Rezension: Schindlers Lift


Schindlers Lift - Darko Cvijetić

Beschreibung des Verlages:

m Jahr 1975, als sie bezogen wurden, rochen die zwei Hochhäuser noch. Das Rote hatte 13 Etagen. Und um das Unglück nicht zu beschwören, benannten die Einwohner die erste Etage in „Galerie“ um. Bevor sie zu den Hochhäusern des Todes wurden, feierte man hier gemeinsam Errungenschaften und Erfolge der Arbeiterklasse und übte sich in Solidarität. Denn dort wohnten Lehrerinnen und Ärzte neben Bergbauarbeitern, Bosniaken neben Serben, Kroaten... Dort wohnte eine verdichtete Vorstellung von Jugoslawien und des multikulturellen Bosniens.
Die Aufzüge standen für die Anwohner als Zeichen der Urbanisierung und als Beweis des städtischen Lebens. 15 Jahre später begleiteten sie unerwünschte Mitbewohner zur Hinrichtung oder wurden sogar selbst zur Guillotine. Zusammen mit den Schornsteinen der umliegenden stillgelegten Fabriken bilden sie heute wie Grabmäler die Kulisse der kleinen bosnischen Stadt Prijedor und erinnern uns daran, wie eine einzigartige Welt durch den nationalistischen Terror besiegt wurde. 32 erzählerische Fragmente bilden eine Struktur, in denen die zwei Hochhäuser mehr als Romanfiguren denn als reine Handlungsorte fungieren. Eine Miniatur, welche die nicht erzählte bosnische Tragödie und das Verschwinden einer Epoche wiedergibt. 
„Schindlers Lift“ ist das erste prosaische Werk (2018) des in Prijedor/Bosnien-Herzegowina lebenden Theatermachers und Dichters Darko Cvijetić. Der in bosnischer Sprache verfasste Originaltext wurde von dem bildenden Künstler und Schriftsteller Adnan Softić ins Deutsche übersetzt und erscheint im Juli 2020.

Zum Glück habe ich dieses Buch nicht alleine gelesen...
Zuerst einmal möchte ich Kata dafür danken, dass sie dieses Buch mit mir gelesen und diskutiert hat. Wir beide sind auf unterschiedliche Weise mit dem ehemaligen Jugoslawien verbunden und haben uns auf einer Ebene austauschen können, die vom gegenseitigen Verständnis und geteilten Erfahrungen lebt. Dafür bin ich sehr dankbar, schliesslich ist "Schindlers Lift" keine leichte Kost und diese mini-Leserunde hat es uns ermöglicht, über die aufwühlenden Ereignisse zu sprechen, die im Buch geschildert werden.

Sobald der Krieg mit seinem Stiefel das Treppenhaus betrat, zog Obrad die Uniform an und stellte sich bis an die Zähne bewaffnet und erbost vor das Gebäude.
- S. 45 -


Meine Meinung:
Zwei Hochhäuser, die im Buch abwechslungsweise als Protagonisten, Handlungsorte, Mahnmal, Zeugen, Friedhof aber auch Überlebende fungieren, werden von Darko Cvijetić ins Zentrum seiner Erzählung gestellt. Diese Wahl ist wohlüberlegt: obwohl im Buch immer wieder geschildert wird, welche Gräueltaten die beiden Hochhäuser miterlebt (und sogar "begangen") haben, obwohl auch gezeigt wird, wer diese Taten begangen und wem dieses Unrecht angetan worden ist, so bleiben die Hochhäuser doch neutral. Es findet keine Verurteilung im eigentlichen Sinne statt, die Innenschau in die Figuren fehlt - obwohl so viele Schicksale und Geschichten, so viele namentlich genannte Figuren darin auftauchen - und dadurch geht es immer auch um ein Kollektiv und nicht in erster Linie um das Individuum selber. Was in Prijedor geschehen ist, was der nichtserbischen Bevölkerung angetan worden ist, ist in ganz Bosnien geschehen. Manchmal mit anderem Ausgang (aber wirklich gut ging es nie aus), manchmal - das muss man ehrlich sagen - mit vertauschten Rollen, manchmal in abgeschwächter, manchmal in noch intensiverer Form, manchmal mit Beteiligung von ausländischen Mächten, Söldnern, manchmal, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Diese Geschichte ist die Geschichte Bosniens. So oder ähnlich ist Bosnien immer betroffen und so oder ähnlich sind die Erinnerungen in allen Menschen dieses Landes, klaffen die Lücken sichtbar oder unsichtbar, wo man in Bosnien steht und geht.

