Anti Müller - Yade Yasemin Önder
Beschreibung des Verlages (stark gekürzt):
„Liebe
ist die Illusion, dass die aktuelle Beziehung hält, und die nach ihrem
Ende nur durch eine neue Illusion in Form einer neuen Liebe zur
Desillusion werden kann.“
In ihrem neuen Roman erzählt Yade
Yasemin Önders seziert mit großer poetischer Präzision die Mechanismen
moderner Beziehungen. Im Zentrum steht eine Mittdreißigerin, die um eine
Beziehung, ihren Wunsch nach Familie und ihren Drang nach Geborgenheit
kämpft.
Doch
Anti Müller erzählt nicht nur von der Suche nach Liebe und Nähe. Dieser
Roman nimmt auch einen vermeintlich feministischen Kulturbetrieb ins
Blickfeld, der nach wie vor den Männern die Regie überlässt.
Unter
den lackierten Nägeln der sanften Vollstrecker verkrusteter Strukturen
lauert noch immer der Schmutz des Patriarchats. Mit sprachlicher
Genauigkeit legt Yade Yasemin Önder offen, wie sich diese
Machtverhältnisse in Beziehungen, im Kulturbetrieb und im Umgang mit
weiblichen Körpern fortschreiben.
Anti
Müller verbindet die persönliche Geschichte einer Mittdreißigerin mit
einer scharfen Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Der Roman
fragt, wie frei Beziehungen wirklich sind und wer bestimmt, was auf den
Bühnen und über die Körper geschieht.
Inhalt:
Die namenlose Protagonistin schreibt ihren ersten Roman und sucht nach einer zerbrochenen Beziehung einen neuen Partner, mit dem sie ihren Kinderwunsch verwirklichen kann. Unter anderem kommt sie Andi Müller näher, der bereits Zwillingsvater ist und gerade als Schauspieler durchstartet. Er vertröstet sie lange und sie bemerkt, dass sie nicht nur droht, sich selber zu verlieren, sondern dass ihr in dieser schwierigen Mischung aus Abhängigkeit und Selbstbestimmtheit auch die Zeit davonrennt.
Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich innerhalb von kürzester Zeit inhatiert und auch wenn wohl einige Lesenden den Schreibstil als nicht so zugänglich empfunden haben, habe ich mich beim Lesen perfekt abgeholt, unterhalten und nachdenklich gestimmt sowie wütend gemacht gefühlt. Schicht für Schicht gelingt es, Yade Yasemin Önders, Machtstrukturen innerhalb von (vor allem hetero-)Beziehungen auf den Punkt zu bringen und sie macht ihren "Müller" zu genau der Figur Mann, die eigentlich verstanden hat, wie Feminismus funktioniert, die mit dem Kinderwunsch der Partnerin aber zufällig ein Druckmittel in die Hände gespielt bekommen hat und dieses auch bewusst und unbewusst ausnutzt. Unsere Protagonistin hingegen ist selbstbestimmt und wird beruflich immer erfolgreicher, sie geniesst ihre Freiheiten, Tinderdates und die Selbstbestimmung über ihre Beziehungen, ihr Leben und ihren Körper und sucht gleichzeitig nach einem sicheren Hafen, den sie in einer eigenen Familie vermutet. Dies ist schmerzhaft und einige Szenen haben mich an einen schwierigen Besuch in einer Kinderwunschklinik an der Seite einer lieben Freundin erinnert. An den von der Ärztin erstellen Ausdruck mit den Berechnungen der Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft in ihrer zitternden Hand und an die anderen Frauen im Wartebereich, einige davon tränenüberströmt, andere hochschwanger...
Das Buch lässt aber auch in einen Kulturbetrieb blicken, den ich selber nur zu gut kenne und der immer wieder vorgibt, sich selber zu überdenken und überarbeiten, zu modernisieren und für mehr Diversität und Inklusion einzustehen. Was er ehrlich gesagt stellenweise auch tut und dies sogar auf überzeugende Art. Wenn es dann um Ruhm, Preisgelder oder aber auch Shitstorms geht, ist allerdings immer ganz klar gegendert, wer davon am meisten abbekommt.
Und als wäre alle dies noch nicht Inhalt genug, schafft es Önders auch noch, eine weitere Ebene ins Spiel zu bringen. Ihre Protagonistin ist nämlich mit immer wieder streitenden und immer wieder getrennten Eltern aufgewachsen und ihre Mutter hat eine Migrationsgeschichte. So wächst die Protagonistin mit und auch wieder nicht mit Migrationshintergrund auf und weigert sich, sich ausschliesslich darüber zu definieren, wie dies so viele andere Autoren (gendern nicht nötig) tun, er ist aber natürlich trotzdem Teil von ihr.
Das Buch hat so vieles lustige Szenen, wie die "toten" Exfreunde der Protagonistin. Aber dieses Buch ist auch extrem traurig und aufrüttelnd und zeigt eine gleichzeitig zur erfolgreichen Karriere stattfindende Leere und Zerrissenheit, mit der sich wohl viele Frauen Mitte Dreissig herumschlagen, die aber noch kaum so gut in Worte gefasst worden ist, trotzdem verliert es nie einen auch irgendwie hoffnungsvollen Ton. Und dann überzeugt das Buch auch noch sprachlich. Mal kommt es derb und brutal, bissig und böse daher, mal dominieren die leisen Töne und lassen Raum für eigene Gedanken.
Meine Empfehlung:
Das Buch habe ich nicht nur zu einem für mich perfekt passenden
Zeitpunkt gelesen - nämlich nach "Das kunstseidene Mädchen" und vor
"Heult leise, Habibis" - , es ist auch generell absolut zurecht auf der
Longlist des Deutschen Buchpreises. Unbedingte Empfehlung!
Zusätzliche Infos:
Titel: Anti Müller
Autorin: Yade Yasemin Önders Theaterstück Kartonage wurde 2017 zu den
Autor*innentheatertagen Berlin eingeladen und am Wiener Burgtheater
uraufgeführt. 2018 erhielt sie den Hauptpreis für Prosa beim open mike.
Ihr Debütroman Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron
(2022, KiWi) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem
Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für
den ZDFaspekte-Literaturpreis. 2023 erhielt sie das Werkstipendium des
Deutschen Literaturfonds. 2024 erschien der Kollektivroman Wir kommen, dessen Mitautorin sie ist.
Sprache: Deutsch
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 240 Seiten
Verlag: park x ullstein
Erscheinungstag: 26.02.2026
ISBN: 9783988160652

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