Bücher-Adventskalender 2011, Buch 10

Nachdenken über Christa T., Christa Wolf

Diese Buchvorstellung widme ich der kürzlich verstorbenen Autorin Christa Wolf. Mit ihr ist eine fabelhafte Autorin von uns gegangen. Leider wird sie viel weniger gelesen, als sie es verdient hat und darum stelle ich euch dieses Buch vor, welches mich tief berührt hat. Ich habe es mit zwei Freundinnen zusammen ausgewählt, um es (damals noch im Gymnasium) zu analysieren und in einer Buchdiskussion vor der Klasse zu präsentieren.

"Sogar auf Wunder gefasst zu sein hatten wir verlernt. Wir hofften im Gegenteil auf den Beistand der Zufälle. Wer hätte in seiner grossen Verwirrung sich ein Herz gefasst und "so und nicht anders" gesagt? Manchmal, in einer längst bekannten Umgebung, konnten wir noch den Kopf heben, plötzlich um uns blicken: Hierher also hat es mich verschlagen..."

"Wann, wenn nicht jetzt?"
Dieser Satz, dieser Gedanke zieht sich durch das ganze Buch, welches voller Verstrickungen die Geschichte von Christa T. erzählt. Nach und nach wird die Geschichte erzählt, wie und in welcher politischen Situation sich die beiden Frauen, die Autorin und die Protagonistin, kennen gelernt haben. Und schnell wird dem Leser klar: Christa T. ist tot, an Leukämie gestorben. Was Christa Wolf also von Anfang an macht, ist nach-Denken. Einer Person nach-Denken, die sie eigentlich gekannt hatte, dachte sie. Und in Christa T.s Nachlass finden sich Notizen, Briefe und Schriften, welche der Autorin helfen, sich zu erinnern und die Lücken im Leben der Protagonistin, wie auch in ihrem eigenen Leben zu füllen. Sie füllt sie so, wie es für sie zusammen passt, stimmig ist, und merkt an, dass das was sie schreibt, hauptsächlich ihrem subjektiven Empfinden entspricht: "Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen." Und so wird nie ganz klar, welche der Geschichten über Freundschaft und Liebe, Verrat und Betrug, Krieg und DDR und nicht zuletzt über Christa T. selber stimmen.

Dieses Buch schafft es, grundsätzlichen Gedanken zum Leben und Sterben eine besondere Tiefe zu verleihen. Wer sich in dieser Erzählung verliert, wird noch tagelang suchen müssen, um in die Wirklichkeit zurück zu finden. Aber er wird nach seiner Rückkehr etwas über sich und das Leben gelernt haben.


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