirft so wichtige Fragen auf und fasst schonungslos zusammen, was alles schief läuft, zeigt aber auch auf, wie dies verändert werden kann. Was wir alle lernen müssen: zu verstehen, dass multilinguale Menschen, die zudem vielleicht noch in mehreren Kulturen zu Hause sind und sich bereits sehr selbstständig um sich und ihre Ausbildung kümmern müssen, weil dies von ihren Betreuungspersonen nicht immer gewährleistet werden kann, in erster Linie eine Bereicherung sind. Nicht nur für unser Bildungssystem, sondern auch für unser alltägliches soziales Leben, unsere Politik und Kultur. Jungen Menschen eine Chance zu geben und an sie zu glauben kann aufreibend und mit vielen Hindernissen verbunden sein, aber nur weil eine Lehrerin ihr Vertrauen in Melisa Erkurt gehabt und sie permanent bestärkt hat, durfte ich dieses Buch lesen und haben so viele Menschen eine Stimme bekommen, die von dem System, in dem sie leben und ausgebildet werden zum Verstummen gebracht worden sind.

Zusätzliche Infos:
Titel: Generation Haram, warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben
Autorin: Melisa Erkurt, geboren 1991 in Sarajevo, war Redakteurin beim Magazin biber und zwei Jahre mit dem biber Schulprojekt „Newcomer“ an Wiener Brennpunktschulen unterwegs. Erkurt unterrichtete an einer Wiener AHS und ist seit September 2019 Redakteurin beim Report (Innenpolitik) im ORF. Sie schreibt eine wöchentliche Kolumne im Falter und ihre Kolumne in der taz heißt „Nachsitzen“.
Fester Einband: 192 Seiten
Sprache: Deutsch
Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 17.08.2020
ISBN: 978-3-552-07210-7

Mein SuB kommt zu Wort, 20.11.20

 "Mein SuB kommt zu Wort"

Hallo ihr Lieben

Es ist wieder so weit und wir sind bei Annas SuB-Aktion dabei. Aktuell ist bei mir sehr viel los und ich muss aufpassen, dass ich auch ab und zu ein wenig zur Ruhe komme, deshalb werde ich dann vielleicht am Sonntagabend oder anfangs nächste Woche einmal in Ruhe zum Stöbern kommen und darauf freue ich mich schon sehr.

Und nun lasse ich SuBrina an die Tastatur und wünsche euch noch einen schönen Abend :-)


Wie groß bist du aktuell (Du darfst entscheiden, ob du nur Print oder eBook & Print zählst)?
Hey ihr Lieben, bei mir gibt es gerade akuten Platzmangel. Mein Frauchen ist beim Shoppen ein wenig eskaliert, hat sich Buchprämien gegönnt und zwei Rezensionsexemplare sind noch hierher unterwegs... In Zahlen ausgedrückt wiege ich gerade 122 Bücher. Bei meiner letzten Teilnahme im Oktober waren das noch 116 Bücher und wir hoffen beide sehr, dass im November und Dezember nicht mehr zu viele Bücher hier einziehen, damit wir doch noch ein wenig auf den zweistelligen Bereich zugehen können...

Wie ist die SuB-Pflege bisher gelaufen – zeig mir deine drei neuesten Schätze auf deinem Stapel!
Livia hat gestern vier Bücher gekauft und heute ist noch eine Buchprämie hier eingezogen, die Fotos sind aktuell noch nicht alle auf dem Computer, deshalb erhaltet ihr heute ausnahmsweise eine Liste der neuen Bücher auf meinem Stapel. Die sollen übrigens alle noch im 2020 gelesen werden:

Kurt - Sarah Kuttner
Nimmroth, TraumLos - Livia Fröhlich
Kaleidra, wer das Dunkel ruft - Kira Licht
Schreibtisch mit Aussicht - Ilka Piepgras (Herausgeberin)
Diese eine Lüge - Dante Medema

 
Welches Buch hat dich als letztes verlassen, weil es gelesen wurde? War es eine SuB-Leiche, ein Reihen-Teil, ein neues Buch oder ein Rezi-Exemplar und wie hat es deinem Besitzer gefallen (gerne mit Rezensionslink)?
Zuletzt gelesen und heute rezensiert wurde die SuB-Leiche "Das Alphabethaus" von Jussi Adler Olsen. Das Buch, das Livia bis heute lesen wollte, um die vierte Aufgabe des letzten Monats zu erfüllen. Knapp geschafft, würde ich einmal sagen.

