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19 Februar 2018

Rezension: Die Mittagsfrau

Die Mittagsfrau - Julia Franck

Beschreibung des Verlages:
1945. Flucht aus Stettin in Richtung Westen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Vorpommern. Helene hat ihren siebenjährigen Sohn durch die schweren Kriegsjahre gebracht. Nun, wo alles überstanden, alles möglich scheint, lässt sie ihn allein am Bahnsteig zurück und kehrt nie wieder.
Julia Franck erzählt das Leben einer Frau in einer dramatischen Zeit - und schafft zugleich einen großen Familienroman und ein eindringliches Zeitepos.
 
Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich aufgrund des Covers (und der im Titel enthaltenen Farbe Orange) aus meinem SuB gezogen. Weder habe mich mir den Klappentext durchgelesen, noch wusste ich sonst, was mich erwarten würde. Und ich wurde gepackt von einem Sog von Nachkriegswirren, vom Leben einer verzweifelten Mutter und ihres Sohnes, der sie richtiggehend anbetet und den sie trotzdem - oder vielleicht genau deswegen - an einem Bahnhof in Vorpommern zurücklässt. Dann macht das Buch einen Zeitsprung und und erzählt die Geschichte von Helene. Von ihrer Kindheit und Jugend, ihrer Familie, ihrer depressiven Mutter, ihrem Vater, der schwer verwundet aus dem ersten Weltkrieg zurückkehrt und ihrer älteren Schwester Martha, die sie sehr bewundert.
In "Die Mittagsfrau" wird vor grandios erzähltem historischem Hintergrund ein Frauenbild verhandelt, das sehr zeitgemäss und antiquiert zugleich erscheint, eine Mutterrolle, die ganz weit weg von unseren heutigen Helikoptereltern wesentlich pragmatischer und existenzieller daherkommt. Und zugleich sind auch die systematische Unterdrückung der Frauen durch die ganze Gesellschaft ein Thema. Nur, weil man über eine Gebärmutter verfügt, heisst das noch lange nicht, dass man sie nutzen muss, will und kann. Und doch will zur Zeit unserer Protagonistin Helene (und leider nicht nur dann) ein Staat und ein kleiner, schnauztragender Mann mit schnarrender Stimme, darüber verfügen, wer sich vermehren darf und sogar soll und wer dies bleiben lassen muss. Franck erzählt von einer Frau, die Selbstbestimmung wünscht und (noch) nicht bekommen kann, eingeschränkt durch eine ungewollte und nicht zu verhindernde Mutterschaft. Diese Frau ist aber zugleich eine so fürsorgliche Mutter, dass sie einen Weg findet, sich und ihr Kind glücklich zu machen. Julia Franck bietet uns Leserinnen und Lesern viele Gründe an, viele Überlegungen und Argumente, die letztendlich dazu führen können, dass eine Mutter ihr Kind zurücklässt. Dies geschieht ohne Wertung, was die ganze Handlung in "Die Mittagsfrau" noch eindringlicher macht.
 
Schreibstil und Handlung:
Wie sehr muss Helenes Rolle als Mutter überhaupt diskutiert werden? Will Franck diese Diskussion überhaupt anzetteln, oder geht es ihr vor allem darum, eine Frau zu porträtieren, die mit grossen Zielen und realistischen Träumen ins Leben startet, der aber gleich zwei Weltkriege diese Pläne zerstören und zwei Männer auf unterschiedliche Art und Weise das Herz brechen? Helene verliert mit jeder Seite ein Stück ihrer Fröhlichkeit, ihres Selbstbewusstseins, ihrer Sprache. In ihrem Beruf als Krankenschwester geht sie aber voll auf, zeigt sich fürsorglich, geduldig und behält in den hektischsten Situationen die Nerven. Dieser Beruf begleitet sie als ganz junge Frau und auch später noch, als sie Nachtschichten, Haushalt und die Betreuung eines Kindes unter einen Hut bringen muss.
Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr mir die Herangeheinsweise der Autorin an diese schwierige Epoche unserer Geschichte imponiert hat. Statt von den Kriegsschauplätzen schreibt sie nämlich von der vermeintlichen Oberschicht und deren Umgang mit Inflation, Zwangsrekrutierung, Verlusten, plötzlichem Aufschwung und einem nächsten Krieg. Dabei bleibt die Sprache stets dicht, jeder Satz ist prall gefüllt mit Bildern, Farben, Gefühlen, Stimmungen. Unendlich viele kleine Details, Andeutungen und einzelne Gedankenstränge sorgen dafür, dass so viel Handlung und Inhalt wie nur möglich auf diese knapp 450 Seiten verteilt wird. Trotz dieser Komplexität und der emotionalen Schwere des Stoffes, wirkt dabei aber "Die Mittagsfrau" nie überladen oder konstruiert. Vielmehr scheint es so, als könnte man diese Geschichte gar nicht anders erzählen, als müsste sie einfach so aufgeschrieben werden. Und dies macht die besondere Atmosphäre dieses Buches auch aus; eine Dringlichkeit, die einen stets vorantreibt und doch auch immer wieder innehalten lässt.
 
Meine Empfehlung:
Pure Emotionen, schwerste Schicksale, ein grosses Familiendrama, zwei Weltkriege, eine Legende und eine mutige und zugleich verzweifelte Protagonistin finden in "Die Mittagsfrau" zusammen und vereinen sich zu einer Erzählung, die an Dichte kaum zu überbieten ist. Julia Franck hat für dieses Meisterwerk, das übrigens von ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert ist, zu Recht den deutschen Buchpreis bekommen. Von mir gibt es also eine deutliche Leseempfehlung.
 
Zusätzliche Infos:
Titel: Die Mittagsfrau
Autorin: Julia Franck wurde 1970 in Berlin geboren. Sie studierte Altamerikanistik, Philosophie und Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin. 1997 erschien ihr Debüt ›Der neue Koch‹, danach ›Liebediener‹ (1999), ›Bauchlandung. Geschichten zum Anfassen‹ (2000) und ›Lagerfeuer‹ (2003). Sie verbrachte das Jahr 2005 in der Villa Massimo in Rom. Für ihren Roman ›Die Mittagsfrau‹ erhielt Julia Franck den Deutschen Buchpreis 2007. Der Roman wurde in 35 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien der Roman ›Rücken an Rücken‹ (2011).
Julia Francks Roman ›Lagerfeuer‹ wurde 2012/13 für das Kino unter der Regie von Christian Schwochow unter dem Titel ›Westen‹ verfilmt.
Taschenbuch: 432 Seiten
Sprache: Deutsch
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Erschienen: April 2009
ISBN: 978-3-596-17552-9

2 Kommentare:

  1. Hey Livia,
    aufgrund des Klappentextes und der Zeit, zu der es spielt, würde ich nie zu dem Buch greifen. Aber deine Beschreibung über die Geschichte und einer Frau, die Ziele im Leben hat, aber aufgrund vielen Einflüssen nicht erfüllen kann, klingt echt gut! Ich schreibs mir mal auf die Wunschliste.
    lg, Tine =)

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    1. Liebe Tine

      Lies dir vielleicht zur Sicherheit einmal eine Leseprobe durch. Dann kannst du sicher gut beurteilen, ob das Buch etwas für dich ist.

      Ganz liebe Grüsse
      Livia

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