Neu ausgegraben aber voller Staub

Wenn ich diesen (ursprünglich unter dem Titel "Denk an mich" geschriebenen) Text heute lese, muss ich lachen. Er ist so schlecht und eckig, dass er schon fast wieder lesenswert ist. Aber ihn habe ich mit der Fotografie assoziiert und darum wollte ich ihn euch nicht vorenthalten. Bitte verzeiht.

Liebe Grüsse
Eponine 




Claudia Hofner war von ihrer Arbeit als Lehrerin aus dem Primarschulhaus Burggasse gekommen und hatte ihre Grosseltern vom Altersheim abgeholt.
Anschliessend war sie mit ihnen zur Bäckerei Schweizerhof in A. spaziert. Wie jedes Mal, wenn sie im Schweizerhof waren, tranken sie einen Cappuccino, den einzigen Kaffee, den sie alle mochten.
Es war kurz nach Weihnachten und auf dem Unterteller, auf dem die Kaffeetasse stand, lag, wie immer während der Festtage, ein sternförmiges Meiländerli.
Alles war so, wie es sein sollte. Nichts deutete darauf hin, dass eine der drei Personen nicht mehr lange leben würde.

Der wachhabende Polizist der Kantonspolizei von S., Patrick Kistler, rannte zum Zimmer des Polizeichefs Norbert Hochstrasser, der gerade in den Lohnverhandlungen mit der Polizistin Laura Largo steckte. Kistler riss die Tür auf und keuchte in die überraschten Gesichter: „Laura, du musst sofort mitkommen, Meier von der Spurensicherung auch. Im Schweizerhof, in A. ist ein älterer Mann gestorben, Todesursache: unklar.“
Largo blieb ruhig sitzen, wie wenn Kistler nicht anwesend gewesen wäre.
Nun drängte auch Hochstrasser: „Laura, nun geh schon!“
Die Angesprochene sass immer noch da und schaute Hochstrasser herausfordernd an. „Ich übernehme den Fall, wenn ich ab sofort eine Lohnerhöhung von zehn Prozent bekomme, abgemacht?“, fragte sie verschmitzt.
Hochstrasser verwarf resignierend die Hände. „Also gut, abgemacht.“
Laura sprang auf, und schon war sie mit Kistler und dem Spurensicherer Sandro Meier verschwunden.

Als sie im Schweizerhof angekommen waren, wurden die Polizisten in den hintersten Winkel der Nichtraucherecke geführt.
In den roten Polsterbänken an einem der vielen Fenster sass ein Mann, der in ungewohnter Position erstarrt war. Er wurde flankiert von einer jungen, auffallend hübschen Frau und einem Mann in den mittleren Jahren.
Die junge Frau, die sich als die Enkelin des Verstorbenen vorgestellt hatte, schilderte Largo schockiert, was geschehen war:
„Er begann plötzlich zu keuchen, verdrehte die Augen, blieb reglos sitzen und kippte zur Seite. Er bewegte sich einfach nicht mehr und
Grossmutter schrie sofort nach einem Arzt.“
Sie seufzte tief, wischte sich die Augen mit einem verweinten Taschentuch ab und bedeutete dem jungen Mann, fortzufahren.
„Ich heisse Andreas Kälin und habe eine Arztpraxis in Z. Ich war bei meinen Eltern im Altersheim auf Besuch und wollte mir noch einen Kaffee genehmigen. Als Frau Hofner nach einem Arzt schrie, war ich sofort zur Stelle. Ich beugte mich über den Mann und erinnerte mich an einen vergifteten Patienten, den ich vor kurzer Zeit behandelt hatte. Darum habe ich die Polizei alarmiert.“
„Das war gut. Bitte bleiben Sie noch eine Weile, vielleicht müssen wir Ihnen noch ein paar Fragen stellen“, bat ihn Largo.
Der Arzt schaute sie entschuldigend an.
„Es tut mir Leid. Ich würde gerne bleiben, aber meine Praxis wartet.“
Largo seufzte, bat ihn um seine Personalien, die er ihr auch bereitwillig gab, und notierte sich auch noch die Personalien von Claudia Hofner. Nachdem der Arzt und die Enkelin des Verstorbenen den Schweizerhof verlassen hatten,
überliess Largo Sandro Meier von der Spurensicherung das „Feld“ und gesellte sich zu Martha Hofner, der Witwe von Walter Hofner. Diese war im ganzen Tumult vergessen gegangen und hatte sich an der Kaffeebar einen Schnaps gegönnt.
Largo sprach Frau Hofner ihr Beileid aus, begleitete sie ins Altersheim, weil diese viel zu verwirrt für eine klare Aussage war, und informierte die Heimleitung über den Vorfall.
Zurück im Schweizerhof setzte sich Largo neben Meier, beobachtete ihn und wartete, bis er seine Arbeit beendet hatte.
Anschliessend wurde die Leiche abtransportiert und die Polizisten fuhren zurück ins Präsidium.
Largo, um sich Notizen zu machen, Kistler, um alle Angaben, die er bekommen hatte, zu überprüfen, und Meier zog sich in sein Labor zurück, um die Fundstücke noch genauer zu analysieren.
Nach einer Stunde klopfte Meier freudig an Largos Türe.
Ohne ihr „Herein“ abzuwarten, öffnete er die Türe und zeigte ihr stolz eine Plastiktüte. „Das sind Krümel von einem Meiländerli, das zum Kaffee serviert wurde, darin habe ich Spuren des Giftes Atropin gefunden. Dieses Gift lähmt die Nerven und verursacht schlussendlich einen Herzstillstand.“
Largo lobte ihn, meldete den Fund und trug Kistler auf, die Angaben der Witwe Hofner und deren Enkelin sowie deren Umfeld zu überprüfen.
Bei dieser Überprüfung kam heraus, dass Claudia Hofners Vater, der einzige Sohn von Walter Hofner, und dessen Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, somit war die geschwisterlose Claudia Hofner die einzige Erbin.
Kistler teilte dies sofort Largo mit und nun ging es darum, Claudia Hofner des Mordes an ihrem Grossvater zu überführen.
Largo beschloss, sofort mit Claudia Hofner zu sprechen und zwar auf dem Präsidium, im Verhörraum.