HIER kommt ihr direkt zur Rezension.
 
Lieber SuB, das Jahr 2020 neigt sich langsam dem Ende zu und jetzt wäre der richtige Zeitpunkt noch schnell ein paar Bücher zu lesen, die unbedingt noch gelesen werden sollten in diesem Jahr. Deswegen zeig uns eben jene Bücher, die deine Besitzerin noch lesen soll!
Diese Bücher hat mein Frauchen für das aktuelle Jahr noch vorgenommen. Es ist uns beiden bewusst, dass dies wohl ein paar Bücher zu viel sind, aber man soll sich ja jeweils hohe Ziele setzen ;-)
Alles diese Bücher sind Neuzugänge aus den letzten Wochen und Monaten. Drückt uns die Daumen.

Und wie sieht das bei euch aus? Habt ihr noch grosse Pläne für das laufende Buchjahr oder geht ihr es eher ruhig an?

Alles Liebe und wir lesen uns bald
SuBrina und Livia

Rezension: Das Alphabethaus

Das Alphabethaus - Jussi Adler Olsen

Beschreibung des Verlages:

Der internationale Bestseller von Jussi Adler-Olsen

Der Absturz zweier britischer Piloten hinter den feindlichen Linien …
Ein Krankenhaus im Breisgau, in dem psychisch Kranke als Versuchskaninchen für Psychopharmaka dienen …
Die dramatische Suche eines Mannes nach seinem Freund, den er dreißig Jahre zuvor im Stich gelassen hat …
»Eine unfassbare Geschichte: die Schrecken des Krieges und das Schicksal psychisch zutiefst beschädigter Patienten einer Nervenheilanstalt auf der einen Seite, die Freundschaft zweier englischer Piloten und die Suche nach einem Verschwundenen auf der anderen, gehört zum Besten, was Jussi Adler-Olsen je geschrieben hat. Wie er das groteske Elend der Patienten einer Nervenklinik als Folge des Krieges schildert, ist anrührend und beklemmend zugleich. Man liest das Buch mit allen Sinnen.« Ingrid Brekke in ‚Aftenposten‘

Inhalt:
Bryan und James, zwei britische Piloten, stürzen über Deutschland ab und überleben wie durch ein Wunder. Bei ihrer Flucht vor den deutschen Truppen schaffen sie es, auf einen Sanitätszug aufzuspringen. Dort verstecken sie sich in einem Wagen mit lauter ranghohen deutschen Offizieren, welche als geisteskrank eingestuft worden sind. Sie nehmen die Identität zweier dieser Männer an und geben sich fortan ihrem unbestimmten Schicksal hin. In Freiburg im Breisgau landen sie in einem Krankenhaus, das mit den damaligen fragwürden Methoden versucht, psychische Erkrankungen zu behandeln und in dem ausserdem Medikamente getestet werden. Schnell stellt sich heraus, dass Bryan und James nicht die einzigen Simulanten sind und dass dieser Umstand sie in Lebensgefahr bringt.
Dreissig Jahre später schaut ein in England lebender Mann auf sein Leben zurück und erinnert sich mit grossem seelischem Schmerz und nagenden Gewissensbissen an seinen Freund, den er in einer ausweglosen Situation zurückgelassen hat. Ein letztes Mal begibt er sich auf Spurensuche um mit seiner Vergangenheit aufzuräumen und seine Schuld ein für alle mal zu tilgen. Er reist dazu nach Deutschland und begegnet den Geistern seiner Vergangenheit wieder, welche sich als reale Bedrohung für Leib und Leben entpuppen.

