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18 Mai 2026

Rezension: Legende

Legende - Ronald M. Schernikau

Beschreibung des Verlages:
Schernikaus Opus Magnum ist Bibel und Travestie, Epos und Musical, ist äußerste Form und Vielfalt der literarischen Formen, ist als dokumentarische Bestandsaufnahme beider Deutschlands in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts von nachgerade bestürzender Aktualität – und immer heiter vertieftes Spiel mit der Änderbarkeit der Welt.
Im Gespräch mit Stefan Ripplinger erklärt Schernikau: „die legende wird als zwischenspiele diese vier großen sachen haben, die bisher nicht gedruckt sind. d.h. es wird fünf große kapitel geben und dazwischen in der chronologischen reihenfolge: die variante, so schön, irene binz und die schönheit. und in der mittleren szene der legende, von der konstruktion her als zentrum, die gedichtesammlung, das hohelied des pförtners, und die artikel, die wichtig bleiben und sind, auch noch integriert in den text. d.h. es wird, in dem moment, wo die legende rauskommt – gott gebe, daß sie jemals erscheint und daß ich sie schreiben kann –, es wird also das opus magnum und es wird alles drinnen sein. […] ich habe ein gewisses vertrauen in die macht dieser texte und denke, daß 1000 seiten schernikau besser sind als 100 seiten schernikau. es wird das kürzeste buch, das ich kenne, dafür kann ich garantieren!“

Inhalt:

sie müssen sich bei eitelkeiten immer klar machen, dass ich zehn jahre lang fast vollkommen erfolglos war, als ich das hier schrieb. sie müssen bedenken, dass ich gezwungen war, mein spätwerk schon in meinen dreissigern zu liefern. wenn sie dieses buch lesen, bin ich berühmt, kunststück aber jetzt! wenn sie dieses buch lesen, bin ich schon lange tot. hoffentlich! die vergangenen zeiten! der heitere abschied! komisch ist, was über die mühe erhebt.
Legende - Ronald M. Schernikau, S. 879

Von 1983 bis 1991 schrieb Schernikau an seinem Opus Magnum. Dem Text also, der ihn überdauern und erst Jahre nach seinem Tod erscheinen würde und der 2019 in einer - in zehnjähriger Überarbeitungsphase entstandenen - Neuausgabe im Verbrecher Verlag erschienen ist. Die Rahmenhandlung begleitet die vier Götter fifi, kafau, stino und tete bei einem Besuch auf der Erde. Sie landen auf einer Insel, auf der sich eine Schokoladenfabrik befindet und deren Bewohner sinnbildlich für das Leben und den Umbruch stehen, in dem Schernikau als überzeugter DDR-Bürger sich während der Arbeit an seinem Montageroman "Legende" befindet. Eingeschoben in diese Handlung, die sich mit dem Entwurf einer neuen Welt einer solidarischen, vorkapitalistischen Gesellschaft im weitesten Sinne eines historischen Materialismus nach Engels, aber natürlich auch den Themen Liebe, Homosexualität, Identität, Unterdrückung Vergebung, Tod und Verantwortung befasst und immer wieder extrem persönlich wird, befinden sich - bis dahin teilweise unveröffentlichte - Essays, ein Theaterstück und ganz viele andere kurze und längere Texte. Dennoch verfolgt Schernikau keine politische Agenda im eigentlichen Sinne, sondern vertritt vielmehr die idealistische Ansicht der bestehenden Möglichkeit auf eine gerechte Welt.

