Rezension: Als wir im Regen tanzten

"Als wir im Regen tanzten" von Michaela Saalfeld ist ein Rezensionsexemplar aus dem Verlag Bastei Lübbe, das ich in einer Leserunde der Lesejury lesen durfte, vielen Dank.
 
Als wir im Regen tanzten - Michaela Saalfeld
 
Beschreibung des Verlages:
1928. Berlin pulsiert, gilt als Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Schauspielerin Recha und der Regisseur Willi zur Nieden sind das Traumpaar der Metropole und ihrer blühenden Filmwelt. Hinter der Fassade bröckelt es jedoch. Die Nationalsozialisten gewinnen immer mehr an Zustimmung, auch durch die Filme der vom Großindustriellen Hugenberg übernommenen UFA. Als Jüdin ist Recha unmittelbar betroffen. Willi jedoch verschließt die Augen, und das einstige Traumpaar entfremdet sich. Werden die beiden trotz allem neu zueinander finden - oder verlieren sie einander, während die Welt um sie herum ins Wanken gerät?
Liebe und Hoffnung, Mut und Verzweiflung - der große Berlin-Roman zur Weimarer Republik
 
Inhalt:
Recha und Willi, das einstige Traumpaar der Stummfilmgeschichte, gerät in eine berufliche und persönliche Krise. Willis Schwester Felice hingegen steht als Vorzeigemutter und Karrierefrau mit ihrer glücklichen Ehe als Gegenpol da, aber auch in ihrem Leben kommen Steine ins Rollen, die sie vor einige schwere Entscheidungen stellen.
Vor allem die Entwicklung vom Stummfilm zum Tonfilm aber auch die persönlichen Hadereien der Figuren mit ihrem Leben rücken dabei unschön und eindimensional ins Zentrum, während die Verankerung in der Zeit leider absolut zu kurz kommt. Ausserdem ist dieses Buch zwar als Einzelband zu lesen, die Vorgeschichte gibt es aber auch schon als Buch und ist im Erstling der Autorin, der anscheinend viel besser angekommen ist, zu lesen. Weshalb ich es schon bei "Inhalt" erwähne? Weil der Klappentext diesbezüglich leider sehr irreführend ist.
 
Meine Meinung:
In diesem Buch hat mir die Figur der emanzipierten, starken, mutigen und sympathischen Felice sehr gut gefallen. Es war wohl die einzige Figur, die einigermassen ausgearbeitet war und vor allem glaubwürdig wirkte. Auch wenn sie gegen Ende des Buches in eine total schräge "Rettungsaktion" verwickelt war, so hat sie, die gar nicht erst im Klappentext auftaucht und als Nebenfigur gehandelt wird, am meisten Platz im Buch eingenommen und hat im Vergleich zu Recha und Willi ausserdem sehr fassbar gewirkt.
Nach dem grandiosen Einstieg, der mich auch dazu bewogen hat, mich überhaupt für das Buch zu bewerben, wirkte plötzlich alles um hundertachtzig Grad gedreht. Die Entwicklung der Filmindustrie, die im Buch viel Raum einnimmt, kam mir sehr abgehandelt und leider nicht kreativ vor und die vielfach angepreiste Verankerung im Zeitgeschehen, die ja wirklich spannend gewesen wäre und natürlich auch einiges an Zündstoff beinhalten hätte können, fehlt fast komplett. Fast immer ziehen sich lahme Dialoge und sehr sinnlose Diskussionen über viele Seiten hinweg, persönliche Dramen werden aufgebauscht und in die Länge gezogen und wenn denn wirklich einmal etwas passiert, das der Geschichte eine Wendung gibt, wird es in wenigen Sätzen behandelt. Das Buch hat mir schon nach den ersten siebzig Seiten gar keinen Spass mehr gemacht und wäre es kein Leserundenbuch gewesen, hätte ich es sofort abgebrochen. Leider wurden aus diesem eigentlich so spannenden Stoff und der sicher auch guten Grundidee ein unglaubwürdiges, langweiliges Konstrukt geschaffen, das so definitiv keine Lesefreude aufkommen lässt.
 