Beim Verhör beteuerte Hofner wieder und wieder ihre Unschuld.
Sie antwortete klar und deutlich und blickte Largo unverwandt an. Aber trotzdem machte Hofner den Eindruck, wie wenn sie lügen würde, vielleicht, weil ihre Antworten zu direkt kamen.
Als Largo frustriert das Verhör beendete und Kistler anwies, Claudia Hofner hinauszugeleiten, war sie sich sicher, etwas übersehen zu haben.
Nach einer kurzen  Zusammenkunft der Polizisten wurde beschlossen, die ganze Energie der Ermittlungen auf die Überführung von Claudia Hofner zu verwenden. Alle umliegenden Ärzte wurden gefragt, ob sie vor kurzem ein Rezept für das rezeptpflichtige Medikament und Gift Atropin ausgestellt hatten. Aber die Suche blieb vollständig erfolglos, bis Laura Largo bei der Überprüfung von Claudia Hofners Freundeskreis auf deren beste Freundin aus Kindstagen stiess, Fabienne Bürgi, die im Schweizerhof als Serviertochter arbeitete.
Also wurde auch Bürgi aufs Präsidium zitiert.

Fabienne Bürgi sass vor einem Diktiergerät und einer Kamera im Verhörraum.
Largo eröffnete das Verhör und fiel dann sofort mit der Tür ins Haus, eine Verhörmethode, die relativ gut funktionierte.
„Fabienne Bürgi, Ihre Freundin Claudia Hofner wird verdächtigt, Walter Hofner umgebracht zu haben. Was sagen Sie dazu?“
Fabienne Hofner sprach ohne lange zu überlegen: „Er war ein Schwein.“
Largo fragte: „Wie kommen Sie auf diese Idee?“
Fabienne Hofner blickte ihr direkt in die Augen.
„Mehr sage ich nicht dazu, und da ich unter keinem Verdacht stehe, werde ich auch weiterhin nichts dazu sagen. Nur, dass Claudia richtig gehandelt hat.“
Largo wurde zwar daraus nicht klug, musste Bürgi allerdings gehen lassen.

Langsam, aber sicher begann sich in Largos Gehirn ein Gedanke einzunisten, der ihr gar nicht gefiel. Sie holte sich die Erlaubnis ihres Chefs, um Hofner noch einmal zu verhören.
Nachdem Largo das Verhör eröffnet und ein paar einleitende Fragen gestellt hatte, wagte sie sich an den kritischen Punkt heran:
„Frau Hofner, Ihre Freundin Fabienne Bürgi hat Sie als Mörderin Ihres Grossvaters bezeichnet, was sagen Sie dazu?“
Claudia Hofner wurde blass. „Das ist eine Lüge“, entgegnete sie aufgebracht. „Warum sollte Bürgi lügen?“, fragte Largo überrascht über den Ausbruch, den sie nicht von der sonst sehr gefassten Frau erwartet hätte.
Claudia Hofner atmete tief durch und entgegnete trotzig:
„Weil wir uns gestritten haben. Weil Fabienne eine verdammte Lesbe ist und ich sie deswegen verachte, ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Das ist alles.“
Largo war erschüttert über diese unmenschliche Reaktion und stellte noch ein paar weitere Fragen. Largo merkte allerdings schnell, dass aus Hofner nichts mehr herauszukriegen war und beendete auch dieses Verhör nach kurzer Zeit.

