Rezension: Die Sturmschwester

https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Sturmschwester/Lucinda-Riley/Goldmann/e470965.rhd 
Die Sturmschwester - Lucinda Riley

Reihe: Die sieben Schwestern
1. Die sieben Schwestern
2. Die Sturmschwester
3. Die Schattenschwester
4. Die Perlenschwester

Beschreibung des Verlages: 
Der Wind und das Wasser, das sind die großen Leidenschaften in Allys Leben, die sie zu ihrem Beruf gemacht hat: Sie ist Seglerin und hat bei manch riskanter Regatta auf den Meeren der Welt ihren Mut unter Beweis gestellt. Eines Tages aber stirbt völlig überraschend ihr geliebter Vater Pa Salt, und Ally reist zu dem Familiensitz am Genfer See. Wie auch ihre fünf Schwestern wurde sie als kleines Mädchen von Pa Salt adoptiert und kennt ihre wahren Wurzeln nicht. Ihr Vater hinterlässt ihr aber einen rätselhaften Hinweis auf ihre Vorgeschichte – die Biographie eines norwegischen Komponisten aus dem 19. Jahrhundert, in dessen Leben die junge Sängerin Anna Landvik eine schicksalhafte Rolle spielte. Allys Neugier ist geweckt, und sie begibt sich auf Spurensuche in das raue Land im Norden. Sofort ist sie zutiefst fasziniert von der wilden Schönheit der Landschaft, aber auch von der betörenden Welt der Musik, die sich ihr dort eröffnet. Und als sie schließlich dem Violonisten Thom begegnet, der ihr auf unerklärliche Weise vertraut ist, fängt sie an zu ahnen, dass ihre jugendliche Liebe zur Musik kein Zufall war...

Meine Meinung:
Sicher erinnert ihr euch noch an meine Begeisterung über den ersten Band der Reihe "Die sieben Schwestern". Ich habe ihn damals mit Janine in einer Blogleserunde gelesen und dabei eine neue Welt für mich entdeckt. Eigentlich wollten wir auch diesen zweiten Band zusammen lesen, aber leider habe ich vom Verlag dann kein Rezensionsexemplar mehr erhalten und musste mich buchkauftechnisch so oder so einschränken und als dann in der Bloggerwelt die ersten nicht mehr ganz so begeisterten Reaktionen auftauchten, wollte ich das Buch auch gar nicht mehr lesen. Vorerst.
Zum Glück habe ich es mir trotzdem gekauft und es hat mir vom Aufbau her wieder sehr gut gefallen. In der Gegenwart wird die Seglerin Ally beschrieben, die mir persönlich sofort sympathisch und die Pa Salt mit ihrer Leidenschaft zum Segeln wohl auch am ähnlichsten war.
In der Vergangenheit erfahren wir die Geschichte der fiktiven Figur Anna Landvik, der Sängerin, welche Solvejg in der Uraufführung von "Peer Gynt" ihre Stimme geliehen hatte, einer unterjochten, von Selbstzweifeln zerfressenen Frau mit einem magischen Talent zum Singen.
Ausnahmsweise einmal hat mir die Handlung in der Gegenwart besser gefallen, als die Handlung in der Vergangenheit. In der Gegenwart reist Ally nämlich nach Norwegen, um ihre Wurzeln zu suchen und Abstand zu gewinnen von ihrem Leben in Genf und auf den Weltmeeren.
Persönlich kann ich nachvollziehen, dass Rileys Frauenfiguren in ihren Zeitsträngen, welche in der Vergangenheit spielen, sehr unterwürfig sind. Sie zeichnet damit ein damals übliches Frauenbild, das uns heutigen Frauen zum Glück aufwühlt und auf die Palme bringt. Dennoch erkenne ich in ihrer Geschichte über Anna auch einen naiven Glauben daran, dass man sich auch in einer gescheiterten Ehe und Beziehung treu sein soll, um wirklich glücklich zu werden, was ich so auch als der damaligen Zeit nicht entsprechend empfinde.
Zudem habe ich einen weiteren Kritikpunkt, den wohl viele von euch so nicht erkannt haben: Rileys Beschreibungen des Musikerlebens entsprechen in einigen Punkten ganz klar nicht der Realität und sind schlicht schlecht recherchiert. Darauf gehe ich aber in einem weiteren Punkt ein.

