Rezension: Der Lärm der Zeit

http://www.kiwi-verlag.de/buch/der-laerm-der-zeit/978-3-462-04888-9/Julian Barnes - Der Lärm der Zeit

Beschreibung des Verlages:
Julian Barnes’ meisterhafter Roman über Dmitri Schostakowitsch
Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen.
Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für seine Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Fortan ist Schostakowitsch ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander, und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?
Im neuen Roman von Julian Barnes wird das von Repressionen geprägte Leben von Schostakowitsch in meisterhafter Knappheit dargestellt – ein großartiger Künstlerroman, der die Frage der Integrität stellt und traurige Aktualität genießt.

Meine Meinung:
Dmitri Schostakowitsch ist einer meiner liebsten Komponisten und deshalb war für mich klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen wollte. Als mir der Verlag dann freundlicherweise auch gleich noch ein Rezensionsexemplar gestellt hat, hat mich das sehr gefreut.
Generell haben es mir übrigens Komponisten aus der damaligen Sowjetunion angetan und dies nicht nur, weil ich mich vor drei Jahren für meine Bachelorthesis damit beschäftigt und mit vielen Komponisten (und/oder ihren Nachkommen), welche in dieser schwierigen Zeit gelebt und überlebt haben, Kontakt aufgenommen und spannende Gespräche geführt habe. Nein, ich liebe auch die kompositorische Sprache dieser Zeit, welche den Spagat zwischen Anpassung, Unterwerfung, Unsichtbarkeit und Aufstand immer wieder schafft und schaffen kann. Der armenische Komponist Tigran Mansurian, übrigens ein grosser Bewunderer von Dmitri Schostakowitsch, antwortete mir damals während meiner Recherchen für meine Thesisarbeit auf die Interwiefrage: "Was änderte sich in Ihrem Leben nach dem Zerfall der Sowjetunion?" folgendermassen:

"Let me tell you a little story: I was in the airport in Paris to fly to Frankfurt on board a small airplane. I was the last in the line of people boarding the plane. And in the free space of the airport I felt content, because there was no one behind me (no one was following me), and, new times had truly come."
Tigran Mansurian, Quelle privat

Und auch wenn wir es uns nicht einmal im Traum vorstellen können, als Künstler in dieser Zeit zwischen Zensur, Exekution, Propaganda und Partei leben zu müssen, so lässt diese eindrückliche, berührende und bedrückende Geschichte doch ein wenig besser verstehen, was dieses Leben wohl für Schostakowitsch und andere - heute auch weniger bekannte - Komponisten und auch andere Künstler und Kulturschaffende bedeutet haben könnte.
Und es gelingt dem Romancier Julian Barnes aussergewöhnlich gut, diese Stimmung fassbar zu machen, die Person Schostakowitsch und ihr Umfeld zu beleuchten und dabei so historisch korrekt wie nur möglich zu bleiben. In "Der Lärm der Zeit" verknüpfen sich hervorragende Recherchearbeit mit einem feinen Sinn für den Charakter, die Nöte und Ängste der Figur Schostakowitsch und immer wieder auch blitzt ein Funke Humor durch die trostlosen Zeilen, durch ausweglose Situationen. Sowie auch Freundschaft, Familiengefühl und Liebe.
Und dabei geht es natürlich auch um die Rolle der Kunst und Musik in diesem ganzen System und einige philosophische und soziologische Fragen werden aufgeworfen.

Kunst gehört ebensowenig dem Volk und der Partei, wie sie einst dem Adel und den Mäzenen gehört hatte. Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist. Kunst existiert nicht um der Kunst willen: sie existiert um der Menschen willen.
Der Lärm der Zeit, S. 125

Schreibstil:
Ganz ehrlich: dieses Buch stellt hohe Ansprüche an seine Leser, hat aber definitiv auch einiges zu bieten. Grundsätzlich lohnt es sich, über die wichtigsten Komponisten und historischen Ereignisse der behandelten Zeit Bescheid zu wissen oder zumindest bereit zu sein, sich darüber schlau zu machen.
Die Erzählsprache ist aber so flüssig und informativ, sowie teilweise richtiggehend (und trotz ernster Thematik passend) amüsant, dass man das Buch kaum mehr aus der Hand legen kann. Ich habe bereits einige Bücher über Schostakowitsch und einige seiener Zeitgenossen gelesen und ich habe die Tragik, (An-)Spannung und bedrückende Stimmung teilweise fast gar nicht mehr ausgehalten. "Der Lärm der Zeit" ist also definitiv kein Buch, das sich einfach so wegliest, sondern ein Buch, das nachhallt und eine klare Konfrontation schafft und fordert.