Largo benötigte Zeit, um nachzudenken und um sich von Claudia Hofners Ausbruch zu erholen. Sie machte sich Luft, indem sie im Park spazieren ging, und plötzlich hatte sie eine Idee. Sie begab sich aufs Präsidium zurück und bat Kistler, den Computer nach Apotheken in der Nähe zu durchforsten, die von einer Frau geführt wurden.
Kistler wurde schnell fündig. Es gab nur eine einzige Apothekerin in dieser Gegend. Sie hiess Kim Zehnder und arbeitete in Lachen.
So schnell es ging, wurde Zehnder vorgeladen und musste sich Largos Fragen stellen.

Kim Zehnder war eine hübsche, rothaarige Frau, aber sie wirkte scheu und eingeschüchtert.
Largo wandte wieder die „Mit-der-Tür-ins-Haus-Methode“ an und hatte auch in diesem Fall Erfolg.
Sie erfuhr beim Verhör, dass Zehnder die Lebenspartnerin von Bürgi war und stellte sogleich die wichtigste Frage.
„Frau Zehnder, haben Sie Fabienne Bürgi zum Gift Atropin verholfen?“
Zuerst schien es so, wie wenn Zehnder in Tränen ausbrechen würde. Aber dann hatte sie sich wieder im Griff und starrte Largo in die blauen Augen.
Die beiden Frauen schwiegen sich an, bis Zehnder das Schweigen brach.
„Sie sagte, sie wolle es für die Ratten in unserem Keller verwenden. Ich habe ihr nicht geglaubt, aber ich liebe sie, ich würde alles für sie tun. Also habe ich ihr das Gift gegeben und sie hat damit ohne mein Wissen einen Menschen umgebracht.“ Zehnder schien fassungslos zu sein und ihre Verwirrung wirkte echt und ehrlich.
Largo war entsetzt über die Naivität von Zehnder, führte aber das Verhör noch zu Ende, obwohl sie mit ihren Gedanken nicht ganz bei der Sache war.
Largo entschied sich dafür, Fabienne Bürgi zu überführen, und zitierte diese nach einer kurzen Denkpause aufs Präsidium.

Erneut sass Laura Largo Fabienne Bürgi gegenüber. Es war dunkel im Verhörraum und es herrschte eine düstere Stimmung.
„Wie in einem schlechten Krimi“, dachte Largo und eröffnete das Verhör.
„Frau Bürgi, Sie werden des Mordes an Walter Hofner verdächtigt. Haben Sie dazu etwas zu sagen?“
Bürgi schaute sie trotzig an und entgegnete: „Er war ein Schwein, das ist alles, was ich zu sagen habe. Er hat sich an Mädchen vergriffen. Ja, wie ich sehe, haben Sie verstanden. An kleinen Mädchen, wie Claudia und mir. Natürlich hat er uns verboten, darüber zu sprechen. Claudia hat versucht, sich umzubringen, aber sie hat es zum Glück nicht geschafft und ich, ich bin kalt und gefühllos geworden, seit ich das erste Mal bei Claudia zu Hause war. Wie Sie wissen, wohnte sie bei ihren Grosseltern, weil ihre Eltern tot waren.
Wegen Claudias Grossvater lernte ich zu hassen und ich persönlich habe ihm das Gift über sein verdammtes Meiländerli gestreut und ihm zugewinkt, als er gegen den Tod kämpfte. Hoffentlich hat er in seinen letzten Sekunden an mich gedacht. Mein Herz hat während seines ganzen Todeskampfes  ein stummes „Vergissmeinnicht“ geschrien, ich wünsche ihm, dass er es gehört hat.
Mit dieser Aktion habe ich mich gerächt, für Claudia und mich. Ich hoffe, dass sie sich wieder mit mir versöhnt.
Vielleicht wird sie mir eines Tages dankbar sein dafür, dass ich diesen Scheisskerl umgebracht habe, vielleicht.“
Largo war entsetzt und sie hatte nicht einmal mehr so viel Geduld für Bürgi übrig, um das Verhör zu Ende zu führen. Sie winkte Kistler herein und wies ihn an, Bürgi abzuführen. Erleichtert, die Lösung des Falles in so kurzer Zeit gefunden zu haben, verliess Largo das Präsidium.

Als die Ermittlungen abgeschlossen und alle Formulare ausgefüllt und zu den Akten gelegt waren, gönnte sich Largo einen freien Tag, an dem sie bis mittags im Bett lag und sich anschliessend einen Spaziergang genehmigte.
Die Luft draussen war kalt und der Nebel umfing sie wie eine sichere Hülle.
Largo beschloss, mit ihrem Privatauto nach A.f zu fahren und sich im Schweizerhof in die hinterste Nichtraucherecke ans Fenster zu setzen und gemütlich einen Capuccino zu trinken.

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