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30 Juli 2016

Ich nannte ihn Krawatte, Rezension

Ich nannte ihn Krawatte - Milena Michiko Flašar

Beschreibung des Verlages:
Wer in einem Lachen nichts anderes als ein Lachen hört, der ist taub
Ist es Zufall oder eine Entscheidung? Auf einer Parkbank begegnen sich zwei Menschen. Der eine alt, der andere jung, zwei aus dem Rahmen Gefallene. Jeder auf seine Weise, beide radikal, verweigern sie sich der Norm. Erst einem fremden Gegenüber erzählen sie nach und nach ihr Leben und setzen zögernd wieder einen Fuß auf die Erde. Milena Michiko Flašars Parkbank befindet sich in Japan und könnte doch ebenso gut anderswo in der westlichen Welt stehen. Dieser Roman stellt der Angst vor allem, was aus der Norm fällt, die Möglichkeit von Nähe entgegen – sowie die archaische Kraft der Verweigerung.


Meine Meinung (Weiter Buchzitate in der Zitatesammlung): 
Man sagt, ein Lehrer ist unsterblich. Auch wenn er seinen Körper verlässt, lebt das, was er gelehrt hat, im Herzen seiner Schüler weiter.
(S. 126)
In "Ich nannte ihn Krawatte" wird viel gelernt und viel gelehrt. Wer dabei wessen Lehrer, wer wessen Schüler ist, wird nicht immer klar, oder manchmal auch erst im Nachhinein. Die Grenzen zwischen dem Lehrenden und Lernenden verfliessen, mischen sich und wir Leser können im Verlauf dieser berührenden Geschichte erkennen, dass wir selber uns auch immer wieder in die Rollen des Lehrenden und des Lernenden begeben dürfen und müssen. Und trotzdem ist dieses Buch nie eine Belehrung. Vielmehr begegnen wir zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die sich aber trotzdem in einem Punkt nicht unterscheiden: beide von ihnen haben ihren angestammten und zugedachten Platz in der Gesellschaft verloren. Beide sind auf der Suche nach neuen Inhalten für die Leere, die sie umgibt und im Verlauf ihrer Geschichte, im Verlauf ihres Erzählens, bemerken sie, dass sie gar nicht leer sind, dass ihre Erinnerungen und Gefühle sie erfüllen und dass sie vielleicht sogar wieder einen Weg zurück ins Leben finden können.

Ich wollte niemandem begegnen. Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil seines Gewebes zu werden, und dies galt es zu vermeiden.
(S. 8/9)
Interessanterweise, haben Patrizia, deren Rezension mich dazu bewogen hat, das Buch endlich zu lesen, und ich genau das gleiche (dieses obenstehende) Zitat in unsere Rezension aufgenommen. Dies liegt mit Sicherheit daran, dass alle möglichen Begegnungen im Buch eine so wichtige Rolle einnehmen. Es beginnt eigentlich mit der Begegnung der Protagonisten. Da ist einerseits Taguchi, der sich in selbstgewählte Isolation begeben, sich mehr und mehr von Familie und Freunden, Beruf, Schule und vor allem auch gesellschaftlichem Druck distanziert und zurückgezogen hat und somit ein Hikikomori ist, wie diese jungen Männer, die sich teilweise jahrelang in ihren Zimmern einschliessen, in Japan genannt werden. Eine Problematik, die wir in unseren Breitengraden nicht oder auf jeden Fall nicht so ausgeprägt kennen. Ich weiss aber nicht, ob das ein Fluch oder ein Segen ist, schliesslich würden diese jungen Männer hierzulande in Psychiatrien mit Medikamenten ruhig gestellt werden. Andererseits findet sich im Park Herr Ohara, der gerade seine Stelle verloren hat, seinen Alltag aber unbedingt weiter leben will, damit er seiner Frau nicht davon erzählen, sich und ihr diese Schwäche nicht eingestehen muss.
Wo sich am Anfang noch zwei schweigende Männer unterschiedlichsten Alters gegenübersitzen, keimt nach und nach eine zerbrechliche Nähe, eine Routine auf, die dazu führt, dass Gespräche entstehen, Sorgen, Ängste und Lebensgeschichten ausgetauscht und geteilt werden und zwei Männer erkennen müssen und dürfen, was in ihrem Leben wirklich wichtig ist.

Schreibstil und Handlung:
Klare, schlichte Sätze, Gedanken, die manchmal nicht zu Ende geführt werden, Gespräche, die mitten im Satz stocken...genau dies findet man in "Ich nannte ihn Krawatte". Dies und noch viel mehr. Eine grandiose Geschichte mit unterschiedlichsten Facetten und Hintergrundhandlungen wird genau so erzählt, wie Menschen miteinander sprechen. Manchmal kann man seinen Redefluss fast nicht mehr stoppen, manchmal ringt man verzweifelt nach Worten und manchmal antwortet man auf Fragen, die einem gestellt werden oder die man sich selber stellt.
Erinnerungen, Gedanken, Gefühle, Träume und Wünsche vereinen sich zu der Geschichte einer Begegnung, zur Geschichte zweier Männer, zur Geschichte des Lebens und zur Geschichte der Liebe und des Alltags.

Und du? Was treibt dich her? Ich zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung? Hm, du bist ja noch jung. Achtzehn? Ich fror ein. Neunzehn? Zwanzig? Unglaublich, so jung. Alles vor sich zu haben. Nichts hinter sich.
(S. 27)
Ein älterer Mann trifft auf einen jüngeren Mann und muss nach kurzer Zeit erkennen, wie verloren sie beide doch sind. Ein junger Mann trifft auf einen älteren Mann und erkennt ein Gefängnis, das sie beide umgibt und Gefühle von Verlust und Trauer, die sie beide in ihrem Leben und Sein bremsen. Die Handlung dieses Buches ist durchdacht, weit im Voraus geplant, in sich verschachtelt und trotzdem stimmig und mit einem Sog erzählt, der keinen kalt lässt.

Meine Empfehlung:
Dieses Buch hat mich überrascht und gefesselt. Mit einer schlichten, knappen Sprache, manchmal nur ein paar Gedanken und Andeutungen erzählt und zwei starken Protagonisten, deren Lebensgeschichten spannend, traurig und voller Liebe, Freundschaft und Schmerz sind, hat dieses Buch alles, um uns aus unserem Alltag hinaus und in eine fremde, einsame, triste, kühle Welt zu katapultieren, die sich langsam wieder mit Leben füllt, mit Leben füllen darf und genau darum empfehle ich euch dieses Buch, damit es auch in eurem Leben Spuren hinterlässt.

Zusätzliche Infos:
Titel: Ich nannte ihn Krawatte
Autorin: Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, lebt als Schriftstellerin in Wien und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache.
Taschenbuch: 144 Seiten
Sprache:
Verlag: btb
Erschienen: 10.03.2014 
ISBN: 978-3-442-74656-9

3 Kommentare:

  1. Du machst mich wirklich neugierig auf das Buch. Es steht schon wirklich lang auf meiner Wunschliste, vermutlich seit erscheinen. Wenn die nur nicht so lang wäre, dann hätte ich es sicher schon längst gekauft und gelesen :D Aber irgendwann werde ich das schon schaffen.

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    1. Ja, das mit den Wunschlisten...die wachsen noch schlimmer als unsere SuBs :-)

      Macht aber nichts, vielleicht kann meine Rezi dich ja überzeugen, das Buch schneller bei dir einziehen zu lassen:-)

      Alles Liebe
      Livia

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