Weihnachtskrimi Folge 12

 Sprachlos sassen sie am Boden, vor sich das Fotoalbum. Mit diesem Durchbruch hatte niemand gerechnet. Vorsichtig aber ziellos blätterte Forchel, der sich als erster wieder ein wenig gefasst hatte, im Album herum.
Die Fotos stammten aus einer anderen Zeit und waren datiert von Weihnachten 1997 bis Weihnachten 1998. Sandra Volkerz war im Jahr 1998 gerade erst zwanzig Jahre alt geworden.
„Warum hat sie nur dieses eine Fotoalbum und warum ist es mehr als zehn Jahre alt?“, fragte Tomas in die Runde.
„Vielleicht gibt es noch mehr“; antwortete Forchel.
„Sollen wir weiter suchen?“, fragte Mirko.
„Später“ antwortete Forchel, „zuerst schauen wir uns das hier zusammen an.
Sie begannen, das Album noch einmal von vorne durchzublättern. Es enthielt ganz normale Familienszenen, Geburtstage und Treffen. Sandra Volkerz hatte auch Landschaften fotografiert, Berge und Seen. Ab und zu sah man sie darauf auch mit Freunden oder einem gut aussehenden Mann. Er schien ein wenig älter zu sein als sie.
„Die Bilder sind alle beschriftet. Sie erzählen eine Geschichte“, bemerkte Mirko.
Tatsächlich waren alle Bilder beschriftet. Die Personen darauf wurden mit Namen genannt, bei Familienfotos stand immer auch der Anlass für das jeweilige Treffen im Album und Landschaftsbilder enthielten sogar Beschreibungen von den Ferien, in denen sie aufgenommen worden waren.
Vor allem die Bilder mit dem jungen Mann enthielten ausführliche Berichte.
„Scheint eine Art Fototagebuch zu sein“, murmelte Forchel.
Aus den Beschriftungen ging hervor, dass der Mann Lasse hiess.
„Lasses Geburtstag“, stand bei einem Bild. Es war am 23.2.1998 aufgenommen worden.
„Ferien mit Lasse“, stand bei einem weiteren Bild und dann folgte eine ausführliche Beschreibung von Ferienaktivitäten.
Weitere Bilder mit Lasse folgten.
„Taufe von Lara, Lasses Patenkind.“
„Lasse und sein Hund.“
„Lasses Nachbar.“
„Grillfest bei Lasse.“
Und immer folgte noch eine Beschreibung zum Bild.
„Lasse beim Klassentreffen“ war am 4.7.1998 aufgenommen worden. Dann folgten lange keine Fotos mehr mit Lasse. Auch Familienfotos wurden immer seltener. Nur noch Landschaftsbilder waren zu finden.
Weihnachten 1998 zeigte ein düsteres Bild von einer einsam brennenden Kerze. Es waren keine Familienmitglieder zu sehen.
Neben der vergilbten Fotografie stand „Erstes Weihnachtsfest ohne Lasse und ohne meine Familie.“
Dann folgte kein Eintrag mehr. Die letzten zwanzig Seiten des Albums waren leer.
„Sie hat sich von Lasse und der Familie getrennt“; bemerkte Forchel nach langen Minuten des Schweigens.
„Denkst du, dass er noch lebt?“, fragte Mirko vorsichtig, „vielleicht ist er gestorben.“
„Ich habe das Gefühl, dass er noch lebt“, antwortete Forchel, „und och habe auch das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Diese Geschichte ist so seltsam. Mirko, Tomas, ihr könnt ins Präsidium fahren. Lisa und Sandro können Verstärkung gebrauchen.“
„In Ordnung Chef“, sagte Mirko und stand auf.
Sie verabschiedeten sich von Forchel und gingen.
Er nahm das Album in die Hand und stand auf. Dann begann er, noch einmal im Haus herum zu gehen. Er wusste, dass nur noch wenige Puzzlesteine fehlten.

Weihnachtskrimi Folge 11

Herzlich willkommen liebe Jenny. Es freut mich sehr, dass auch du den Weg zu mir gefunden hast. Und dich Svenja möchte ich an dieser Stelle natürlich auch noch offiziell willkommen heissen (ich will ja kein schlechtes Gewissen haben;) ). 