Dann gab es noch andere, die etwas mehr verstanden, die dich unterstützten und zugleich doch enttäuscht von dir waren. Die eine simple Tatsache über die Sowjetunion nicht begriffen: Dass es hier unmöglich war, die Wahrheit zu sagen und am Leben zu bleiben.
Der Lärm der Zeit, S.  146

Dem Romancier eigen (und auch erlaubt) erkennt man als Leser oft  auch die persönliche Meinung des Autors oder zumindest persönliche Überlegungen und Gedanken von Julian Barnes, die er Schostakowitsch teilweise ein wenig in den Mund legt und die ich so auch nicht immer ganz teilen kann, die aber durchaus eine spannende Diskussionsgrundlage bieten und ihre Berechtigung haben.


Meine Empfehlung:
Dieses Buch ist ein grandioser historischer Roman, der sich vor allem mit dem Leben und Werk des fantastischen Komponisten Schostakowitschs befasst, der aber auch den Alltag und die vielen Kompromisse, Unterwerfung und Anpassung zur Zeit der Swjetunion beleuchtet und authentisch, sehr bedrückend, kritisch und informativ darstellt. Von mir gibt es eine totale Leseempfehlung.

Zusätzliche Infos:
Titel: Der Lärm der Zeit
Titel der Originalausgabe: The Noise of Time
Autor: Julian Barnes, geboren 1946 in Leicester, England, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren. Er wuchs in London und Northwood auf. Bis 1968 studierte er am Magdalen College in Oxford Moderne Sprachen und schloss das Studium mit Auszeichnung ab. Drei Jahre lang arbeitete er als Lexikograph für das Oxford English Dictionary supplement, trat dann eine Stelle als Redakteur bei der New Review und dem New Statesman an, bevor er von 1979 bis 1986 erst als Fernsehkritiker für den New Statesman und den Observer tätig war. 1979 heiratete Barnes seine Agentin Patricia Olive Kavanagh, die 2008 den Folgen eines Gehirntumors erlag. Julian Barnes setzt sich mit dem plötzlichen Tod seiner Frau in seinem Buch Lebensstufen auseinander. Er widmet ihr den Großteil seiner Werke. Julian Barnes lebt und arbeitet in London.
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Englisch
Übersetzt von: Gertraude Krueger
Gebunden mit Schutzumschlag: 256 Seiten
Erschienen am: 16.02.2017
ISBN: 978-3-462-04888-9

Kommentare:

  1. Ich überlege schon seit längerem ob ich mir das Buch auf englisch holen soll, bin mir aber unsicher ob ich dem Anspruch der Sprache gewachsen bin und es verstehen werde.
    Liebe Grüße und tolle Rezension
    Kathrin

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    1. Liebe Kathrin

      Das Buch lohnt sich auf jeden Fall. Ich denke, dass es nicht zu schwierig werden wird mit der Sprache. Es sind mehr die Inhalte, welche du verstehen und vielleicht auch ein wenig recherchieren solltest, je nach Vorwissen :-)

      Viel Spass damit und lass es mich wissen, wie es dir gefallen hat.

      Ganz liebe Grüsse und herzlichen Dank fürs Kompliment
      Livia

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  2. Huhu!

    Wie spannend, dass du selber mit diesen Zeitzeugen sprechen konntest! Das stelle ich mir sehr bewegend vor.

    Auch das Buch klingt sehr, sehr interessant. Aber ich muss zugeben, dass ich über die Komponisten in der Sowjetunion dieser Zeit so gut wie gar nichts weiß, da müsste ich vorher wohl noch ein bisschen "Hausaufgaben" mache.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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