Ein erster Eindruck:
Ich habe dieses Buch mit gemischten Gefühlen zur Hand genommen, schliesslich habe ich bisher nicht sehr viele gute Rezensionen dazu gelesen. Die eher negativen Meinungen stammen vor allem von Menschen, welche dir Krimis des Autors sehr gerne gelesen haben und die teilweise auch ganz andere Erwartungen an den Roman hatten. Ich selber habe noch kein anderes Buch von Jussi Adler Olsen gelesen und weiss jetzt schon, dass ich das bald tun möchte, schliesslich besitzt mein Vater einen grossen Teil seiner Kriminalromane und der Schreibstil hat Lust auf mehr in mir geweckt. So kann ich aber in Bezug auf dieses Buch sagen, dass ich keinerlei Erwartungen an den Stil und die Handlung hatte und insgesamt positiv überrascht worden bin.
Das Buch ist in zwei Teile unterteilt, von dem sich vor allem die Szenen im Krankenhaus und davon vor allem die endlosen und sich wiederholenden Schilderungen des Tagesablaufs der Patienten sehr stark in die Länge ziehen. Da hätte man das Buch definitiv ein wenig raffen können, gleichzeitig denke ich mir aber, dass der Autor bewusst mit diesen Längen spielt, weil der Alltag den Patienten ja wohl auch unendlich lange vorgekommen sein muss und dies lässt uns die Schrecken und Quälereien, welche die Männer über sich ergehen lassen mussten, noch besser nachempfehlen.

Der zweite Teil:
Im zweiten Teil, in dem ein Mann auf sein Leben zurückblickt und sich auf eine gefährliche Spurensuche macht, die er nicht selten nur knapp überlebt, kommt dann noch einmal eine ganz andere Qualität des Autors zum Vorschein und man kann das kriminalistische Potenzial, das in Jussi Adler Olsen steckt, definitiv schon sehr gut erkennen.
Ein weiterer eher grosser Kritikpunkt, der mir in einigen Rezensionen begegnet ist und den ich gar nicht nachvollziehen kann, ist die Handlung, welche auf einige Leser:innen sehr unwahrscheinlich gewirkt hat. Da muss ich vehement widersprechen: ich habe schon zahlreiche Tatsachenromane aus der Zeit des zweiten Weltkriegs gelesen und es gibt wirklich die unwahrscheinlichsten Zufälle und Fügungen, die eben genau ausmachen, ob und unter welchen Umständen jemand überlebt oder nicht. Von dem her würde ich das Buch in diesem Bereich nicht zu stark kritisieren.
Eher kamen auch im zweiten Teil einige Längen auf und ich kann mir gut vorstellen, dass die Geschichte - deren Plot grandios ist und die auf äusserst fundierten Recherchen beruht und auch noch über ein Nachwort verfügt, das auf zahlreiche im Buch thematisierten Geisteskrankheiten und deren Klassifizierung eingeht, sowie enorm viele Quellen nennt - auch auf knapp drei- bis vierhundert Seiten genau so gut, respektive ziemlich sicher sehr viel besser hätte erzählt werden können.

Meine Empfehlung:
Einigen Längen und äusserst anstrengend aber auch brutal zu lesenden Szenen zum Trotz hat mir dieses Buch ziemlich gut gefallen. Es lässt das grosse schriftstellerische Potenzial (und dabei vor allem auch das kriminalistische Potenzial, das Olsen letztendlich berühmt gemacht hat) vermuten und erzählt eine Geschichte, die grandios recherchiert ist, einen wichtigen und oft vergessenes Kapitel des 20. Jahrhunderts beleuchtet und die Geschichte einer starken Freundschaft, von Schuld, Vergebung, Eigeninitiative, Flucht und Rettung erzählt.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Das Alphabethaus
Originaltitel: Alphabethuset
Autor: Jussi Adler-Olsen wurde am 2. August 1950 unter dem bürgerlichen Namen Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen in Kopenhagen geboren. Er studierte Medizin, Soziologie, Politische Geschichte und Film. Bevor er 1995 mit dem Schreiben begann, arbeitete er in verschiedensten Berufen: als Redakteur für Magazine und Comics, als Koordinator der dänischen Friedensbewegung, war Verlagschef im Bonnier-Wochenblatt TV Guiden und Aufsichtsratsvorsitzender bei verschiedenen Energiekonzernen. Sein Hobby: Das Renovieren alter Häuser. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes.
Sprache: Deutsch
Aus dem Dänischen von: Hannes Thiess und Marieke Heimburger
Klappenbroschur: 592 Seiten
Verlag: dtv premium
Erscheinungstermin: 1. Februar 2012 (Deutsche Erstausgabe)
ISBN: 978-3-423-24894-5