Nun aber weiter mit meinem Weihnachtskrimi. Ich hoffe, dass ihr alle schon ungeduldig auf die Fortsetzung wartet ;)

Sie stellten das ganze Haus auf den Kopf. Jeder Tisch, jeder Schrank und jedes Regal wurde verrückt. Die Briefe mussten entweder in einem Versteck untergebracht oder (was problematischer war) vom Absender entwendet worden sein.
Forchel fluchte immer häufiger und heftiger wenn wieder einmal umsonst ein Schrank verschoben worden war. Dies war ganz klar ein schlechtes Zeichen  und zudem verärgerte er so sein ganzes Team.
Es war Mirko, der den entscheidenden Einfall hatte.
„Der Boden“, rief er, „wir müssen den Boden betrachten.“
Forchel wollte dies zuerst als eine mittelmässige Idee aus mittelmässigen Kriminalfilmen abtun. Als er jedoch zu überlegen begann, wo die Briefe sonst hätten sein können, kamen ihm nur noch der Parkettboden und die Badezimmerfliessen in den Sinn.
Er seufzte und machte sich ans abtasten einer jeden Platte im Schlafzimmer während Mirko das Wohnzimmer und Tomas das kleine Arbeitszimmer übernahm.
Im Arbeitszimmer stiess Tomas schon bald auf eine Parkettplatte, die sich anders anfühlte und bim Betreten anders anhörte als die anderen.
Er rief die anderen zu sich und begann die Platte vorsichtig mir der Spitze des Brieföffners anzuheben. Als die Platte genug angehoben war, schob Mirko seine Hände darunter und drückte sie vorsichtig nach oben. Tatsächlich befand sich unter der Platte eine Kartonkiste.
Die Kiste konnten sie vorsichtig aus der Vertiefung heben. Sie enthielt fünf unauffällig aussehende Briefe. Sie waren mit dem Computer geschrieben und datiert. Sandra Volkerz hatte sie in chronologischer Reihenfolge geordnet.
„Komm uns nicht in die Quere“, lautete der Text des ersten Briefes.
„Lass die Finger von dieser Angelegenheit“ folgte darauf.
Dann „Wir haben dich gewarnt.“
„Dies ist die letzte Warnung.“
Und „ZU SPÄT!“
„Grässlich“, flüsterte Mirko.
Tomas nickte nur stumm und Forchel schien in seine Gedanken versunken zu sein.
„Es ist eine Organisation, wir müssen sie finden.“
„Hier ist noch etwas“, sagte Mirko.
Er griff in die Vertiefung hinein und förderte ein Fotoalbum zu Tage.

Weihnachtskrimi Folge 10

Am nächsten Tag quälte Forchel sich mühsam aus dem Bett. Er wusste, dass er nicht so viel trinken und so wenig schlafen sollte. Aber die Abende mit Adam Lasser wurden immer viel zu lange. Er wusste nicht mehr, über was sie sich alles unterhalten hatten und stellte sich unter die Dusche, welche er ganz kalt aufdrehte.
Er duschte nur kurz, es war einfach zu früh und das Wasser war zu kalt.
Ein wenig wacher und erfrischt begab er sich in die Küche, machte Kaffee und holte die Zeitung. Er schlürfte den heissen Kaffee und las dazu die fettesten Schlagzeilen.
Er erschrak, als er auf die Uhr schaute und machte sich sofort auf den Weg ins Präsidium. Um sieben Uhr dreissig wollte er eine Teamsitzung starten und als Leiter dieser Sitzung wäre es sehr ärgerlich, zu spät zu erscheinen.
Er schaffte es gerade noch rechtzeitig und setzte sich an seinen Platz.
Mirko Hänel von der Spurensicherung und sein Assistent Tomas Fritsch sassen rechts von ihm. Lisa Koch und Sandro Elwen hatten sich links von ihm nieder gelassen.
Als alle mit Kaffee versorgt waren, eröffnete Forchel die Sitzung.
„Wie ihr alle seht, haben wir nahezu nichts. Es wäre aber ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für uns alle, wenn wir den Fall noch bis am Vierundzwanzigsten lösen könnten.“
Zustimmendes Gemurmel im Raum und dann meldete sich Lisa zu Wort.
„Sandro und ich haben die Nachbarn abgeklappert. Nichts. Wir waren bereits in jedem Quartier. Dann haben wir uns einmal alle politischen Parteien angeschaut, die sie kritisiert hatte. Die meisten davon haben auch unsere Fragen beantwortet. Alle dieser Parteien hatten ein Motiv für den Mord, es wäre aber irrwitzig, alle davon genau unter die Lupe zu nehmen.“
„Wie viele sind es?“, fragte Hänel.
„Zweiundsechzig Parteien und Gruppierungen meist aus dem rechten Sektor.“
„Verdammt“, fluchte H#nel.
„Wenn ihr einmal die grössten und einflussreichsten Gruppierungen unter die Lupe nehmt, kommen wir vielleicht weiter und dann nach und nach auch die Kleinen, bis alle ausgeschlossen sind. Ihr habt den ganzen restlichen Tag und morgen Zeit dafür. Was haben wir sonst noch?“
„Den Bericht der Gerichtsmedizin“, antwortete Fritsch, „scheint aber nichts Besonderes zu sein. Das Opfer wies keinerlei Kampfspuren auf, nicht einmal Haut unter den Fingernägeln. Es fand keine Vergewaltigung statt. Zum Tod führte ein heftiger Schlag auf den Hinterkopf, die näheren Details zu den Verletzungen könnt ihr selber nachlesen. Etwas Spannendes gibt es jedoch noch“, er blätterte in seinen Unterlagen, „auf der Leiche wurde ein Haar gefunden, welches nicht ihr gehört, vielleicht stammt es vom Täter.“
„Das merken wir uns, also haben wir doch etwas“, rief Forchel erfreut.
„Wir haben noch etwas“, erwiderte Hänel.
„Wir haben ihre Tagebücher durchforstet mit dem Ziel, Angehörige oder Freunde zu finden. Dabei sind wir aber auf ganz andere Dinge gestossen. Es scheint so, als habe sie Drohbriefe bekommen. Diese Briefe haben wir aber bei der Hausdurchsuchung nicht gefunden. Wer war sonst noch im Haus?“
„Ich“, rief Forchel, „ich wurde jedoch unterbrochen, als die Eltern gefunden waren. Ich hatte aber eigentlich schon alles durchwühlt.“
Schweigend schauten sie sich an.
„Lisa, Sandro, ihr wisst, was ihr zu tun habt. Mirko und Tomas, ihr kommt mit mir, wir stellen das Haus auf den Kopf. Wäre ja gelacht, wenn wir die Briefe nicht finden würden.“

