Rezension: Die Ladenhüterin

Die Ladenhüterin - Sayana Murata

Beschreibung des Verlages:

Die literarische Sensation aus Japan: Eine Außenseiterin findet als Angestellte eines 24-Stunden-Supermarktes ihre wahre Bestimmung. Beeindruckend leicht und elegant entfaltet Sayaka Murata das Panorama einer Gesellschaft, deren Werte und Normen unverrückbar scheinen. Ein Roman, der weit über die Grenzen Japans hinausweist. Keiko Furukura ist anders. Gefühle sind ihr fremd, das Verhalten ihrer Mitmenschen irritiert sie meist. Um nirgendwo anzuecken, bleibt sie für sich. Als sie jedoch auf dem Rückweg von der Uni auf einen neu eröffneten Supermarkt stößt, einen sogenannten Konbini, beschließt sie, dort als Aushilfe anzufangen. Man bringt ihr den richtigen Gesichtsausdruck, das richtige Lächeln, die richtige Art zu sprechen bei. Keikos Welt schrumpft endlich auf ein für sie erträgliches Maß zusammen, sie verschmilzt geradezu mit den Gepflogenheiten des Konbini. Doch dann fängt Shiraha dort an, ein zynischer junger Mann, der sich sämtlichen Regeln widersetzt. Keikos mühsam aufgebautes Lebenssystem gerät ins Wanken. Und ehe sie sichs versieht, hat sie ebendiesen Mann in ihrer Badewanne sitzen. Tag und Nacht.

Inhalt:
Keiko ist anders. Sie wirkt auf andere Menschen speziell und weiss oft nicht, wie sie sich gegenüber ihren Mitmenschen verhalten soll. Also hat sie sich sorgfältig die Umgangsformen ihrer Mitarbeiter*innen angeeignet, deren Körpersprache, Stimmlage und Wortwahl kopiert und schafft es so, sich perfekt in ihre Position als Aushilfsverkäuferin in einem kleinen Supermarkt einzugliedern. Die Arbeitsabläufe, die festgelegten Höflichkeitsformen und die immer gleichen Tätigkeiten und Floskeln geben ihrem Alltag Struktur. Sie ist vielleicht sogar glücklich und sieht einen Sinn in ihrem Leben. Doch die anhaltenden Fragen nach einem Mann und Kindern sowie einem "richtigen Beruf" ihres Umfeldes bringen sie ins Zweifeln und sie beschliesst, sich einen Mann ins Leben zu holen, der ihr schönes, über Jahre hinweg aufgebautes System, sich in der Gesellschaft zu bewegen, durcheinander bringt.

Meine Geschichte als Verkäuferin:
Schon wieder habe ich durch Marias Lesekreis einen buchigen Schatz entdecken dürfen und ich habe das Buch auch noch rechtzeitig gelesen, heute nämlich findet unter diesem Post die (spoilerfreie) Schlussdiskussion statt. Schaut da also gerne vorbei.
Gleich die ersten Sätze haben mich total in ihren Bann gezogen und ich habe mich an meine Zeit als Verkäuferin in der Bäckerei zurückerinnert. Drei Jahre lang habe ich während des Gymnasiums und den ersten zwei Studienjahre dort gejobbt, immer mehr Verantwortung übernommen und vor allem in den Semesterferien im Sommer fast Vollzeit und ansonsten an jedem Wochenende und Feiertag dort gearbeitet und so die dem Geschäft eigenen Abläufe verinnerlicht und die aberwitzigsten Erfahrungen mit Kund*innen und Mitarbeiter*innen gemacht. Eine Szene in Muratas Buch - die Szene, in der Keiko noch von der Arbeit träumt und von ihrer eigenen Stimme, die "herzlich willkommen" ruft, erwacht - hat mich so sehr an mich selber erinnert. Gerade in den Semesterferien, wenn ich manchmal zehn oder zwölf Wochen fast oder ganz Vollzeit in der Bäckerei gearbeitet (und daneben unterrichtet, geübt, Konzerte gespielt, für Prüfungen gelernt, Nachhilfe gegeben, gebabysittet und Arbeiten geschrieben) habe, bin ich irgendwann komplett am Ende meiner Kräfte davon erwacht, wie ich massenweise Croissants (in der Schweiz natürlich "Gipfeli") in zahlreiche Tüten gepackt habe. Ich sass im Bett und habe mit meinen Händen die Bewegungen des Einpackens gemacht. Dann wusste ich jeweils, dass es wieder Zeit für eine Pause war und habe mein Pensum zurückgefahren.

