Rezension: Was man von hier aus sehen kann

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Was man von hier aus sehen kann - Mariana Leky

Beschreibung des Verlages:
Von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben
Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen oder verschwinden lassen, erzählt Mariana Leky in ihrem Roman.
›Was man von hier aus sehen kann‹ ist das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt. Aber es ist vor allem ein Buch über die Liebe unter schwierigen Vorzeichen, Liebe, die scheinbar immer die ungünstigsten Bedingungen wählt. Für Luise zum Beispiel, Selmas Enkelin, gilt es viele tausend Kilometer zu überbrücken. Denn der Mann, den sie liebt, ist zum Buddhismus konvertiert und lebt in einem Kloster in Japan …

Selmas Traum aber schuf Tatsachen. War ihr im Traum ein Okapi erschienen, erschien im Leben der Tod; und alle taten, als würde er wirklich erst jetzt erscheinen, als käme er überraschend angeschlackert, als sei er nicht schon von Anfang an mit von der Partie, immer in der erweiterten Nähe, wie eine Tauftante, die das Leben lang kleine und grosse Aufmerksamkeiten vorbeischickt.

Was man von hier aus sehen kann, S. 21

Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich zu meinem Geburtstag Ende November bekommen und es wurde begleitet von einer Karte mit einer so deutlichen Leseempfehlung, dass ich "Was man von hier aus sehen kann" sofort lesen musste. Vor einigen Tagen schon war ich damit durch und habe seitdem um Worte gerungen. Was ich aber definitiv sagen kann: ich bin unendlich froh, so schnell zu diesem Buch gegriffen zu haben. Ich habe darin nämlich alles gefunden, was für mich ein wahrer Klassiker der Gegenwartsliteratur haben muss: Intensität, Spannung, Poesie, Schmerz, Witz, Liebe, Freundschaft und ganz viele wundervolle Figuren, berührende Beschreibungen und überraschende Wendungen.
Noch immer fällt es mir schwer, in Worte zu fassen, wie sehr mir dieses Buch gefallen hat. Vor allem die Figuren haben es mir dabei angetan (abgesehen davon, dass Handlung und Schreibstil einfach brillant sind, klar). Ich habe beim Lesen eine Achterbahn der Gefühle erlebt, einige spannende und wissenswerte Dinge über die (Tier-)Welt, das Leben, den Buddhismus, den Tod, die Freundschaft und die Liebe gelernt und ich durfte immer wieder innehalten, weil mich ein Satz oder auch nur ein Wort hat nachdenklich werden lassen.  

Wir konnten alles Mögliche mit der Liebe. Wir konnten sie mehr oder weniger gut verstecken, wir konnten sie hinter uns herziehen, wir konnten sie hochheben, durch alle Länder der Welt tragen oder in Blumengebinden verstauen, wir konnten sie in die Erde legen und in den Himmel schicken. All das machte die Liebe mit, langmütig und biegsam, wie sie war, aber verwandeln konnten wir sie nicht. 

Was man von hier aus sehen kann, S.235


Schreibstil und Handlung:
Die Geschichte von Luise und ihrer Grossmutter Selma, sowie den herrlich skurrilen und genau deswegen so liebenswerten Dorfbewohnern, beginnt an einem Tag wie jedem anderen. Nur hat Selma in dieser Nacht von einem Okapi geträumt, was bedeutet, dass innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden jemand aus dem Dorf sterben wird. Aus Angst, selber bald nicht mehr zu leben, versuchen alle, ihre letzten Dinge zu regeln, Geständnisse zu machen, Ordnung zu schaffen und sich zu schützen vor diesem drohenden Unheil. Dabei kommen Sehnsüchte und lange gehütete Geheimnisse zu Tage, die nie hätten entdeckt werden sollen, oder die schon lange überfällig waren. Vor allem der Optiker mit seiner Ledertasche voller Briefanfänge und die wunderliche Elsbeth habe ich neben Luise und Selma ins Herz geschlossen. Aber diese Geschichte wird noch viel weiter gesponnen: plötzlich öffnen und schliessen sich Türen, alkoholhaltige Schokolade wird zuerst von zwei, dann nur noch von einer Hand aus dem Papier gewickelt, ein Mann will die Welt sehen, ein Hund namens Alaska, der eigentlich nur eine Metapher ist und dann doch immer mehr wird, taucht auf und Luise entdeckt mitten im Wald drei buddhistische Mönche.
Aus Luises Sicht wird die Geschichte eines Dorfes, die Geschichte von grossen Träumen und dem Leben und der Welt, die man entweder hineinlassen kann oder nicht, erzählt. Wie der Optiker, der es schafft, selbst die entlegensten Begriffe und Themen in Einklang zu bringen, schafft Mariana Leky es, dass so viele Ereignisse, Worte, geheime Wünsche und Figuren mit ihren unterschiedlichsten Ansichten, Werten, Träumen und Vergangenheiten zu einer Einheit werden. Sie setzt Japan mir dem Westerwald an einen Tisch, der so gross sein muss, dass er wohl eher eine Tafel ist und sie lässt die Liebe mit dem Tod, den Schmerz mit dem Neuanfang pokern.
Und dies gelingt ihr scheinbar mühelos, mit einer leichten, poetischen und trotzdem eindringlichen, ja überwältigenden Sprache, mit Gefühlen, welche die Buchseiten fast sprengen, welche mich beim Lesen lachen, weinen, fluchen und träumen liessen, welche mich das Buch entsetzt haben sinken, die Seiten voller Spannung und Rührung umblättern lassen und mit geschriebenen Bildern, die mich in den Westerwald und in die Welt der Figuren entführt haben und die ich nicht mehr vergessen werde.

