Der Flug des Schillerfalters

Dieses Buch habe ich im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks unter der freundlichen Betreuung des Autors Jannis Becker gelesen.
Der Flug des Schillerfalters: Roman

Der Flug des Schillerfalters - Jannis Becker

Beschreibung von dotbooks:
Wie kannst du weiterleben, wenn du schwere Schuld auf dich geladen hast? Kims Leben bricht plötzlich zusammen, als sie auf einer Landstrasse ein junges Mädchen überfährt. Sie versinkt immer mehr in Trauer und glaubt sich vom Geist des Mädchens verfolgt, der sie in den Tod treiben will. In ihrer Verzweiflung weiss sie sich keinen anderen Ausweg mehr und beschließt, sich das Leben zu nehmen. Bei einem Internetforum für Suizidwillige lernt sie Patrick kennen. Dieser merkt bald, dass er zarte Gefühle für Kim entwickelt. Doch kann er sie retten? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt...


Meine Meinung:
Ich habe dieses Buch unbedingt lesen wollen, weil ich sehr darauf gespannt war, wie der Autor mit diesem schwierigen Thema umgeht. Dass er bereits bei der Ankündigung des Leserunde bei Lovelybooks erwähnt hatte, dass er durchaus wisse, wovon er spreche, machte die Leserunde um so interessanter für mich.
Ich wurde dann auch alles andere als enttäuscht und habe zudem noch spannende Diskussionen verfolgen und führen können.
Insgesamt hatte ich jedoch ein wenig Mühe mit grundsätzlichen Elementen der Handlung, die für mich aneinandergereiht und stereotyp wirkten. Da wir im Buch die Hintergründe für Kims Todeswunsch erfahren, tauchen wir auch in ihre Familiengeschichte und in das Leben des von ihr überfahrenen Mädchens ein. Da tauchten meiner Meinung nach einige zu konstruierte Situationen auf und die Handlung war insgesamt sehr vorhersehbar, da der Autor bereits zu Beginn der Leserunde Andeutungen zum Ende des Buches gemacht hatte.
Grundsätzlich habe ich das Buch gerne gelesen und muss vor allem die Beschreibung der Eltern des verstorbenen Mädchens und die detaillierten Beschreibungen von Kims Träumen und Heimsuchungen loben. Die wirkten sehr authentisch.

Personen:
Kim konnte ich bis zum Ende des Buches, in dem sie mir dann plötzlich sehr menschlich erschien, eigentlich überhaupt nicht richtig fassen. Dies lag vor allem an der nicht sehr differenzierten Beschreibung des Autors. Ich konnte sie mir nicht richtig vorstellen und sie blieb insgesamt ein wenig zu plakativ. Ich merkte bald, dass Jannis Becker mehr Wert auf ihre Träume und ihr Trauma gelegt hatte, als auf sie als Person. Dies wirkte sich natürlich auf die ganze Geschichte aus, in der ich immer wieder eine gewisse Lieblosigkeit in den Beschreibungen erfahren habe. Auch die Handlungsorte und Grundstimmungen von Situationen blieben leider ziemlich oft ziemlich oberflächlich. Ihr wisst ja langsam von mir, dass ich es mag, wenn Personen, Handlungsorte, Situationen und Stimmungen kunstvoll und sehr detailliert mit einer ganz eigenen Sprache beschrieben werden. Diese habe ich im "Flug des Schillerfalters" in den meisten Abschnitten vermisst.
Patrick hingegen schien dem Autor näher zu sein, was sich darin zeigte, dass ich viel mehr über sein Äusseres, seine Gedankengänge und sogar seine Art, sich zu bewegen erfuhr. Diese kleinen aber wichtigen Details brachten ihn mir näher, obwohl auch das noch zu wenig für mich war.
Zwei Elternpaare von je einem Mädchen kommen auch noch in der Geschichte vor. Es zeichneten sich bald nicht von der Hand zu weisende Parallelen zwischen diesen Familien ab. Nur war mir bis am Ende nicht klar, ob sich dies einfach so ergeben hat, oder ob dies der Autor bewusst so wollte. Wenn er es bewusst so gewollt hat, dann hätte dies ein wenig deutlicher werden dürfen. Insgesamt waren die Verhältnisse zwischen der Personen aber geschickt ausgearbeitet.

Schreibstil und Handlung:
Wie bereits erwähnt wurde ich mit den Beschreibungen nicht ganz warm. Ich kann dies jeweils nur ganz schwer in Worte fassen. Aber meiner Meinung nach hat jeder Mensch gewisse Eigenschaften, die das Umfeld wahrnimmt oder zumindest wahrnehmen kann. Dies bezieht sich nicht nur auf den Charakter, sondern auch auf das Aussehen, auf gewisse Ticks, Bewegungsabläufe, die Art, etwas bestimmtes zu tun oder anzupacken. Dies ist an jedem Menschen, Ort, jeder Situation, jeder Stimmung und auch an Tieren wahrnehmbar und dies möchte ich auch aus allen Büchern herauslesen, wenn es um Personen, Orte, Situationen und andere Elemente geht. Wenn ich dies in einem Buch nicht finde, so wird das Buch für mich sehr unwirklich, nicht greifbar und es ist dann fast nicht möglich, dass mich dieses Buch - unabhängig vom Inhalt - berührt. Dies ist mir auch mit "Der Flug des Schillerfalters" so ergangen. Insgesamt war mir da im Stil einiges zu flach, obwohl es wundervolle Momente der Schönheit in der Sprache gab.
Die Handlung selber hat mich aber wirklich überzeugt. Es gab einige Häufungen von Situationen, die mir insgesamt zu konstruiert erschienen, einige Stellen hätten so für mich wirklich nicht sein müssen und haben mich nur irritiert, aber sonst konnte ich der Handlung gut folgen. Vor allem die vielen kleinen und grösseren Ereignisse in der Vergangenheit, die sich auf Situationen und Personen in der Gegenwart beziehen, waren meiner Meinung nach stimmig aufgebaut und nachvollziehbar eingebettet.

Meine Empfehlung:
Dieses Buch sollte wohl gelesen werden, obwohl es für psychisch labile Menschen durchaus eine Tortur sein kann, sich mit den Themen Suizid und Verlust auseinander zu setzen. Ich denke, dass "Der Flug des Schillerfalters" viel Verständnis erwecken kann und sicher auch den Willen, nicht sofort zu urteilen, sondern vielleicht auch einmal genauer hinzuschauen. Deshalb empfehle ich das Buch gerne weiter. Es ist jedoch wichtig, dass man sich bewusst Zeit dafür nimmt und dass man - wenn nötig - mit jemandem darüber sprechen kann.

Zusätzliche Infos:
Titel: Der Flug des Schillerfalters
Autor: Jannis Becker (Pseudonym von Wolfgang Jaedtke)
Seiten: (ca.) 421
Sprache: Deutsch
Verlag: dotbooks
Erscheinungsdatum: Jun 2015
ISBN: eBook 978-3-95824-089-6

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