Meine Meinung:
Aber auch abgesehen von meinem persönlichen Wiedererkennungswert habe ich dieses äusserst gesellschaftskritische Buch sehr gerne und heute innerhalb von kürzester Zeit verschlungen. In "Die Ladenhüterin" wird vor allem der von aussen forcierte Drang, sich sowohl im beruflichen als auch privaten Bereich nahtlos in die Gesellschaft einzugliedern, thematisiert. Es scheint mir, wenn ich mir andere Kritiken und vor allem auch andere Literatur aus Japan anschaue, ein Drang zu sein, der in Japan noch mehr vorherrscht, als hier. Die Haltung, dass man der Gesellschaft - vor allem als Frau - nur dienlich ist, wenn man sich entweder fortpflanzt und/oder einem wichtigen Beruf nachgeht, lässt sich natürlich auch in der Schweiz und den umliegenden Ländern finden, aber es scheint mir so, als würde diese fast schon zwanghafte Eingliederung eines jeden Individuums in das vorherrschende einheitlich machende System in Japan noch einmal ganz andere Züge annehmen.
Und hier kommt Keiko ins Spiel. Keiko, die nicht versteht, warum man um einen verstorbenen Vogel trauern muss, wenn man ihn doch auch einfach essen kann und Keiko, die schon wüsste, wie sie ihren schreienden Neffen zum Verstummen bringen würde und dabei wäre nicht endloses Schaukeln, sondern vielmehr ein Messer die Lösung. Aber Keiko ist nicht grausam, vielmehr ist sie über alle Massen praktisch veranlagt. Und diese Veranlagung lässt sie auch zur logischen Überlegung kommen, dass ein Mann im Haus die Fragen nach einem Mann im Haus würde verstummen lassen. Dass dies natürlich nicht aufgeht und vor allem ihr sorgsam und seit Jahren bewährtes System durcheinander bringt, stellt sie vor neue Herausforderungen, welchen sie mit dem ihr eigenen Pragmatismus, Verstand und ihrer Leidenschaft für den Beruf begegnet.

Schreibstil:
Kurze, prägnante Sätze, die dennoch genau beschreiben, was vor sich geht und auch viel zwischen den Zeilen lesen lassen, machen den Schreibstil dieses Buches aus. Sayaka Murata trifft mit ihrer Sprache mitten ins Herz und schafft eine Protagonistin, die man - ein wenig schrullig hin oder her - einfach lieben muss. Die Übersetzerin Ursula Gräfe, die ja auch für ihre Murakami-Übersetzungen bekannt ist, hat ganze Arbeit geleistet und wundervolle Worte für dieses erfrischende und kritische Buch gefunden.

Meine Empfehlung:
Ich empfehle euch dieses herzerwärmende, zum Schmunzeln und Nachdenken bringende Buch, das so liebenswert erzählt, wie sich das Leben als eigentlich glückliche Aussenseiterin in einer nach Vereinheitlichung schreienden Gesellschaft anfühlt, sehr gerne weiter.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Die Ladenhüterin
Originaltitel: Konbini Ningen
Autorin: Sayaka Murata wurde 1979 in der Präfektur Chiba, Japan, geboren. Für ihre literarische Arbeit erhielt sie bereits mehrere Auszeichnungen. Ihr Roman »Die Ladenhüterin« gewann 2016 mit dem Akutagawa-Preis den renommiertesten Literaturpreis Japans und war in mehr als einem Dutzend Ländern ein großer Erfolg.
Aus dem Japanischen von: Ursula Gräfe
Sprache: Deutsch
Taschenbuch: 145 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: 2019 (zweite Auflage)
ISBN: 978-3-351-03703-1

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