Rezension: Tod in Florenz

Tod in Florenz - Magdalen Nabb

Beschreibung des Verlages:
Welcher Tourist träumt nicht davon, einfach in Florenz zu bleiben? Elisabeth Stauffer und Monika Heer sind geblieben, beide ursprünglich Lehrerinnen und zum Italienischlernen nach Florenz gekommen. Die eine hilft in einem Büro aus, die andere bei einem Töpfer in einer nahen Kleinstadt. Doch seit drei Tagen ist die bildhübsche Monika spurlos verschwunden. Maresciallo Guarnaccia setzt sich mit seinem Kollegen in der Provinz, Niccolini, in Verbindung, einem jovialen Römer, der nach einem Jahr im Norden immer noch Mühe hat, die vielfältigen Beziehungen in dem kleinen Städtchen zu durchschauen. Maresciallo Guarnaccia aber helfen sein Einfühlungsvermögen und seine Beobachtungsgabe, den Fall schließlich zu lösen.

Inhalt:
Eine junge Frau verschwindet in der Umgebung rund um Florenz, ein Schürzenjäger soll seine Finger im Spiel haben und im Dorf erhitzen längst vergangene aber alles andere als vergessene Geschichten aus der Zeit des zweiten Weltkriegs die Gemüter. Der besonnene und einfühlsame Maresciallo Guarnaccia und sein vor Fröhlichkeit strotzender Kollege in der Provinz, Niccolini, nähern sich bei gutem Essen und einem Glas Wein der Lösung des Falles und der Dorfbevölkerung an, was definitiv ein Schritt in die richtige Richtung ist und Staub aufwirbelt, der noch einiges in Bewegung versetzen wird.

Meine Meinung:
Ich war mir lange nicht sicher, ob ich dieses Buch lesen sollte oder nicht. Der SuB ist gross und grösser, das Buch schon älter und die Autorin war mir bis vorhin komplett unbekannt. Kennt denn jemand von euch Magdalen Nabb und ihre scheinbar sehr berühmte und hochgelobte Krimireihe um Maresciallo Guarnaccia?
Ich bin froh, habe ich allen Unsicherheiten zum Trotz zu "Tod in Florenz" gegriffen. Das Buch liest sich nur so weg, ist spannend geschrieben, sehr vielschichtig und gesellschaftskritisch und wirft Themen auf, die auch heute noch aktuell sind. Eine sehr ausführliche Szene im Mittelteil, in der eine Figur ihre halbe Lebensgeschichte und einen Teil der Geschichte der weiteren in den Fall involvierten Figuren erzählt, war mir ein wenig zu langatmig gestaltet, aber die persönlichen kleinen Dramen, die zu den diversen geschilderten Verbrechen geführt haben, sind äusserst tragisch, einfallsreich konstruiert und nachvollziehbar geschildert.
Der Kommissar und vor allem auch seine Familie, die oft nur in Nebensätzen auftaucht, sind mir insgesamt ein wenig zu blass geblieben und ich bin mir sicher, dass die neueren, überarbeiteten Ausgaben noch ein wenig passender und zeitgemässer formuliert sind, aber insgesamt scheint es mir, als hätte ich da eine Autorin entdeckt, deren eher grosses Werk, das in nur ganz wenigen Lebensjahren entstanden ist, sicher noch einige spannende Bücher beinhaltet.

Sprache:
Es ist sicher so, dass ich in den letzten Jahren ein wenig sensibler geworden bin, was die Sprache, in der meine Lektüren geschrieben sind, anbelangt. Somit fällt ganz klar auf, dass dieses Buch schon fast dreissig Jahre alt ist und dies erkennt man nicht nur durch die fühl- und sozusagen "sichtbaren" Zeichen der Zeit, in der es spielt, sondern auch an der Sprache, in der die Geschichte erzählt ist. Dabei sticht vor allem das sehr traditionelle, zu dieser Zeit und wohl auch in Italien übliche, Rollenbild (oder kocht Brunetti jemals selber? Sicher nicht in einem der ersten Bände) ins Auge. Guarnaccias Frau umsorgt und bedient ihn und seine Kinder nach Strich und Faden. Egal, wann er nach Hause kommt, das Essen steht bereit. Nach dem Essen setzt er sich vor den Fernseher und sie räumt auf. Ja, das hatte vielleicht mal Charme, aber mittlerweile irritiert das beim Lesen sogar ein wenig, was mich oft zum Schmunzeln gebracht hat.

