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12 September 2026

Rezension: Mit beiden Händen den Himmel stützen

Mit beiden Händen den Himmel stützen - Lilli Tolkien

Beschreibung des Verlages:
Eine Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand und ein Mädchen, das zur Heldin der eigenen Geschichte wird. 
Lale wächst in den 80ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Sie darf wach bleiben, solange sie will, Süßigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg, taumelt an den Rändern und findet Jahre später Halt im Erzählen selbst.
Authentisch, verletzlich, von poetischer Spannkraft.

TW: sexualisierte Gewalt (auch an Kindern), Alkoholmissbrauch, Drogen, Gewalt, SVV, Essstörung, Erbrechen

Inhalt:
Lale wächst bei ihrem Pflegevater in einer Männer-WG auf, in der auch ihr Vater lebt, was die Behörden aber nicht erfahren dürfen. Schon früh macht sie Erfahrungen mit Erwachsenen, die sich berauschen, lügen und stehlen. Ihre Kindheit ist geprägt von Vernachlässigung und Missbrauch, aber auch von Abenteuern und unendlichen Freiheiten. Als Jugendliche gerät sie dann selber ein wenig aus dem Lot und als junge Frau muss sie damit beginnen, sich ihren Körper zurückzuholen und zu lernen, gesunde Grenzen zu setzen und auch zu akzeptieren. 

Meine Meinung:
Viele begeisterte Rezensionen haben mich das Buch auf meine Wunschliste setzen lassen und als es dann auch noch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis landete, habe ich es mir sofort gekauft. Schnell wird klar, dass sich auf wenigen Seiten eine sehr intensive, fordernde und stellenweise auch explizite Geschichte verbirgt. Wer zwischen diesen Buchdeckeln aber Trauma-Porn vermutet, liegt komplett falsch. Vielmehr ist dieser Roman die Aufarbeitung einer komplizierten Kindheit und Jugend, die sicher nicht ganz unähnlich ist zu Tollkiens eigenen Erfahrungen. Darum soll es aber gar nicht gehen. Im Zentrum stehen eine enorme Sprachkunst und eine Kritik an einer linken Szene, die mit kritischen und modernen Werten punktet, im Bereich Kinder- und Jugendschutz aber kläglich versagt und sich der Verantwortung für Kinder und Jugendliche nicht stellen kann und/oder will. Nicht nur sind Lales Eltern ihrer Aufgabe nicht gewachsen, auch sind sämtliche Behörden, Lehrpersonen und andere "Bezugspersonen" entweder selber Täter oder zumindest bereit, ihre Augen vor der Wahrheit zu verschliessen.

Schreibstil und Aufbau:
Die Beschreibungen der oft aufwühlenden Szenen gestaltet Tollkien mit klaren Worten aber auch mit Leerstellen. Die in der ich-Person erzählende Protagonistin Lale beschreibt dabei als erwachsene Frau Szenen aus ihrer Kindheit und Jugend und lässt gleichzeitig auch immer wieder in ihr erwachsenes Leben blicken. Dies geschieht mit kunstvoll gebildeten Sätzen, deren Struktur sich oft wiederholt und die dem Roman eine ganz eigene Form gibt.

Meine Empfehlung:
"Mit beiden Händen den Himmel stützen" ist ein intensives, mitreissendes, bewegendes Debüt, das nachhallt und Lust auf mehr macht. Ich empfehle euch das Buch gerne weiter, macht euch aber auf explizite Inhalte gefasst... Und ich werde Tollkien auf jeden Fall im Auge behalten.

Zusätzliche Infos:
Titel: Mit beiden Händen den Himmel stützen
Autorin: Lilli Tollkien, 1980 in Berlin geboren, begann verschiedene Ausbildungen und studierte unter anderem Regie und Musiktherapie in Berlin und Heidelberg. Sie arbeitete in sehr unterschiedlichen Berufen, etwa als Suchtberaterin in der JVA, als Jobcoach und Ausstatterin. Neben ihrem heutigen Beruf fotografiert sie und hat in Anthologien veröffentlicht. Sie lebt mit ihren Kindern in Leipzig. "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ist ihr erster Roman.
Sprache: Deutsch
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 255 Seiten
Verlag: aufbau
Veröffentlichung: 14.03.2026
ISBN: 978-3-351-04284-4

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