Weihnachtskrimi Folge 9


Der nächste Tag verlief ohne Zwischenfälle aber auch ohne irgendwelche Erkenntnisse. Die Ermittlungen blieben nahezu stecken und die Launen taten es ihnen gleich. Es schneite ohne Unterlass, es wurde immer häufiger auf weisse Weihnachten spekuliert und die Temperaturen sanken über Nacht ins bodenlose.
Forchel gönnte sich an diesem Abend einen Drink mit seinem langjährigen Freund und Nachbar Adam Lasser.
Die beiden suchten eine nahe gelegene Bar auf und setzten sich ein wenig abseits vom Geschehen an einen Tisch.
Sie bestellten Bier und hängten ihre Mäntel an den Garderobenständer.
„Na Bruno, wie läufts so?“, fragte Lasser bald einmal.
Forchel beantwortete ihm die Frage wie gewöhnlich mit „Gut“ und liess dann sogleich noch eine Schilderung seiner momentanen Arbeitssituation folgen.
Lasser hörte aufmerksam zu und schüttelte immer wieder angewidert oder verständnislos den Kopf.
Er, der seinen einzigen Sohn bei einem Autounfall verloren hatte, wusste, wie es war, plötzlich ohne Kind dazustehen.
„Wie kann man nur. Wie viel Hass und Enttäuschungen muss man als Eltern erlebt haben, um seine Kinder zu hassen?“, fragte er still vor sich hin.
„Denkst du, dass sie ihre Tochter hassten?“
„Warum sonst hätten sie so reagieren sollen“, erklärte Lasser.
„Vielleicht hatten sie sich einfach nichts mehr zu sagen. Wie in einer Beziehung, auseinander gelebt“, warf Forchel ein.
„Aber nicht bei Kinder. Eine Beziehung kann zerbrechen, eine Freundschaft kann im Sand verlaufen. Aber ein Kind bleibt immer ein Kind. Und wenn es nicht mehr da ist, dann ist es, wie wenn ein Teil des eigenen Körpers plötzlich fehlt“, er brach ab.
„Adam, ich weiss, dass dies bei dir so war. Aber ich kann mir vorstellen, dass Dinge passieren, welche so grausam sind, dass wir sie beide nicht verstehen können. Ich denke, dass dies auch hier der Fall war. Je länger ich mich damit beschäftige, desto dringender will ich wissen, was passiert ist, warum es so weit gekommen ist.“
„Ich finde es gut, dass du dich mit diesem Thema beschäftigst. Es ist sehr wichtig, dies zu verstehen. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Eltern-Kind-Beziehung ein Schlüssel zu Auflösung des Falles ist“, sagte Lasser.
„Du hast gesagt, dass sie auch sonst keine Freunde oder Verwandte hatte?“. ergänzte er seine Überlegungen.
„Nichts“, antwortete Forchel, „keine weiteren Familienmitglieder, keine Freunde, keine Beziehung. Die Frau war total abgeschottet.“
„Wen wollte sie wohl damit schützen. Sich selber, oder ihre Umgebung?“
„Dies“, antwortete Forchel, „dies werden wir erst wissen, wenn wir den Fall gelöst haben.“
„Wenn du den Fall gelöst hast“, lächelte Lasser.
„Also gut, ich löse ihn“, scherzte Forchel.
„Auf dich“, sagte Lasser und hob sein Glas.
Forchel stimmte mit ein und die beiden redeten noch die halbe Nacht.