Ich dachte an die Bahnhofsuhr, unter der der Optiker uns die Zeit und ihre Verschiebungen beigebracht hatte. Ich dachte an alle Zeit der Welt, alle Zeitzonen, mit der ich es zu tun bekommen hatte, an die beiden Uhren am Handgelenk meines Vaters. Das ist das wirkliche Leben, dachte ich, das ganze grossflächige Leben, und nach Punkt siebzehn zerknüllte ich die Aufbauanleitung und baute ohne weiter, und am Schluss stand da ein Regal, das relativ gerade war.

Was man von hier aus sehen kann, S. 261

Meine Empfehlung:
Mariana Leky ist mit "Was man von hier aus sehen kann" ein überragendes Werk gelungen, das heraussticht und sich komplett von der Masse abhebt. Dies gelingt ihm nicht mit schrillen Farben und lauten Worten, sondern mit einer berührenden und mitreissenden Stille und Intensität, einem Schmerz, der so überraschend und überwältigend vom Leser Besitz ergreift, dass man sich weder darauf vorbereiten, noch davon befreien kann, aber auch so vielen zum Weinen schönen, tröstenden Worten und Gesten, dass man sich nach dem Straucheln wieder fängt und das Buch nach dem Lesen der letzten Seite schliesst und von da an immer in seinem Herzen mitträgt.

Wenn es keinen Hof zu übernehmen gab, das wusste Selma, sollte man seine Kinder ermuntern, in die Welt hinauszuziehen. Selma hatte keinen Hof, sie hatte nur sich und ein schiefes Haus, das womöglich zusammenfallen würde, bevor man es übernehmen könnte, und sie wusste, dass ein Hinausziehen in die Welt besonders für meinen Vater richtig gewsen wäre.

Was man von hier aus sehen kann, S. 308

Zusätzliche Infos:
Titel: Was man von hier aus sehen kann
Autorin: Mariana Leky studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Bei DuMont erschienen der Erzählband ›Liebesperlen‹ (2001), die Romane ›Erste Hilfe‹ (2004) sowie ›Bis der Arzt kommt. Geschichten aus der Sprechstunde‹ (2013). 2017 erschien ihr Roman ›Was man von hier aus sehen kann‹, der wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Die Autorin lebt in Berlin und Köln. Mit ihren ersten Erzählungen gewann sie den Allegra Preis 2000. Für den 2001 bei DuMont erschienenen Erzählband ›Liebesperlen‹ wurde sie mit dem Niedersächsischen Literaturförderpreis und dem Stipendium des Landes Bayern ausgezeichnet. 2005 wurde sie für ihren Roman ›Erste Hilfe‹ mit dem Förderpreis für junge Künstler in der Sparte Dichtung/Schriftstellerei des Landes NRW ausgezeichnet. ›Was man von hier aus sehen kann‹ ist das ›Lieblingsbuch der Unabhängigen‹ 2017 – gewählt von Buchhändlerinnen und Buchhändlern aus ganz Deutschland.
Fester Einband mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 320 Seiten
Verlag: Dumont
Erscheinungstag: 18.07.2017
ISBN: 978-3-8321-9839-8

Kommentare:

  1. Hallo Livia :)

    Ooooh, das freut mich, dass du dieses Buch bereits gelesen hast! :) Bei mir liegt es nämlich schon auf dem Nachtkästchen, nachdem meine Mutter es mir allerwärmstens empfohlen hat. Jetzt eine weitere begeisterte Meinung zu hören erhöht meine Vorfreude natürlich noch zusätzlich. Womöglich werde ich es gleich dieses Jahr noch einschieben oder zu einem gelungenen Jahresstart 2018 machen. Ich freu mich.

    Liebe Grüße!

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    1. Liebe Misty

      Es wird so oder so perfekt passen. Die Frage ist, ob du wirklich noch so lange warten kannst :-)

      Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Vergnügen mit dem Buch
      Livia

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  2. Liebe Livia,

    tolle Rezi. Mir hat das Buch auch gut gefallen, habe aber nur 4 Sterne vergeben, weil ich mich erst etwas einlesen musste. Dennoch eine amüsante und tiefsinnige Lektüre!

    Liebe Grüße von Conny

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    1. Liebe Conny

      Herzlichen Dank für das liebe Kompliment.

      Das erstaunt mich nun aber sehr, der Schreibstil ist doch wirklich ganz flüssig. Oder waren es die sprachlichen Finessen, welche dich irritiert haben?

      Liebe Grüsse auch an dich
      Livia

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  3. Liebe Livia,
    ich habe das Buch öfters auf Blogs gesehen, muss aber zugeben, dass ich es nicht richtig beachtet habe. Nach deiner begeisterten Rezension ist nun aber auf meinem - ellenlangen - Wunschzettel gelandet.
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Liebe Martina

      Wirklich, lass dieses Buch bitte ganz weit nach oben rutschen in deiner Liste, es lohnt sich sehr und ich bin mir ziemlich sicher, dass es dir gefallen wird :-)

      Alles Liebe dir
      Livia

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  4. Ui, das scheint ja ein absolutes Herzensbuch für dich geworden zu sein, Livia! Das sollte ich mir wohl unbedingt auf die Wunschliste setzen, du kommst ja gar nicht mehr raus aus dem Schwärmen. :-)

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    1. Liebe Janine

      Das stimmt. Ich werde morgen einkaufen gehen und es gleich für fünf liebe Menschen kaufen. Mindestens :-)

      Alles Liebe
      Livia

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