Schreibstil und Handlung:
Wie bereits erwähnt unterscheiden sich die beiden Zeitstränge, in denen diese Geschichte erzählt wird, stark. Allys Gegenwart wird dabei realistischer authentischer und differenzierter dargestellt, als die Vergangenheit. Dies fordert natürlich seinen Preis und es geht deshalb sehr lange, bis Ally endlich einmal nach Norwegen aufbricht. Auch bei ihr hat ein weiteres Ereignis in der Gegenwart dazu geführt, dass sie ihre Wurzeln kennenlernen will. Und auch wenn ich verstehe, dass die sieben Schwestern direkt nach Pa Salts Tod - den ich ihm immer noch nicht abnehme - in ihrer Situation als zusammengewürfelte Adoptivfamilie vorerst kein Interesse haben, grosse Nachforschungen anzustellen, warte ich noch auf die Schwester, die sich ohne weitere persönliche Krise, sondern einfach aus Neugier in dieses Abenteuer der Suche nach der Vergangenheit stürzt. Aber wer weiss, vielleicht benötigt man eine Krise, um sein aktuelles Leben pausieren lassen zu wollen, ansonsten würde man es ja wohl einfach glücklich weiterleben.
Zumindest inhaltlich war dieses Buch aber sehr schlüssig. Und auch wenn ich einzelne Fehler in den Recherchen gefunden habe, so hat Lucindy Riley einen sehr guten Job gemacht, was Griegs und Ibsens Leben, Werk und Zusammenarbeit anbelangt. Vor allem aber hat mich ihr Schreibstil einmal mehr überzeugt und mich über einzelne Längen und Aufreger hinweggetragen. Ausserdem hat Lucinda Riley uns Leserinnen und Lesern wieder einige Rätsel und mögliche Antworten präsentiert, was mir grossen Spass gemacht hat, wenn auch die letzten zweihundert Seiten leider sehr vorhersehbar waren.

Das Musikerleben und Grieg in "Die Sturmschwester":
Vor einem Jahr habe ich mich für meine Masterarbeit intensivst mit Grieg und Ibsen und ihren Werken, vor allem aber der Peer Gynt Suite und ihrer Einbettung in den Instrumentalunterricht befasst. Deshalb wage ich zu behaupten, dass Grieg mir alles andere als fremd ist. Nur einmal möchte ich deshalb klarstellen, dass Edvard Grieg damals nur sehr widerwillig die Schauspielmusik zum Stück "Peer Gynt" von Henrik Ibsen komponiert hat. Ihm waren die Szenen zu deftig, plump und plakativ. Genau so gesellschaftskritisch und zugleich kitschig und oberflächlich ist dann seine Musik dazu ausgefallen. Diese Musik, deren bekannteste Werke in den zwei Peer Gynt Suiten für Orchesterbesetzung zusammengefasst wurden. In einer anderen Reihenfolge als im Schauspiel.
Ich denke, dass dies nicht allen Leserinnen und Lesern von "Die Sturmschwester" klar geworden ist und klar wird, weil Riley dies auch nicht wirklich ausdrücklich erwähnt und auch das nicht einfache Verhältnis zwischen Ibsen und Grieg, sowie zwischen Grieg und seinen Peer Gynt Suiten, die er für grässlich überzogen hielt, total aussen vor lässt. Dies hätte meiner Meinung nach einiges relativiert. "Die Morgenstimmung" hat übrigens nichts mit der fiktiven Anna Landvik zu tun. Wer sich vorstellen will, wie Anna geklungen haben könnte, wenn es sie denn gegeben hätte, soll sich bitte "Solvejgs Lied" und "Solvejgs Wiegenlied" anhören.