Weihnachtskrimi Folge 8


Als er das Wohnzimmer betrat roch er es sogleich. Seine Frau Maria hatte gebacken. Weihnachtsgebäck und einen Gemüsegratin. Dies passte natürlich perfekt und er konnte es kaum erwarten, sie in den Arm zu nehmen.
„Hallo Liebste“, rief er, als er die Küche betrat.
Sie erwiderte die Begrüssung und küsste ihn sanft.
„Essen ist fertig“, flüsterte sie ihm zu bevor sie sich wieder ihren Töpfen zuwandte.
Er rief sofort nach den Kindern Martina und Samuel und setzte sich dann an den Tisch.
Als er so sass, kam ihm in den Sinn, eine gute Flasche Wein zu öffnen. Er eilte also sogleich in den Keller und als er mit einem seiner Schätze nach oben kam, hatten sich seine Kinder bereits gesetzt. Maria war gerade dabei, den Gratin zu verteilen und er begann, die Flasche zu entkorken.
Als alle sassen und es sich schmecken liessen, fühlte er sich in einen Film versetzt. Alles wirkte so vertraut und perfekt, so angepasst und idyllisch.
Nach einiger Zeit gestand er sich jedoch zu, dass er diese Idylle verdient hatte, weil er sich sonst schon täglich mit unangenehmen Dingen zu beschäftigen hatte.
Das Essen schmeckte ihm gleich noch besser und er fragte seine Kinder, was sie in der Schule alles erlebt hatten.
Sie hassten diese Fragen ihres Vaters, die wie einstudiert wirkten und ihnen das Gefühl gaben, sich in einem Kreuzverhör zu befinden. Sie spielten aber ihren Part mit (was ihnen insgeheim trotzdem Freude bereitete) und fragten ihn nach seiner Arbeit.
Diese Fragen beantwortete er nur ganz flüchtig. Er wollte seine Kinder ein wenig vor der Realität verschonen und vor allem wollte er sie immer zuerst langsam an einen neuen Fall, ein weiteres schreckliches Ereignis heran führen. Sie mussten auch nicht alles wissen. Für die ganze Wahrheit hatte er ja Maria. Sie war eine aufmerksame Zuhörerin und hatte ihn schon in einigen Situationen aufgefangen, als ihm ein Fall zu nahe ging oder ihn zu fest einnahm.
Glücklich schaute er sich in der bunten Runde um. Seine Familie war alles, was er hatte und er war sehr stolz darauf. Er genoss es, seinen Fall zumindest einen Abend lang ruhen lassen zu können.
Als sich die Kinder in ihre Zimmer zurück zogen um ihre Hausaufgaben zu machen (oder zumindest so zu tun, als würden sie ihre Aufgaben machen), räumte er die Küche auf und setzte sich dann zu seiner Frau ins Wohnzimmer. Sie sass bereits in ihrem gemütlichen Sessel und las in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften des Tages. Er tat es ihr gleich und erfuhr so, dass sich der Weltfussballverband noch immer bestechen liess, dass das Fernsehen immer noch Menschen dazu verleitete, irrwitzige Wetten abzuschliessen und dass die Menschen in Haiti verhungerten und an der Cholera starben während die Menschen in Europa immer dicker wurden.
Diese ganzen Schlagzeilen bedrückten ihn und er beschloss, sich einen guten Film anzusehen. Weil auf keinem der fünfzig Sender etwas annähernd Brauchbares zu finden war, resignierte er.
Maria tat es ihm bald einmal gleich und so sassen sich die beiden mit einem Weinglas in der Hand gegenüber und diskutierten und als sie bemerkten, dass es schon lange nach Mitternacht war, legten sie sich schliesslich schlafen.