Titel und Aufbau:
Eine Legende ist eine Erzählung, ein Märchen, eine Sage. Eine Legende ist aber auch eine Worterklärung, ein Nachschlagewerk oder eine glorifizierte Person. "Legende" von Ronald M. Schernikau ist all dies und noch viel mehr zugleich. Der deutsche Schriftsteller schafft in seinem letzten und umfangreichsten Werk eine Göttererzählung, ein Fantasiegebilde und stilisiert sich und sein Buch zur Unsterblichkeit hinauf. Ausserdem verwendet er Zitate aus der Popkultur, aus Film und Fernsehen, Literatur, politischen Reden, persönlichen Gesprächen und der Bibel um sein gesellschaftskritisches Gesamtkonzept entstehen zu lassen. Die 900 eng bedruckten Seiten Text und mehr als 100 Seiten Anmerkungen (mit Bauplan der Legende, Worterklärungen, Quellenverzeichnis und Nachwort) lassen nur erahnen, welch grosse Arbeit der Neuausgabe dieses Buches wohl vorausging.
Als dem Autor 1990 bewusst wurde, dass er bald an den Folgen von HIV sterben würde, entschloss er sich in nahezu religiösem Eifer dazu, das Buch zu beenden, noch einmal ganz abzutippen und alles an bis dahin unveröffentlichten Texten darin unterzubringen. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Rahmenerzählung der Legende optisch der Gestaltung der Bibel nachempfunden wirkt. Zahlreiche editorische Notizen im Anhang lassen die Entstehungsgeschichte des Buches in Teilen nachvollziehen und generell ist das Nachwort extrem spannend und aufschlussreich gestaltet. Würde man das Buch aber mit einer üblichen Schriftgrösse herausgeben, würde es wohl insgesamt mindestens 3000-4000 Seiten umfassen. Entsprechend langsam liest sich "Legende".

Herangehensweise und meine Meinung:

Wie bin ich überhaupt auf Schernikau gekommen? Vor mehr als zehn Jahren habe ich gemeinsam mit meinem Vater einen extrem spannenden Dokumentarfilm über Ronald M. Schernikau gesehen. Mein Vater erinnerte sich dabei an das Buch "Kleinstadtnovelle", das er als junger Erwachsener im Lehrerseminar gelesen hatte. Ich machte mich auf die Suche nach Büchern von Schernikau und las innerhalb von zwei Jahren "Königin im Dreck" und "Kleinstadtnovelle". Schon damals wusste ich, dass es irgendwo eine (damals wohl vergriffene oder extrem teure) alte Auflage von "Legende" gab und hielt fortan die Augen nach diesem Opus Magnum offen. 2019 erschien die Neuauflage, was mich riesig freute und 2020 wünschte ich mir das Buch von meinem Mann zu Weihnachten. Ich begann noch im Dezember 2020 mit der Lektüre und ihr habt es sicher auch alle auf die eine oder andere Weise erlebt; Bücher, die einen durch eine so surreale Zeit begleiten und ebenfalls Umbrüche und Umstürze beschreiben, brennen sich noch einmal ganz anders ein.
Das umfangreiche Werk, das Schernikau bis 1991, kurz vor seinem Tod im einundreissigsten Lebensjahr, beschäftigt hat, hat mich somit also mehr als fünf Jahre lang begleitet. Ich habe es nicht gelesen, sondern ich habe es stellenweise inhaliert, mir aber auch oft hart erarbeitet und erkämpft. Die insgesamt über 1000 Seiten haben mich immer wieder unterschiedlich lange Pausen einlegen lassen. Ausserdem habe ich viel durchs Buch geblättert und mich zu eigenen Recherchen anregen lassen. "Legende" ist kein Buch, das man chronologisch und nebenbei liest, der Montageroman lässt einen springen und entdecken, immer wieder vor- und zurückblättern und ich habe wirklich jede einzelne Anmerkung, jeden einzelnen Nachweis mindestens einmal gelesen und dabei oft innegehalten und mich zum Nachdenken anregen lassen.
Das Buch, das auch eine Liebeserklärung an Berlin ist, beinhaltet ganz viel Humor, Spielereien und Skurrilität und auch extrem politische und gesellschaftskritische Gedanken, die kaum an Aktualität eingebüsst haben. Im letzten Teil verliert der Autor, der die Figur "der Neffe von Ulla" als eine Art Alter Ego geschaffen hat, die Distanz zu seinen Figuren und schreibt immer öfter in der ersten Person als "Ronald" und wird nahbarer und emotionaler. Als nämlich die von Schernikau geliebte DDR zerfällt, die seine Mutter 1966 der Liebe wegen mit ihrem kleinen Sohn im Kofferraum eines Autos verlassen und deren Staatsbürgerschaft er sich erst im September 1989 wieder erkämpft hatte, steht er als überzeugter Kommunist den Trümmern seiner Träume gegenüber.
Als sich gegen Ende des Buches auch der nahende Tod des 1990 mit AIDS diagnostizierten Schernikaus erahnen lässt, philosophiert er über das Sterben und den Schmerz, das Verlieren und Vermissen und das, was bleibt. Er hat mich damit tief berührt. Denn "Legende" ist vor allem auch eine Hommage an die Liebe. Die Liebe zur Hoffnung auf eine bessere Welt, die Liebe zu Wegbegleitern wie seinem Partner Thomas Keck und die Liebe zu seiner Mutter Ellen Schernikau, der die Figur Irene Binz nachempfunden ist und der Schernikau mit seinem Buch ein Denkmal geschaffen hat.

