Rezension: Die schönste Version

Die schönste Version - Ruth-Maria Thomas

TW:
häusliche und sexualisierte Gewalt, Mobbing, Essstörung

Beschreibung des Verlages:
Ruth-Maria Thomas erzählt in ihrem gefeierten Debütroman, nominiert für den Deutschen Buchpreis 2024,  die Geschichte von Jella und Yannick. Es ist eine Geschichte vom Aufwachsen in der ostdeutschen Provinz und der ersten großen Liebe, deren anfängliche Leichtigkeit sich in ihr Gegenteil verkehrt und eine toxische, gewaltvolle Dynamik entwickelt.
«Ein Muss für uns und wirklich jeden Mann, der ansatzweise verstehen möchte, wie das Aufwachsen als Frau im Patriarchat uns kaputtmachen kann.» – Louisa Dellert
Mit stilistischer Brillanz und seltener Drastik legt "Die schönste Version" die Abgründe einer Beziehung und die gesellschaftlichen Strukturen dahinter frei. Es ist die funkelnde und zugleich erschütternde Geschichte eines Erwachens, eine große Introspektion und eine Anklage – fesselnd, tiefgründig und von unerhörter Aktualität.

Inhalt:
Jella und Yannick, eine scheinbar perfekte Liebesgeschichte. Doch eines Tages geht er zu weit und wird handgreiflich. Es gibt eine Zeugin, es gibt eine Aussage und in zahlreichen Rückblenden werden Hintergründe und Abgründe ertastet. Freundschaften, Machtgefälle, Missbrauch und herausfordernde Familienstrukturen prägen Jellas Alltag genau so, wie die gefährlichen Beziehungen, aus denen sie kaum ausbrechen kann.

Meine Meinung:
Ich bin froh, das Buch gemeinsam mit Sina gelesen und diskutiert zu haben. Im Austausch konnten wir einiges besser einordnen und verarbeiten. Und auch wenn zum Glück nicht alle Details aus Jellas Leben auch Teil meines Lebens sind (oder waren), so habe ich mich und mein Umfeld doch immer wieder in einigen der Szenen, Erinnerungen oder Gedanken erkannt. Ruth-Maria Thomas ist es mit ihrem Debüt gelungen, aufzurütteln, zu schockieren und zu berühren. Und leider zeigt sie einen Alltag auf, den so viele von uns so, die in den 90er-Jahren geboren worden sind, zumindest in Teilen erlebt haben. Vom Kontrollieren und Aushungern des eigenen Körpers über den Gruppenzwang, sich riskanten Spielen, Substanzen oder Menschen hinzugeben bis hin zum von abwesenden Eltern und Erziehungsberechtigten fast komplett unbeaufsichtigten Verbringen der Freizeit in Hinterhöfen, Kneipen und Betten viel älterer Männer lässt Thomas kein damals wie heute für einige Mädchen und junge Frauen noch immer hochaktuelles Thema aus.
Jella lebt und überlebt nach Yannicks Tat bei ihrem Vater. Sie beginnt, gesellschaftliche Strukturen zu durchschauen und zeigt anhand ihrer Kindheit und Jugend auf, was unter anderem dazu geführt hat, dass sie an den Punkt gelangt ist, an dem sie gerade steht. Sie erinnert sich an das Dulden, das in-Schutz-Nehmen, das Ausprobieren und das Bewundern von denen, die alles durften und konnten und älter und stärker waren.

Meine Empfehlung:
Ein paar Fragen bleiben offen, nicht alles ist ganz rund, aber der Stil und die gekonnt erzählten Figuren machen dies wett. Ruth-Maria Thomas erzählt knapp und intensiv, vulgär, messerscharf und aufrüttelnd. Sie sorgt dafür, dass wir hinsehen, dass wir unser jüngeres Ich an die Hand nehmen und gemeinsam mit unserer Protagonistin Jella heilen wollen. Und dafür, dass wir beginnen, die Vorläufer und Anfänge von häuslicher und sexualisierter Gewalt ernst zu nehmen, dass wir aufhorchen und einschreiten und mitdenken, dass wir Täter klar benennen und uns mit anderen Frauen verschwestern. Lest dieses Buch und sprecht darüber.

Zusätzliche Infos:
Titel: Die schönste Version
Autorin: Ruth-Maria Thomas, 1993 geboren und in Cottbus aufgewachsen, war als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe tätig. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und ist Mitgründerin des erotischen Literaturmagazins Hot Topic!. 2022 war sie Finalistin des Open Mike. In ihren Texten, die u. a. im Rundfunk und in Literaturmagazinen erscheinen, beschäftigt sie sich immer wieder mit den Fallstricken weiblicher Sozialisation. Zuletzt erschien ihre Kurzgeschichte Glitzer in DAS GRAMM und wie ich frau bin bei SuKuLTuR. 
Sprache: Deutsch
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erscheinungstermin: 14.10.2025
ISBN: 978-3-499-01438-3

4 Kommentare:

  1. Liebe Livia,
    eigentlich habe ich dieses Buch schon länger auf meiner Wunschliste, aber nach deiner Rezension muss ich gestehen, dass es mich nicht mehr so richtig anspricht. Es wird deshalb von der Liste wieder verschwinden.

    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Liebe Martina

      Das Gefühl kenne ich sehr gut, mich haben auch schon Rezensionen dazu gebracht, ein Wunschlistenbuch doch nicht lesen zu wollen. Kannst du benennen, was genau dich "abgeschreckt" hat?

      Ganz liebe Grüsse
      Livia

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  2. Hey Livia,

    ich kann mich deinem Eindruck eigentlich genauso anschließen. Mir hat beim Lesen eine zweite Person gefehlt, mit der ich alles nachwirken und besprechen konnte. Das habe ich dann im Nachhinein mit einer Freundin gemacht. Deshalb finde ich deinen Hinweis: "Lest dieses Buch und sprecht darüber. " so wichtig. Ich denke, das Buch kann ganz viel auslösen und bewegen.

    Liebe Grüße
    Sophia

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    1. Liebe Sophia

      Genau so ist es, der Austausch hat mir so gut getan und ich denke, dass das Buch sich auch in einer grösseren Gruppe sehr gut lesen lässt.

      Danke für deine Worte und mach dir einen schönen restlichen Sonntag
      Livia

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