Und die Mutter von Rambo Mr
šić und Milka, deren Sohn sie in Bihać vor ihren Augen getötet haben...
Sitzen auf einer Bank und warten.
Neben den Bänken wuchsen diese Kinder auf.
Der Priester betrat das Hochhaus, ordnungsgemäss angekündigt durch eine Todsanzeige an der Tür.
Im Jenseits, auf einer noch schmaleren Bank, warten die Söhne auf sie.

- S. 84 -


Cvijetić zeigt aber auch auf, wie das Leben vor dem Krieg war und wie es nachher weitergeht. Spuren bleiben, Erinnerungen, Verletzungen, Verluste, Lücken, aber das Leben geht weiter. Nie mehr, wie vorher, nie mehr ohne die Gedanken an das Vergangene, diess ausgelöschte Glück, diese zerstörten Schönheiten, aber mit einer - den Menschen in Bosnien eigenen - Art, nach vorne zu blicken, zu erzählen, den Humor zu behalten und in gemächlichem aber vorwärtsgerichtetem Tempo weiterzumachen.

Sprache:
Auch sprachlich ist dieses Buch eine Wucht. Zeitweise fühlt es sich an, als würde man mit einer Gruppe Leuten zusammensitzen und alle würden ihre Geschichten erzählen. So wird aus den tragischsten Erlebnissen eine Art absurde, fast humorvolle Erzählung, die den Überlebenden vorbehalten ist und die immer dort, wo die Geschichte so schrecklich ist, dass man nicht mit Worten ausdrücken kann, was geschehen ist, still wird. Die so entstehenden Leerstellen werden mit einer weiteren Geschichte, die oft äusserst unterhaltsam scheint und deren Schrecken man erst auf den zweiten Blick erkennen kann, überbrückt. Diese Erzählweise begegnet mir in Bosnien und in der Literatur aus dem ehemaligen Jugoslawien oft. Sie ist eine einzigartige Mischung aus der Mentalität, der über Jahrhunderte hinweg kultivierten Kunst des Erzählens und aus den gemeinsamen Erlebnissen, welche die Erzählenden verbindet.
Dass Cvijetić vor allem auch für seine Gedichte berühmt ist, zeigt sich auf jeder einzelnen Seite dieses Buches. Er schafft es, die Menschen und ihre Geschichten auf berührende und bildhafte Weise zu beschreiben und verwendet dabei immer wieder Formulierungen, welche mir den Atem haben stocken lassen. Ein Lob geht deshalb auch an den Übersetzer Adnan Softić, der Cvijetićs Worte feinfühlig in die Deutsche Sprache übertragen hat und an den Verlag, welcher einzelne Formulierungen und Worte im Original belassen und mit Fussnoten versehen hat, die dem besseren Verständnis dienen.

Ich sagte ihr und übertönte den Wind, dass ich mich an Stojankas schrecklichen Tod erinnerte und dass ich mir selbst das Versprechen gegeben habe, einmal ein Buch zu schreiben, etwas wie "Schindlers Lift".
- S. 93 -


Meine Empfehlung:
"Schindlers Lift" ist nicht nur schriftstellerisch, sondern auch inhaltlich ein einzigartiges Buch. Die spezielle Perspektive ermöglicht eine ganz eigene, unvoreingenommene Sicht auf die Geschehnisse in Prijedor, das stellvertretend für ganz Bosnien steht. Mit mächtigen, packenden Worten erzählt Cvijetić und es fühlt sich an, als würde man einem Bekannten bei einem starken Kaffee zuhören und zugleich in eine ganz eigene, überragend erzählte, Sprache eintauchen. Dieses Buch empfehle ich euch von Herzen weiter. Lest es und ihr werdet so viele Dinge verstehen. Und meldet euch, wenn ihr nach der Lektüre Redebedarf habt.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Schindlers Lift
Originaltitel: Schindlerov Lift
Autor: Darko Cvijetić wurde am 11. Januar 1968 im Dorf Ljubija Rudnik in Bosnien-Herzegowina geboren. Er schreibt Gedichte und Kurzgeschichten, ist Regisseur und Dramatiker am  Theater in Prijedor. Seine Gedichte wurden übersetzt in: Französisch, Englisch, Deutsch, Slowenisch, Hebräisch, Albanisch, Ungarisch, Polnisch, Mazedonisch und Jiddisch. Seit 2013 gibt er den Literaturblog "Hypomnemata" heraus. Er ist Mitglied des P.E.N. Zentrum von Bosnien und Herzegowina, dem Schriftstellerverband von Bosnien und Herzegowina und der Kroatischen Schriftstellerverband.
Sprache: Deutsch
Aus dem Bosnischen von: Adnan Softić
Fester Einband: 100 Seiten
Verlag: adocs
Erscheinungsdatum: 7/2020
ISBN:
9783943253344

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