Meine Empfehlung:
Dem Buch und dem Autor, Denker und Idealisten Schernikau, der mich schon mit "Kleinstadtnovelle" und "Die Königin im Dreck" für sich eingenommen hat, werde ich spätestens nach dieser Lektüre auf ewig verbunden bleiben und seine "Legende" wird für immer einen grossen Platz in meinem Leseleben einnehmen. Wenn ihr einige Stunden - oder wie in meinem Fall Jahre - zum Lesen dieses monumentalen Werkes erübrigen könnt, dann macht das. Und meldet euch bei mir, damit wir uns darüber austauschen können.

Zusätzliche Infos:
Titel:
Legende
Autor: Ronald M. Schernikau, geboren 1960 in Magdeburg, DDR, aufgewachsen in Hannover, BRD. 1980 Umzug nach Westberlin, Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie. Ab 1986 Studium am "Institut für Literatur Johannes R. Becher" in Leipzig, DDR. 1989 Staatsbürgerschaft der DDR und Übersiedlung nach Berlin. Dramaturg Hörfunk und Fernsehen bis zu seinem Tod 1991. Veröffentlichungen: "kleinstadtnovelle" (1980), "die tage in l." (1989), "dann hätten wir noch eine chance" (1992), "legende" (1999). Siehe auch www.schernikau.net
Herausgegeben von: Lucas Mielke, Helen Thein und Thomas Keck
Sprache: Deutsch
Leinen mit zwei Lesebändchen: 1072 Seiten
Verlag: Verbrecher Verlag
Ersterscheinung: 30.09.2019
ISBN:9783957323422

6 Kommentare:

  1. Hey Livia,

    das klingt wirklich nach einem Lebensprojekt. :D

    Ich freue mich sehr darüber, dass Du so eine gute und intensive Zeit mit diesem Buch erlebt hast.

    Es bleibt auf jeden Fall im Blick, wobei ich wirklich erstmal andere Projekte abschließen muss. So langsam wachsen sie mir nämlich über den Kopf ;-)

    Aber vielen Dank für die Vorstellung dieses Buches, denn zugegebenermaßen habe ich zuvor noch nie davon gehört.

    Liebe Grüße Melli

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    1. Liebe Melli

      Oh ja, das war es. Aber du könntest mal eher einfach mit "Kleinstadtnovelle" oder "Die Königin im Dreck" beginnen, beide Bücher habe ich geliebt. Die Novelle ist halt wirklich eine Novelle, eher kurz und knackig, "Königin im Dreck" enthält verschiedene Texte, die kann man auch gut nebenher lesen, finde ich.

      Aber dann kannst du dir mal ein Bild vom Schreibstil machen und ich habe einfach den Film gefunden, den ich vor Jahren gesehen und der mich auf Schernikau aufmerksam gemacht hat. Keine leichte Kost, aber ein wirklich toller Film!!! https://www.youtube.com/watch?v=C1L6SBPoUDc

      Alles Liebe
      Livia

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  2. Hallo Livia,

    deine Rezension macht mich gleichzeitig neugierig und schreckt mich ab. Es klingt sehr interessant und dieser Götter-Teil, gleichzeitig aber mit DDR Einfluss klingt irgendwie surreal und spannend. Es ist fast so, als ob ich direkt danach greifen wollen würde. Auf der anderen Seite schrecken mich über 1000 Seiten ab. Dazu noch mit Zeitsprüngen und Einladungen selbst im Buch zu springen... es klingt auch etwas philosophisch und so, als ob es echt anstrengend wäre. Ich bin nicht überrascht, dass du fünf Jahre gebraucht hast, habe aber großen Respekt davor, dass du es beendet hast und so begeistert bist!