Einzelne falsch oder unklar recherchierte Details nun in der Übersicht:
  • Als Ally auf den Pianisten Willem trifft, erinnert es sich daran, von ihr die "Sonate für Flöte und Klavier" gehört zu haben. Es gibt hunderte Sonaten für Flöten und Klavier und erst viele Seiten später wird klar, dass er die Sonate für Flöte und Klavier von Francis Poulenc meint, welche allerdings nicht unter dem alleinigen Namen "Sonate für Flöte und Klavier" bekannt ist, sondern nur mit Nennung des Komponisten klar identifiziert werden kann
  • Ich kenne wirklich viele Flötistinnen und nur zwei, die - wenn auch ganz selten - bei einem Konzert Lippenstift auftragen. Muss ich mehr zur Ironie von Querflöte und Lippenstift bei der Hitze von Scheinwerferlicht und in stetiger Bewegung sagen?
  • Auch setzt Ally ihre Flöte an die Lippen. What? Das ist ja genau das Problem, habt ihr schon einmal eine Querflöte an einer Lippe gesehen? Da geschieht vieles, aber ein Klang wird nicht erzeugt. Unser Problem ist ja genau, dass dieses sehr instabile Instrument dann auch noch am Kinn "haften" sollte
  • Ein Konzertpianist, der vor allem als Solist tätig ist, schliesst sich eigentlich keinem Orchester an, sondern wird für jedes Konzert als Solist neu gebucht. In vielen sinfonischen Werken gibt es auch diese eine Flügelpassage, die so unendlich schwer zu spielen ist, während der Orchesterpianist während des restlichen Werks als Orchestermusiker fungiert. Diesen Job kriegt aber nie ein Solist (abgesehen davon würde ein Klaviervirtuose nie in einem Orchester mitwirken), der tourt ja mit Solokonzerten. Dies macht dann ein Orchesterpianist. Gleiches Instrument, verschiedene Funktionen, verschiedene Personen
  • Genau so, wie ein Klaviervirtuose nie in einem Orchester mitspielt, wird man nicht einfach für eine Orchesterstelle angefragt. Dieser Schnitzer hat mich fast am meisten geärgert. Er suggeriert, dass es reicht, durch die richtigen Kontakte an Stellen zu kommen, für die sich sonst hunderte Menschen in den Fuss schiessen würden. Erst nach einem komplizierten Aufnahmeverfahren, wo mit härtesten Bandagen gekämpft wird, kann ein Musiker nämlich mit viel Können und dem nötigen Quäntchen Glück eine Orchesterstelle gewinnen.

Meine Empfehlung:
Trotz einiger Längen, Rechercheschnitzern und einer gewissen Vorhersehbarkeit, empfehle ich diesen zweiten Band der Reihe gerne weiter. "Die Stumschwester" überzeugt mit magischen Landschaften auf hoher See und in Norwegen, der sympathischen Protagonistin Ally, mit einem grandiosen Schreibstil und einem fantastisch durchdachten Plott, der sich durch diese sieben Bände zieht und hoffentlich dann mit einem Paukenschlag endet. 

