Rezension: Glennkill

Glennkill - Leonie Swann

Der Klappentext:
Leblos liegt der Schäfer George Glenn im irischen Gras, ein Spaten ragt aus seiner Brust. Die Schafe von George sind entsetzt: Wer kann den Schäfer umgebracht haben? Und warum? Miss Maple, das klügste Schaf der Herde, beginnt sich für den Fall zu interessieren. Glücklicherweise hat George seinen Schafen vorgelesen, und so trifft sie das kriminalistische Problem nicht ganz unvorbereitet. Unerbittlich folgen die Schafe der Spur des Täters und kommen den Geheimnissen der Menschenwelt dabei nach und nach auf die Schliche - bis es ihnen schliesslich gelingt, Licht ins Dunkel zu bringen und den rätselhaften Tod ihres Schäfers aufzuklären.

Meine Meinung:
Ich habe dieses Buch direkt nach "Muh!" gelesen und hatte darum keine Mühe, mich in die Tiere im Buch hinein zu versetzen. Nur ist "Glennkill" alles andere als heiter und fröhlich. Es strotzt nur so vor rabenschwarzem Humor, Melancholie und Spannung und ist mit seiner poetischen Sprache wohl eines der am schönsten geschriebenen Bücher in meinem Regal. Die selbstständig handelnden Schafe im Buch und ihre wunderbaren Ideen in Bezug auf die Menschenwelt haben mir sehr gut gefallen und die düstere Stimmung im Buch hat mich total in ihren Bann gezogen. Man darf keinen herkömmlichen Krimi erwarten, wenn man Glennkill in die Hand nimmt. Kein plakatives Blutvergiessen, keine permanente sexuelle Spannung im Ermittlerteam oder zwischen Täter und Kommissarin, keine Zeugenbefragungen, wie wir uns das gewohnt sind. Ja, nicht einmal wirklich getrauert wird. Dafür aber geht die Angst um im kleinen Örtchen Glennkill. Jeder scheint verdächtig oder benimmt sich zumindest so. Ins Visier unserer vierbeinigen Ermittler gerät sogar Gott. Zwar in Form des Pastors, aber da sie missverständlicherweise annehmen, sein Name sei "Gott" erhält das Ganze eine skurrile, satirische und religionskritische Note:

"Dieser 'Gott' scheint mir ziemlich verdächtig", sagte Mopple. "Er hat anscheinend schon mehrere Leute auf dem Gewissen. Das mit dem Lamm ist wahrscheinlich nur ein Vorwand. Du hast ja gemerkt, dass er mit Lämmern nicht umgehen kann."
(S. 39)

Schreibstil und Handlung:
Von Anfang an tauchen verschiedene Erzählstränge auf, die teilweise auch zu verschiedenen Zeiten spielen und so bewusst für Verwirrung sorgen. Nach und nach wird aber alles klarer, plötzlich machen die unterschiedlichen Ereignisse Sinn und die teilweise sehr naiv wirkende Art der Schafe - die ja gewisse Dinge, die für uns Menschen normal sind, gar nicht nachvollziehen können oder so nicht kennen - wirkt sehr authentisch. Es entsteht durch die Fragen der Schafe und ihre Interpretationen gewisser Ereignisse ein sehr philosophischer Sprachfluss. Auch die Namen der Figuren und Schafe und ihre Aufgaben im Buch sprechen für ein von Grund auf durchdachtes Konzept, das immer mehr durchschimmert und so für Klarheit sorgt. Exkurse in die Welt des Traumes und der Fantasie werfen existentielle Fragen auf und lassen die Grenzen von Realität und Imagination verschwimmen.
Die Grundstimmung dieses Buches ist geprägt von einer dichten und mächtigen Angst, die auf jeder Seite aufflimmert und die Menschen vergiftet. Nicht so die Schafe. Sie fürchten sich zwar auch, fühlen sich aber innerhalb ihrer Herde geschützt. Ein sanftes Gruseln, dramatische Ereignisse, bissiger und tiefschwarzer Humor und eine Sprache, die ihresgleichen sucht, vereinen sich in diesem Buch zu einem philosophischen Krimi, der fast mehr ein Gesellschaftsroman ist und laden ein, mit den Schafen mitzurätseln und die Welt aus ihrer Sicht zu betrachten.

Meine Empfehlung:
Liebe Krimifans, lest dieses Buch, aber erwartet einen Krimi, der anders ist als alles, was ihr bereits gelesen habt. Liebe Tierfreunde, lest dieses Buch, weil ihr darin Schafe antrefft, die einige eurer Mitmenschen an Scha(r)fsinn und Charme überbieten. Liebe Freunde des geflügelten Wortes, ihr werdet mit "Glennkill" auf eure Kosten kommen. Und liebe Philosophen, ich kann mir gut vorstellen, dass ihr die Gedanken dieser sympathischen Wollknäuel gerne noch ein wenig weiter denken wollt. Also bitte, lest dieses Buch. Alle.

Leonie Swann
Bild: Mark Bassett
Zusätzliche Infos:
Titel: Glennkill
Autorin: Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft in München und Berlin. Mit ihren ersten beiden Romanen „Glennkill“ und „Garou“ gelang ihr auf Anhieb ein sensationeller Erfolg: Beide Bücher standen monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten und wurden bisher in 25 Sprachen übersetzt. Leonie Swann lebt heute umzingelt von Efeu und Blauregen in England und Berlin (Quelle).
Sprache: Deutsch
Fester Einband: 382 Seiten
Verlag: Weltbild
ISBN: 3-8289-8730-3

Kommentare:

  1. Wie ich schon beim Lesewochenende sagte, hat mir Glennkill noch gut gefallen, aber Garou mochte ich dann nicht mehr. Willst du das auch noch lesen?

    Die Namen der Schafe waren echt gut ausgewählt. Ich mag das gern, wenn Namen so einen gewissen Bezug zum Charakter habe.

    Es ist auf jeden Fall ein sehr spezielles Buch, das nicht allen gefällt. Aber wann kommt das schon mal vor? Meine Mutter und ihre Freundin mochten das Buch gar nicht und es musste erst in Hände kommen, bevor es jemand mochte :D

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  2. Hihi, eine Bekannte von mir ist ein Riesen-Glennkill-Fan und hat alle Bücher. Wirst du auch die anderen lesen oder kennst du die schon? Die Autorin hat da ja fast eine eigene Sparte geschaffen.

    lg Georgina

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  3. Ach und was sind Treppenhausbücher? :)

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  4. Hallo ihr Lieben

    Ja, ich werde mir den nächsten Band auf jeden Fall auch organisieren und hoffe, dass ich noch viel über die sympathischen Schafe erfahren darf.

    Treppenhausbücher sind Bücher, die ich im Treppenhaus oder unterwegs gefunden und "mitgehen lassen" habe.

    Ganz liebe Grüsse
    Livia

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  5. Hihi, ich konnte mir da gar nichts drunter vorstellen.. Aber wie "findet" man Bücher im Treppenhaus? Warum sind da Bücher?

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    1. Von den Bewohnern, die ihre Dinge loswerden wollen. Triffst du nie "Bücher zum Mitnehmen" im Quartier an?

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    2. Einfach so stellt das niemand vor die Tür, nein. Es gibt einige wenige offene Bücherschränke, aber die meisten Leute verkaufen die wohl online, spenden sie Büchereien oder tragen sie in ASZ.

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