    Zudem bin ich nicht sicher: Was du beim Inhalt zitierst, ist alles kleingeschrieben, ohne Groß- und Kleinschreibung. Ist das so ein Stilmittel des Buches? Das kann ich leider gar nicht lesen, konnte es da oben schon nicht.

    Vielen lieben Dank für diese Rezension zu einem mir völlig unbekannten Werk und Autor! Es ist immer wieder schon solche Lebensbücher anderer Menschen vorgestellt zu bekommen!

    Liebe Grüße,
    Sandra

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    1. Liebe Sandra

      Schernikau war wirklich eine extrem spannende Person, die leider viel zu früh verstorben ist. Vielleicht wäre es für dich spannend, ein Buch über ihn zu lesen? Ich habe mir auf jeden Fall "Der letzte Kommunist" vorgemerkt, das Buch möchte ich unbedingt lesen und klar, die Doku (sie ist in der Rezi verlinkt) kannst du dir ja auch einmal ansehen.

      Ja....und die über 1'000 Seiten sind so gedruckt, dass das Buch mit Normseiten wohl mindestens 3'000-4'000 Seiten umfassen würde. Was dir zur Schrift aufgefallen ist, habe ich in der Rezension gar nicht erwähnt, weil es mich nie stört, wenn etwas anders geschrieben ist, aber ja, du hast recht, das kann abschreckend sein. Abgesehen von einem Abschnitt ist alles kleingeschrieben. Du findest in meinem Instagram-Post noch mehr Bilder von den Buchseiten: https://www.instagram.com/p/DYfrGJBAGzP/?img_index=1

      Vielen Dank für deinen Kommentar, ich habe mich riesig darüber gefreut!
      Livia

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  3. Schönen guten Morgen!

    Jetzt war ich natürlich neugierig auf deine Rezension - das scheint ja ein ganz schönes Mammutwerk zu sein, da kann ich absolut verstehen, dass das seine Zeit gedauert hat! Der Autor scheint ja auch ein sehr spezieller und interessanter Mensch gewesen zu sein und ich freu mich, dass du hier viel Inspiration gefunden hast, die dich auch zum weiteren Nachforschen gebracht hat!
    Für mich wäre das leider nichts. Wir haben ja witzigerweise heute beim TTT das Thema: Sachbücher/Biografien und man merkt, dass das einfach wenig lesen - und auch ich viele Jahre zurückgehen musste, um meine Liste mit 10 Büchern zu füllen. Gerade Auto/Biografien reizen mich leider gar nicht...

    Dennoch vielen Dank für deine tolle Vorstellung <3

    Ich hab auch gerade ein Buch das recht klein gedruckt ist und dennoch über 1000 Seiten hat und an dem ich sicher auch die nächsten Monate Stück für Stück weiterlesen werde - das ist auch nicht so einfach geschrieben und jetzt alles auf einmal könnte ich nicht lesen, da würde ich die Lust verlieren... Toll dass du hier durchgehalten hast!

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Liebe Aleshanee

      Oh ja, "Mammutwerk" trifft es wirklich. Vielleicht war das nicht so klar, das Buch ist - wenn überhaupt - nur gaaaaaanz am Rande autofiktiv. Immer wieder kommen zwar Szenen vor, die natürlich vom Leben in der DDR inspiriert sind und klar, gegen Ende bricht das noch viel mehr auf, ansonsten ist aber extrem viel fiktiv und ich wüsste gar nicht, ob man das Buch überhaupt in einem Genre unterbringen könnte...

      Ich würde dir auf jeden Fall die in der Rezension verlinkte (erstaunlich kurze) Doku über Schernikau empfehlen, ich finde sie wirklich toll und beeindruckend gemacht.

      Alles Liebe und vielen Dank, dass du dir meine umfangreiche Rezension angesehen hast
      Livia

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