Meine Empfehlung:
Dieses Buch hat mich definitiv positiv überrascht und ich werde meine Augen beim Stöbern in offenen Bücherschränken und gebrauchten Büchern offen halten und sicher wieder einmal zu einem Kriminalroman von Magdalen Nabb greifen. Dann aber nach Möglichkeit in der schönen und sicher auch ein wenig überarbeiteten Neuauflage aus den letzten zwei bis drei Jahren.

Zusätzliche Infos:
Titel: Tod in Florenz
Originaltitel: The Marshal and the Murderer
Autorin: Magdalen Nabb, geboren 1947 in Church, einem Dorf in Lancashire, England, gestorben 2007 in Florenz. Sie studierte an der Kunsthochschule in Manchester und begann dort zu schreiben. Seit 1975 lebte und arbeitete sie als Journalistin und Schriftstellerin in Florenz.
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen von: Monika Elwenspoek
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag:Diogenes
Erschienen: 1992 (Deutsche Erstausgabe)
ISBN: 3-257-22550-4

Rezension: Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind

Dieses Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag Kiepenheuer & Witsch zur Verfügung gestellt.
Vielen herzlichen Dank.

Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind - Esther Safran Foer

Beschreibung des Verlages:

Esther Safran Foer ist die Mutter des Bestsellerautors Jonathan Safran Foer, der mit seinem weltweit gefeierten Debüt »Alles ist erleuchtet« den Grundstein legte für dieses mutige Memoir. Sie begibt sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer Familie, die in der schrecklichen Dunkelheit des Nationalsozialismus begraben wurde. Ein Buch gegen das Vergessen. Als Esthers Mutter beiläufig offenbart, dass ihr Mann eine frühere Frau und Tochter hatte, die beide im Holocaust ermordet wurden, beschließt Esther herauszufinden, wer sie waren und wie ihr Vater überlebt hat. Nur mit einem Schwarzweißfoto und einer handgezeichneten Karte reist sie zusammen mit ihrem Sohn in die heutige Ukraine, um das Shtetl zu finden, in dem sich ihr Vater während des Krieges versteckt hatte. Diese Reise wird ihr Leben für immer verändern und sie wird es Esther ermöglichen, endlich richtig zu trauern. Sie findet in der Ukraine tatsächlich die Nachfahren der Menschen, die ihren Vater versteckt hatten und erfährt sogar den Namen ihrer Halbschwester. Eine bewegende Geschichte von einer Frau auf der Suche nach ihrer Familie, aber auch von vier Generationen von Überlebenden, Geschichtenerzählern und Gedächtniswächtern, die entschlossen sind, nicht nur die Vergangenheit am Leben zu erhalten, sondern auch die Gegenwart mit Leben zu füllen.

Inhalt:
Bei der Lektüre dieses Buches wird bewusst, wie wichtig Erinnerungen, Fotos, Erzählungen und gemeinsame Erlebnisse für eine Familie sind und dass Menschen und ihre Leben tatsächlich nicht nur in Vergessenheit geraten, sondern komplett ausgelöscht werden, wenn man ihre Namen nicht mehr kennt und wenn es niemanden mehr gibt, der ihre Geschichte erzählen kann. Gerade für viele Überlebendes des Holocaust - unter anderem für die Autorin Esther Safran Foer - ist es von zentraler Bedeutung, die Namen ihrer teilweise unbekannten Angehörigen zu erfahren, die Geschichte ihrer Vorfahren kennenzulernen und weiterzuerzählen, egal, welches Grauen ihr innewohnt. Esther Safran Foer unternimmt mit ihrem Sohn Frank eine Reise in die heutige Ukraine und zugleich in das Leben ihres Vaters und dessen ersten Frau. Sie lernt die Menschen kennen, die gemeinsam mit ihren Angehörigen geflüchtet sind oder die geholfen haben, ihre Familie zu verstecken und indem sie Licht in diese sehr persönliche Dunkelheit bringt, gelingt es ihr auch, sich zu verabschieden und die Andenken ihrer verstorbenen Familie in Würde zu wahren.