Schreibstil:
Auch der Schreibstil ist definitiv ein Kapitel für sich. Anfänglich fesselnd, vielversprechend und für sich sprechend, wird da alles immer verschwommener. Mehrere Seiten lang fehlen die Personalpronomen, die Figuren werden zu einem Einheitsbrei verquirlt, der gar keine Identifikation mehr zulässt und sehr viele Handlungsstränge werden angedeutet, verschwinden dann ein wenig aus dem Fokus und werden plötzlich wieder weitergeführt, als hätte die Autorin die Figuren in der Zwischenzeit vergessen und als wären sie ihr dann aus dem Nichts wieder in den Sinn gekommen. Auch wirkt es manchmal so, als hätten ganz verschiedene Personen dieses Buch geschrieben. Die Sprache ist überhaupt nicht wie ein roter Faden, stört den Handlungsaufbau sogar und zieht sich durch nicht zielführendes Geplänkel manchmal wie Kaugummi, obwohl ganz andere Dinge vielleicht hätten vertieft oder besser eingebettet werden sollen. Also auch hier wurde ich leider enttäuscht. 
 
Mein Fazit:
Die ersten Kapitel, die ich schon von der Leseprobe kannte (und aufgrund derer ich mich überhaupt für die Leserunde beworben habe), waren grandios. Dann aber konnten die vielen Schwächen, wie die fehlende Verankerung in der Zeit, die unglaubwürdigen Figuren, die lose gestreiften aber nie verarbeiteten Themen sowie der sprunghafte, scheinbar nicht ausgereifte und alles andere als stringente Schreibstil, mich gar nicht mehr überzeugen. Von mir gibt es definitiv keine Leseempfehlung für dieses Buch. Schade.

Zusätzliche Infos:
Titel: Als wir im Regen tanzten
Autorin: Als Autorin und Historikerin hat sich Michaela Saalfeld ganz der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschrieben. Mit ihrem Roman über die Anfänge der ersten deutschen Demokratie hat sie sich einen lebenslangen Wunsch erfüllt. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Sprache: Deutsch
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinung: 31.07.2019
ISBN: 978-3-404-17843-8

Kommentare:

  1. Liebe Livia,
    mir ist das jetzt auch schon zweimal passiert, dass ich von der Leseprobe begeistert war und der Roman dies nicht halten konnte. Das finde ich schon etwas ernüchternd, denn man denkt doch, dass man deswegen mit dem Schreibstil etwas anfangen kann und auch mit dem Buch. Schade!
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Liebe Martina

      Das ist mir leider auch schon passiert und gerade dann, wenn man sich schon die "Mühe" macht, eine Leseprobe zu lesen und dann mit Sicherheit sagen kann, dass einem die Sprache und der Anfang schon einmal gut gefallen, ist es besonders hart, wenn dann nichts mehr zusammenpasst.

      Aber beim nächsten Buch klappt es dann hoffentlich wieder ;-)
      Alles Liebe
      Livia

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  2. Hallo Livia,

    das ist aber schade und man kann es sich kaum vorstellen, dass die Leseprobe sich super liest und dann nicht in dem Maße weiter geführt wird. Der Klappentext klingt eigentlich ganz gut. Gerade die Thematik mit dem Stummfilm klingt interessant. Da passt das von mir gelesene Buch von Micaela Jary "Das Kino am Jungfernstieg", dort geht es um die Nachkriegszeit und eine Familie. Sehr empfehlenswert!

    Liebe Grüße
    Barbara

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    1. Liebe Barbara

      Das war auch mein Eindruck, aber das Buch war leider wirklich ein Fehlgriff. Es kam auch in der ganzen Leserunde schlecht weg. Die Rezensionsphase ist noch nicht ganz vorbei, aber der Durchschnitt bewegt sich zwischen zwei und zweieinhalb Sternen.

      Danke dir für den Tipp, das Buch schaue mich mir einmal näher an, schliesslich ist das Thema wirklich spannend.

      Alles Liebe
      Livia

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