Weiterführende Literatur (ein Klick aufs Bild führt zu meiner jeweiligen Rezension):
 http://samtpfotenmitkrallen.blogspot.ch/2015/10/kurzrezension-edvard-grieg.html http://samtpfotenmitkrallen.blogspot.ch/2015/12/kurzrezension-edvard-grieg-biografie.html http://samtpfotenmitkrallen.blogspot.ch/2015/10/rezension-peer-gynt.html

Zusätzliche Infos: 
Titel: Die Sturmschwester
Originaltitel: The Storm Sister
Autorin: Lucinda Riley wurde in Irland geboren und verbrachte als Kind mehrere Jahre in Fernost. Sie liebt es zu reisen und ist nach wie vor den Orten ihrer Kindheit sehr verbunden. Nach einer Karriere als Theater- und Fernsehschauspielerin konzentriert sich Lucinda Riley heute ganz auf das Schreiben – und das mit sensationellem Erfolg: Seit ihrem gefeierten Roman »Das Orchideenhaus« stürmte jedes ihrer Bücher die internationalen Bestsellerlisten. Lucinda Riley lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern an der englischen Küste in North Norfolk und in West Cork, Irland.
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Englisch
Übersetzt von: Sonja Hauser
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag: 576 Seiten
Verlag: Goldmann
Erschienen: 09.11.2015
ISBN: 978-3-442-31395-2 

Kommentare:

  1. Hallo Livia,

    deine fundierte Rezension, besonders zu den musikalischen Hintergründen, hat mir super viel Spaß gemacht zum Lesen. Wenn das Buch nur halb so gut ist wie deine Rezension, hat es mich überzeugt :)

    Grüße
    Daniela

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    1. Liebe Daniela

      Vielen herzlichen Dank für dieses schöne Kompliment.

      Liebste Grüsse
      Livia

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  2. Liebe Livia,
    siehst du...diesmal bin ich beim Buch über diese Schnitzer drübergefallen! Und was ärgere ich mich immer, wenn Kunden anrufen und sagen sie wollen ein Notenheft für Flöte und Klavier....gibt ja nur hunderte davon....
    Ich habe wohl ziemlich ungenau gelesen, denn ich kann mich auch gar nicht an diese Stellen erinnern....das mit dem Lippenstift wäre mir sonst sicher auch aufgefallen....aber ja....
    Toll, dass du hier alles aufgelistet hast!! Ich war wohl zuviel verliebt in die norwegische Landschaft ;), denn Musik und Norwegen sind für mich normaler Weise schon Pluspunkte.
    Tolle Rezi liebe Livia!
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Liebe Martina

      Ja, in deinem Job würde ich wohl oft manchmal verzweifeln. Ich kriege nur schon Schnappatmung, wenn jemand meiner Schüler dieses "Lied" von Mozart spielen möchte und dabei den türkischen Marsch meint oder so :-)

      Normalerweise kann ich auch darüber hinweglesen, wenn alles andere stimmt. Hier war es aber für mich einfach zu augenfällig und der Rest hat mich dann nicht ganz so sehr überzeugt, als dass ich die Fehler einfach ignorieren hätte können.

      Ganz liebe Grüsse dir
      Livia

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    2. Ganz besonders toll ist es, wenn die Kunden anrufen und das blaue Heft haben wollen....=)
      Oft sind aber auch die Musiklehrer furchtbar und sagen den Eltern nicht wirklich viel oder geben nicht den Titel des Notenheftes an, sondern was als Zusatz dabeisteht wie z.Bsp. "Lieder und Duette".....

      Liebe Grüße
      Martina

      P.S.: Von Nicole Steyer würde ich dir am ehesten "Der Fluch der Sommervögel" empfehlen.

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  3. Ja, das glaube ich dir. Manchmal sehen die Menschen aber auch gar nicht, was hinter so einer Materie alles steckt. Ich stelle mir gerade vor, ich müsste Fussballschuhe kaufen...da würde ich doch nicht einfach hingehen und "die blauen Schuhe" verlangen, da gibt es ja so viel, worauf man achten muss. Bei Musikalien und auch sonst allem, was mit Musik zu tun hat, hält sich gleich jeder für ein Profi und beim Musikunterricht....ich will gar nicht davon anfangen.

    Danke für den Tipp, das klingt gut und scheint sich sogar auf meiner Wunschliste zu befinden. Und sonst wandert es dorthin :-)

    Ganz liebe Grüsse
    Livia

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