Meine Meinung:
Ich kann schwer in Worte fassen, was dieses Buch in mir ausgelöst hat und eigentlich wollte ich es auch schon pünktlich zum Erscheinungstermin beenden. Dies war mir allerdings nicht möglich, weil die Geschichten, welche Esther Safran Foer erzählt, definitiv keine leichte Kost sind. Ich stelle es mir unendlich schmerzvoll vor, nicht annähernd alle Mitglieder der engen Familie zu kennen und zu wissen, dass einige von ihnen ein so schreckliches Schicksal erlitten haben. Obwohl die Autorin es schafft, die schlimmsten Gräuel eher nüchtern zu schildern, musste ich beim Lesen doch einige Male pausieren. Auch gelang mir vor allem der Einstieg in "Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind", nicht so leicht. Sehr viele Namen und Jahreszahlen, sowie Verwandtschaftsbeziehungen werden oft einige Male wiederholt und wild durcheinandergewirbelt. Der Stammbaum im Anhang hilft nur bedingt, da im Laufe der Erzählung noch zahlreiche weitere Personen, unter anderem Menschen, welche der Familie Foer an irgendeinem Punkt ihres Weges geholfen haben, erwähnt werden.
Erst im letzten Drittel des Buches, der den entscheidenen Durchbruch bei der Suche nach Verwandten und guten Geistern thematisiert, beginnt die Erzählung zu fliessen und dies passt eigentlich hervorragend zur erzählten Geschichte, weil man spürt, dass die Autorin an diesem Punkt der Erzählung zum ersten Mal ein wenig zur Ruhe kommt, aufatmet, die Luft ausströmen lässt und beginnt, die einzelnen losen Enden ihrer Familiengeschichte, die am Anfang des Buches noch für Verwirrung gesorgt haben, in Gedanken zu verknüpfen. Ist dieser Aufbau Zufall oder ein absoluter Geniestreich der Autorin? Letztendlich spielt das gar keine Rolle mehr, denn mit jeder weiteren Seite spürt man beim Lesen förmlich, wie Erleichterung, Dankbarkeit aber auch tiefe Trauer sie durchströmen und wie eine Art Frieden mit dem Schicksal geschlossen wird. Gerade diese letzten paar Seiten haben mich tief berührt und lassen mich voller Achtung für Esther Safran Foer und ihre mutige Reise, ihre positive Lebenshaltung und ihr tiefes Vertrauen in ihre Familie zurück.

Meine Empfehlung:
In "Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind", schreibt Esther Safran Foer nicht gegen das Vergessen an, wie ich jetzt schon einige Male gelesen haben, sondern rettet vielmehr das Erinnern, Erzählen und Bewahren. Obwohl sich vor allem der Anfang des Buches nicht ganz einfach liest, weil die zahlreichen Namen und Daten, die losen Ende in der Familiengeschichte, für Verwirrung sorgen und obwohl die Autorin keine leichte, sondern eine äusserst tragische, bewegende Geschichte erzählt, hat dieses Buch etwas enorm Versöhnliches an sich und strahlt eine grosse Ruhe und Kraft aus. Von mir gibt es eine herzliche Leseempfehlung für dieses wichtige Werk. 

Zusätzliche Infos:
Titel:
Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind
Originaltitel: I want you to know we're still here
Autorin: Esther Safran Foer war die Geschäftsführerin von Sixth & I, einem Zentrum für Kunst, Ideen und Religion. Sie lebt mit ihrem Mann in Washington, D.C. Sie sind die Eltern von Franklin, Jonathan und Joshua und Großeltern von sechs Enkelkindern.
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen von: Tobias Schnettler
Fester Einband mit Schutzumschlag: 288 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungstermin: 05.11.2020
ISBN: 978-3-462-05222-0